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Unermüdlich, wortgewaltig

Helmut Bock gestorben

  • Von Jörn Schüttrumpf
  • Lesedauer: 3 Min.

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Zu seinem 60. Geburtstag im März 1988 sagte er mir, dass er nun nicht mehr schweigen werde; das Land laufe endgültig auf eine Katastrophe zu. Dabei war Helmut Bock unter den DDR-Historikern einer jener, die sich stets eingemischt hatten - nicht etwa weil er gegen den Sozialismus eingestellt war, sondern weil er sich für ihn entschieden hatte, und zwar mit aller Konsequenz: 1946, mit achtzehn Jahren, war der Kölner in die Sowjetische Besatzungszone gegangen, um dort am Versuch mitzutun, eine Gesellschaft zu formen, die einen abermaligen Faschismus unmöglich macht. Ehe er 1948 das Germanistik- und Geschichtsstudium aufnahm, arbeitete er als Lehrer an einer Polizeischule; nebenher betrieb er Leichtathletik und brachte es 1949 bis zum Ostzonenmeister.

Historikern zuzuhören, ist nicht immer ein Genuss. Helmut Bock, der wortgewaltige Rheinländer, stach unter den oft faden Sachsen und Preußen heraus - nicht zuletzt weil nicht Stereotype, sondern die großen Zusammenhänge seine Sache waren, detailgenau untermauert.

Seine Helden trugen Namen wie Ludwig Börne, der große Kritiker der deutschen Zustände des Vormärz, und Ferdinand von Schill, der konservative Freischärler. Über Heinrich Heine verfasste er im fortgeschrittenen Alter eine der schönsten Biografien. Und: Ewig trieb ihn, der zum letzten Aufgebot der Hitlerwehrmacht gehört hatte, die Krieg-Frieden-Problematik um. Auch hier hinterließ er Bleibendes.

Das große Thema bildeten für ihn jedoch die Revolutionen der Franzosen im 18. und 19. Jahrhundert sowie die russische Revolution von 1917; über sie und ihre Folgen schuf er sein großes Alterswerk. Warum war der hoffnungsvolle Aufbruch des Roten Oktober in Diktatur und Lüge verkommen? Helmut Bock wusste, dass Sozialismus nur möglich ist, wenn er von der Sehnsucht der Unterdrückten und Benachteiligten getragen wird. Und er wusste und sagte es allen, die es hören, und auch allen, die es nicht hören wollten, dass nichts die sozialistische Idee so diskreditiert hat wie ihre Verunstaltung durch Sozialisten an der Macht. Eine neue sozialistische Perspektive konnte für Helmut Bock nur durch eine schonungslose Aufarbeitung der sozialen Befreiungsbewegungen der vergangen 200 Jahre erarbeitet werden. Dafür engagierte er sich unermüdlich, auch in der Historischen Kommission der PDS.

Schon von schwerer Krankheit gezeichnet, bot er uns vor zwei Jahren sein Opus magnum an: die Geschichte der sozialen Revolution; er hat das Erscheinen dieses Meilensteines marxistischer Historiographie im Frühjahr dieses Jahres noch erlebt, ja, er schob vor wenigen Wochen sogar noch sein großes Napoleon-Buch nach. Bei der Buchvorstellung am 15. Oktober saßen wir das letzte Mal zusammen auf einem Podium; Helmut Bock hat bis zum letzten Atemzug gearbeitet.

Am vergangenen Freitag hörte sein Herz auf zu schlagen. Wir müssen ohne ihn weitermachen …

Jörn Schüttrumpf ist Verleger des Karl Dietz Verlags

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