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Ausbreitung des »Homo capitalus« im Baltikum

  • Von Laura Valentukeviciute
  • Lesedauer: 3 Min.

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Laura Valentukeviciute engagiert sich bei attac und arbeitet als Koordinatorin bei Gemeingut in BürgerInnenhand (GiB).
Laura Valentukeviciute engagiert sich bei attac und arbeitet als Koordinatorin bei Gemeingut in BürgerInnenhand (GiB).

Während der Feiertage verbringe ich wieder die Zeit in Vilnius in Litauen. Dabei nutze ich die Gelegenheit, mehr darüber zu erfahren, was die Menschen hier bewegt, empört und was sie dagegen unternehmen. Die letzte Frage konnte mir keiner von meinen fünf GesprächspartnerInnen beantworten. Und dabei gibt es eine Menge Anlässe aktiv zu werden und einen Haufen offener Fragen, die über der stumpf fröhlich konsumierenden Masse bedrohlich in der Luft hängen.

Den letzten Satz kann man sogar als ein makabres Gleichnis lesen: Ende November stürzte das Dach eines Einkaufzentrums in Riga (Lettland) ein und riss 54 Menschen in den Tod. Inhaber war der litauische Konzern »Vilniaus Prekyba« (Vilnius Handel), der mit seinen zahlreichen riesigen Einkaufshallen »Maxima« und den Ladenzentren »Akropolis« eine monopolartige Stellung in Litauen hat und sich ebenso in Lettland ausbreiten wollte. (Nach dem Unglück wird der Traum hoffentlich nicht in Erfüllung gehen, obwohl der Konzern in den gut 15 Jahren seiner Existenz schon mehrere Tochterunternehmen gegründet, sich diverse Namen gegeben und so die Behörden und BürgerInnen in die Irre geführt hat).

Infolge des Einsturzes trat – für viele ganz unerwartet – der lettische Ministerpräsident zurück. Damit hat er sich einen Gefallen getan und sich die Beantwortung einer sehr unbequemen Frage erspart, nämlich warum seine Regierung 2009 die staatliche Bauaufsichtsbehörde privatisiert hatte. Keinen Gefallen hat sich im Gegensatz der Chef von »Maxima Latvija« (Maxima Lettland) getan: Auf die Frage, ob er zurücktreten wird, antwortete er: »Warum denn? Nur diejenigen treten zurück, die sich schuldig fühlen. Ich kann den Menschen in die Augen schauen.« Völlig ausgeblendet hat er dabei die Tatsache, dass er den Laden in Betrieb hielt, während auf dem Dach zusätzliche Bauarbeiten durchgeführt wurden und schweres Baumaterial lag. Und obwohl die Alarmanlage sich vor dem Unfall einschaltete, wurden die Menschen nicht evakuiert. Die MitarbeiterInnen mussten zuerst nachschauen, ob das Signal zu Recht ertönt – man kann die KäuferInnen und ihr Geld doch nicht ohne Not aus dem Laden vertreiben.

Besonders dieser Zynismus hat doch viele Menschen schockiert: Die einen haben die Geschäfte von Maxima rot beschmiert, die anderen öffentliche Aktionen und Performances durchgeführt. Von einer Aktion, die auf die Sensibilisierung der Menschen zielte, las ich im anarchistischen litauischen Blog anarchija.lt Da einer der Gründe für den Einsturz sehr wahrscheinlich in der fehlerhaften Bauausführung bzw. zu schwacher Verschraubung lag, verteilten die AktivistInnen in einem der Einkaufszentren von »Vilnius Handel« Schrauben an die KundInnen, befestigt an einem Zettel mit der Überschrift »Dreh die Schraube fester an – kauf nicht von den Verbrechern«.

Proteste gegen Maxima gab es schon früher, denn das Unternehmen ist seit seiner Gründung im Jahr 1998 für seine ausbeuterische Arbeitspolitik, unlautere Geschäftspraktiken und ignorante Haltung bekannt. Die Geschäftsmänner und -frauen von »Vilnius Handel« nannte eine Bloggerin von anarchija.lt »homo capitalus«, für die die höchste aller menschlichen Eigenschaften der Geschäftssinn sei. Empathie oder Verantwortung stehen dem diametral gegenüber und stören sogar dabei, das Kapital zu vermehren. Sie schreibt: »In unseren Wirtschaftslehrbüchern wird gepredigt, dass man alles Geld verdienen muss, das nur verdient werden kann. Denn nicht verdientes Geld ist verlorenes Geld. Diese Idee funktioniert mittlerweile einwandfrei in den Köpfen vieler unserer Mitmenschen. Übrigens, die Alarmanlage, die die Einsturzgefahr meldete, funktionierte auch einwandfrei. Sie wurde aber ignoriert – damit homo capitalus an sein Geld kommt.«

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