Tanz den Vampir

Im Kino: »Only Lovers Left Alive« von Jim Jarmusch

Ein Vampirfilm zu Weihnachten? Das scheint nicht recht zusammenzupassen, auf den ersten Blick jedenfalls. Allerdings Wein und Blut, die Verwandlung des einen in das andere, spielt auch im christlichen Abendmahl eine zentrale Rolle. Die Transsubstantiationslehre besagt, dass beim Abendmahl das Blut Christi getrunken wird - allerdings nur symbolisch, wir sind schließlich keine Vampire. Oder doch?

Der Regisseur von »Only Lovers Left Alive« ist nicht irgendeiner, sondern Jim Jarmusch, der melodischste unter den regieführenden Melancholikern des Weltkinos. Ein Romantiker, dem die fortschreitende »Uniformisierung der Welt«, von der Stefan Zweig schon vor einem Jahrhundert sprach, zuwider ist. Seine Filme wollen der Trivialität der auf schnellen Konsum setzenden Massenkultur entkommen. Mit wechselndem Erfolg. Wie alle Romantiker kann Jarmusch sehr zynisch sein, wenn es um das Geschäft geht. Gefragt, warum sein neuer Film ausgerechnet von Vampiren handelt, antwortete er lakonisch, weil die sich, so habe er gehört, gut verkaufen lassen. Das ist allerdings selbstironisch gemeint, denn dass ein Vampir-Film von Jarmusch eine besondere Art von Kunstfilm werden würde, das haben die amerikanischen Produzenten bereits geahnt. Also fehlte ihm lange Zeit das Geld, diesen Film machen zu können. Und liest man nun die Liste derer, die das Projekt schließlich ermöglichten, dann registriert man erstaunt, dass vier von fünf Geldgebern deutsche Filmförder-Erinrichtungen waren.

Das ist eine ungewöhnliche Tendenz, bedenkt man, dass der inzwischen 60-jährige Jarmusch zum US-amerikanischen Kino-Urgestein gehört, allerdings des Independent-Films jenseits der großen Studios. Jarmusch drehte solche zur Legende gewordenen Filme wie »Night on Earth« (1991), »Ghost Dog - Der Weg des Samurai« (1999), »Coffee and Cigarettes« (2003) und »Broken Flowers« (2005). Der wichtigste Film scheint mir jedoch »Dead Man« von 1995 mit Johnny Depp. Ein Schwarz-Weiß-Western über die Reise eines schwer Verwundeten ins Totenreich, ein Meisterwerk im Zelebrieren unwirklicher Atmosphären.

In gewisser Weise setzt »Only Lovers Left Alive« fort, was mit »Dead Man« begann. Eine fragile Gegenwelt letzter Individualitäten, die sich der herrschenden Verdummung zwar nicht mehr offen zu widersetzen vermögen, jedoch gleichsam in die Nacht abtauchen, wo sie ihre Art von Gegenkultur leben. Ist das Sujet der Vampire hierfür richtig gewählt? Es bleiben Zweifel, die der Film bis zuletzt eher verstärkt, denn ausräumt.

Hätte Jarmusch, statt diesen Film zu drehen, ein Manifest geschrieben, so stünde etwa Folgendes drin: Gebt unserem Leben die Poesie zurück, den verborgenen Zauber der Zwischentöne, das unaufklärbare Geheimnis unserer Existenz! Was ist es, das Tag und Nacht, Geburt und Tod, Vernunft und Traum verbindet wie eine Brücke über Ströme, die vergehn, wie Gottfried Benn es nannte? Davon handelt dieser Film, den der Melancholiker Jarmusch ganz aus Musik und elegischen Bilderfolgen komponierte.

Die Szenerie: Adam (Tom Hiddleston), ein Musiker auf der Flucht vor dem Erfolg seiner Musik, versteckt sich in einer alten Villa in Detroit. Dort lebt er mit inzwischen musealer Technik, zumeist aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Er verlässt, wenn überhaupt, nur nachts sein Haus. So in seiner Burg umgeben mit lauter Dingen, die der schnelle Fortschritt ins Vergessen befördert hat, ist er schöpferisch geblieben - trotz digitaler Welt, die ihn hier nie erreicht hat. Er lebt ausschließlich inmitten analoger Technik. Mit der Welt von heute will er nichts zu tun haben. Obwohl seine Musik, die in Clubs gespielt wird, überaus erfolgreich ist, bleibt er selbst immer im Verborgenen.

Das alles ist auf poetische Weise in eine dichte Atmosphäre gebracht, und es stört nur eines daran: dass Adam kein Mensch sein soll, sondern ein Vampir. Denn die Aussteiger- und Nischenthematik eines Künstlers, der zu individualistisch ist, um in einer massenmedial gesteuerten Welt überleben zu können und sich immer weiter in Parallelwelten zurückzieht - ist das etwa kein Thema? Aber weil Adam nun unbedingt ein Vampir sein muss, der durch die Jahrhunderte hindurch mit den besten Musikern der Welt verkehrte, bekommt die Geschichte nun selbst das, was sie unbedingt vermeiden wollte: etwas Vordergründiges und damit Billiges.

Zudem Adam ein kultivierter Vampir ist - jedenfalls fast bis zum Schluss des Filmes. Er trinkt nur Blut aus Konserven, die er bei einem korrupten Arzt des örtlichen Krankenhauses in reichlichen Mengen einkauft. Er hat eine alte Geliebte, wenn man denn die Dimension der Zeitlichkeit zulassen will, was im Genre der Vampirfilms allerdings unstatthaft ist. Eve (Tilda Swinton) lebt in Tanger, auch da hat sie ihre Versorgung mit Blut geregelt, ohne jemanden in den Hals beißen zu müssen. Ab und zu telefonieren sie - und als Adam immer tiefer in die Depression sinkt, setzt sie sich ins Flugzeug (Nachtflug!) und kommt zu ihm nach Detroit. Denn Adam hat schon ein Pistole geordert mit einer Kugel aus besonders hartem Holz! Er ist also lebensmüde, oder wie soll man das bei einem derart Untoten nennen? An solchen sich nun häufenden Genrefilm-Momenten spürt man, dass einen die Existenznöte eines Vampirs doch eher kalt lassen.

Anderes aber rückt dafür näher. Das nächtliche Detroit etwa. Es spielt für Jarmusch eine besondere Rolle. Hier wuchs er auf, hier arbeitete sein Vater in der Autoindustrie. Damals, so Jarmusch, sei Detroit »ein magischer Ort« gewesen. Inbegriff aller Wohlstandsträume. Heute ist dies eine Industriewüste, denn die riesigen Straßenkreuzer von einst sind längst Geschichte. Und nichts ist trister als Orte der Konsumindustrie, wenn die Karawane weiter gezogen ist. Dann bleibt nur der Müll zurück. Jarmusch: »Es ist ein ausgeweidetes Großreich, niemand kümmert sich mehr.« Dieser Hintergrund erklärt vielleicht, warum der Regisseur meint, nur noch ein Vampir könne im Detroit von heute existieren, einer, der von seinen Träumen lebt und bei Tage nie einen Fuß vor die Tür setzt.

Trotz der ausgesuchten Ausstattung, dem traumhaften Gang bis hin in die Kasbah von Tanger - all das, was Jarmusch an Differenziertheit, an Rettung des Außenseiterhaften, an atmosphärischer Bildsprache auch gelingt - das klischeehafte Vampir-Sujet zieht den Film immer wieder hinab in die Kolportage. Jarmusch, der eigentlich doch darauf spezialisiert ist, verschiedensten Genres so viel Geist einzuhauchen, dass etwas unerwartet Neues vor uns steht, bedient in »Only Lovers Left Alive« das Vampir-Genre auf allzu ausrechenbare Weise. Das ist schade, denn man ahnt Jarmuschs Absicht, die hier dann doch bloße Behauptung bleibt. Wären Adam und Eve Menschen statt Vampire, ihre morbide Liebesgeschichte im nächtlichen Abseits hätte großartig werden können.

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