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Straßenkampf unter Professoren

In Halle wird über den Biochemiker Emil Abderhalden als Namenspaten gestritten

  • Von Hendrik Lasch, Halle
  • Lesedauer: 5 Min.
An Halles Universität wird bald ein neues Geisteswissenschaftliches Zentrum eröffnet. Es läge in der Emil-Abderhalden-Straße. Um die Frage, ob er als Namenspate taugt, ist ein erbitterter Streit entbrannt.

Mit 670 Metern Länge zählt die Emil-Abderhalden-Straße nicht zu den Magistralen der Stadt Halle. Eine nicht unwichtige Adresse ist sie aber schon jetzt. In teils ansehnlichen Villen aus der Gründerzeit residieren Bereiche der Universität Halle, die Universitätsbibliothek hat ihren Sitz gleich um die Ecke. Und das neue Geisteswissenschaftliche Zentrum, das in einigen Monaten übergeben werden soll, hätte die Emil-Abderhalden-Straße als Postanschrift.

Das aber ginge gar nicht, meint eine Gruppe von rund 30 Professoren der Universität Halle, die im Oktober mit einem Appell an die Öffentlichkeit gingen. Die Wissenschaftler, darunter Politologen, Ethnologen und Juristen, fordern eine schnelle Umbenennung. Emil Abderhalden, nach dem die Straße 1953 benannt wurde, tauge nicht als Namenspate für die Straße, »in der wissenschaftliche Redlichkeit, gesellschaftliche Verantwortung und das Einstehen für Humanität zu Hause sind«.

Die Geschütze, die gegen Abderhalden aufgefahren werden, sind schwer. Der 1877 geborene Biochemiker, der ab 1911 an der Universität Halle gelehrt hatte und von 1931-49 Präsident der Naturforscher-Akademie Leopoldina war, habe zum einen wissenschaftlich nicht seriös gearbeitet. Diese Begründung »wissenschaftlichen Fehlverhaltens« war bereits 2010 in Berlin ins Feld geführt worden, wo ein nach Abderhalden benanntes Gebäude an der Humboldt-Uni einen neuen Namen erhielt. Vor allem aber, betont die Hallenser Initiative, habe Abderhalden zum »Establishment des Nazi-Regimes« gehört - und sei durch seine Arbeit auf dem Gebiet der Eugenik zum »Stichwortgeber der Euthanasie-Aktionen des Dritten Reichs« geworden.

Neu sind die Vorwürfe nicht: Bereits 2010 hatte die Ratsfraktion der Grünen einen Antrag auf Umbenennung gestellt. Der freilich liegt seither im Kulturausschuss. Schon damals hatte der Vorstoß für eine heftige Kontroverse gesorgt. Namhafte Experten widersprachen energisch der Einschätzung, die Straßenbenennung nach Abderhalden sei »nicht mehr angemessen«. Der Historiker Ernst Luther verwies damals auf Recherchen, die schon 1952 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Leopoldina angestellt wurden. Er entkräftet den Vorwurf, Abderhalden habe als Präsident in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem NS-Regime jüdische Kollegen aus der Akademie gedrängt. Vielmehr habe er ihre Namenskarten ans Ende der Kartei gesetzt und sie damit offenkundig »als zeitlich passive Mitglieder« angesehen, erklärt Luther.

Auch in der jetzt erneut aufgelebten Debatte melden sich Verteidiger Abderhaldens zu Wort. So setzt sich der Mediziner Dietmar Gläßer in einem fünfseitigen Offenen Brief umfangreich mit den Vorwürfen auseinander und kommt zum Schluss, die Befürworter der Umbenennung seien »Teil einer Kampagne geworden«, die Abderhalden mit »wahrheitswidrigen Argumenten« diskreditiere. Gläßer verteidigt den Wert von dessen wissenschaftlicher Arbeit, erläutert sein soziales Engagement und betont vor allem, Abderhalden sei »kein Rassist und insbesondere kein Antisemit gewesen«. Zwar seien einige Handlungen als Zugeständnisse an das NS-Regime anzusehen. Wer aber, schreibt Gläßer, »in einer Diktatur leben, arbeiten und eine Familie schützen muss, wird immer wieder gezwungen, vorauseilenden Gehorsam zu praktizieren«.

Ähnlich äußert sich der Physiker Eike Rosenfeld. Wenn Menschen, die im »sicheren Sessel« einer gefestigten Demokratie säßen, über Handlungen von Menschen unter den Bedingungen einer Diktatur urteilten, könnten sie leicht »zu falschen Schlüssen kommen«. Ein solches vorschnelles Urteil sieht er auch im Vorwurf, Abderhalden habe der NS-Euthanasiepolitik den Weg bereitet. Es sei »völlig abwegig«, ihn mit den Rassenhygienikern in einen Topf zu stecken, schreibt Rosenfeld - auch wenn etliche seiner Äußerungen zur Eugenik heute »befremdlich« erschienen.

Diese Einschätzung gilt freilich nicht nur für Abderhalden, sondern auch für zahlreiche andere Vertreter der anfangs des 20. Jahrhunderts als Wissenschaftsrichtung verbreiteten Eugenik. Ziel war es damals, durch die gezielte Verbesserung von Erbanlagen die Entwicklung der Menschheit zu beeinflussen. Eine unter mehreren Methoden: Vermeintlich »Minderwertige«, etwa Kranke und Kriminelle, sollten von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. In der Rückschau wirken die Ideen teils grotesk. Als das Dresdner Hygienemuseum im Jahr 2006 die Ausstellung »Tödliche Medizin im Nationalsozialismus« zeigte, schrieb der Humangenetiker Heinrich Zankl im Begleitband, man könne »aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehen«, dass ernsthafte Wissenschaftler meinten, die »barbarischen rassenhygienischen Maßnahmen könnten das Erbgut des ganzen deutschen Volkes nachhaltig verbessern«.

Was es indes nicht gibt, ist eine gerade Linie von der Eugenik zu den Zwangssterilisationen und der späteren Euthanasie der Nazis. Gesetze, die Sterilisierungen erlaubten, existierten teils bis nach 1945 auch in Ländern wie den USA oder Dänemark. In der Weimarer Republik vertraten viele Sozialdemokraten diese Denkrichtung. Auch sie befürworteten unter anderem Sterilisierungen, im Unterschied zur späteren NS-Politik allerdings auf freiwilliger Basis.

Zur Frage, wie genau das Wirken Abderhaldens auf diesem Feld einzuschätzen ist, gibt es noch Klärungsbedarf, wie auch Dietmar Gläßer einräumt. Nicht nur er setzt seine Hoffnungen auf eine Kommission von »neutralen Historikern«, die im Auftrag der Leopoldina auch das Wirken Abderhaldens untersucht. Der Bericht soll im Frühjahr 2014 vorliegen. Er dürfte den Kritikern aber wohl keinen Rückenwind verschaffen. Darauf deuten Äußerungen einer Vertreterin der Leopoldina hin, die sich Anfang Dezember im Kulturausschuss des Stadtrates äußerte.

Dieses Gremium wird maßgeblich dafür sein, ob es zu einer Umbenennung kommt. Allerdings steht der Ausschuss unter einigem Druck, für den nicht zuletzt der Oberbürgermeister Bernd Wiegand verantwortlich ist. Er preschte unvermittelt mit der Idee vor, die Straße nach Anton Wilhelm Amo zu benennen, der ab 1727 als erster Afrikaner in Halle studiert hatte. Zuvor war sogar erwogen worden, die eher kurze Straße zu teilen, um dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum zu einer weniger kontroversen Anschrift zu verhelfen. Im Stadtrat fiel Wiegand aber mit seinem Vorstoß durch. Man lasse sich »nicht unter Zeitdruck setzen«, sagt Erwin Bartsch, der für die LINKE im Kulturausschuss sitzt. Entschieden werde, wenn das Gutachten der Leopoldina vorliege. Wenn sich darin keine neuen, schwerwiegenden Vorwürfe fänden, »stimme ich einer Umbenennung nicht zu«.

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