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Was blieb? Was ging verloren?

Adolf Heilborns Feuilletons aus dem Jahr 1925: »Die Reise nach Berlin«

Der Umschlag des Buches wirbt zu Recht mit einem Textauszug über den Trubel am Potsdamer Platz. Wir aber versuchen es, der Jahreszeit gemäß, mit diesen köstlichen Sätzen: »die Breite Straße ... O, wie behaglich sah es hier zu Weihnachten in meinen Kindertagen aus, wenn längs des Bürgersteigs die Leinwandbuden aufgebaut waren! Zumal die Zinngießer mit ihren Bleisoldaten - das ganze preußische Heer - die Braunschweiger Pfefferküchler, die Sattler mit den Schaukelpferden, die Wachszieher mit den flügelschlagenden Weihnachtsengeln.«

Es ist bewundernswert, welche Berlin-Entdeckungen der Verlag für Berlin-Brandenburg durch archivalische »Grabearbeit« zu Tage fördert und zu Vergnügen und Bildung heutiger Leser aufbereitet. Nach »Fontanes Berlin« oder Franz Hessels Spaziergängen, um nur diese beiden Bücher zu nennen, bietet das Verlagsprogramm mit den Berlin-Feuilletons von Adolf Heilborn wieder solche »Perlen« heiterer Erzählkunst. Der Autor hatte sie im Jahr 1921 in der »Berliner Morgenpost« in Fortsetzungen und vier Jahre später unter dem Titel »Die Reise nach Berlin« als Buch veröffentlicht. Der Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller Adolf Heilborn ist heute zu Unrecht fast vergessen, umso dankenswerter ist es, dass André Förster im Vorwort über ihn informiert.

Zwölf Kapitel dieses »romantischen Baedekers« führen durch das damals »neue« Berlin, die Hälfte davon in und um »Alt-Berlin und Kölln« herum, die anderen zu ferneren, der Stadt gerade eingemeindeten Stadtteilen mit den typisch berlinerischen ländlichen Ausflugszielen. Das Buch sei ein Plauder- und Bilderbuch, hat der Autor gesagt. Es ist weit mehr, die Spaziergänge sind »Köstlichkeiten« (ein Wort, das der Autor oft und gern benutzt), heiter und voller wehmütiger Erinnerungen an frühere Zeiten. Solche Bücher erzeugen ja geradezu einen Sog, auf historische, literarische und architektonische Entdeckungsreise zu gehen. Der heutige Leser macht also gleich einen doppelten Schritt zurück in die Vergangenheit. Was blieb? Was ging verloren? Vieles ist eben leider nur noch zwischen den Buchdeckeln erhalten. Hilfreich ist das dem Buch hinzugefügte Glossar.

Spazieren wir also durch Berlins alte Mitte mit Potsdamer Platz, Leipziger Straße, Fischerinsel, Nikolaikirche, Schlossplatz und Dom, dessen »Zuckerbäckerstil« der Autor ebenso schrecklich findet wie die neuen »Industriebauten«. Aber was gibt es nicht alles zu entdecken! Die alten Kirchen, die Friedhöfe, barocke Fassaden. Treppenhäuser, Erker, Reliefs, Inschriften, Standbilder und verwinkelte Hinterhöfe mit Fliederbüschen und Rankenwerk. Und mit ihnen die Wohn- und Wirkungsstätten unendlich vieler bedeutender Persönlichkeiten, von Lessing, Moses Mendelssohn, Friedrich Nicolai über E.T.A. Hoffmann, Chamisso, Schinkel, bis zu Diesterweg und Virchow. »Es ist kein Ende der Namen.« Über allem aber schwebt als Heilborns ungekrönter König der große Theodor Fontane.

Adolf Heilborn: Die Reise nach Berlin. Verlag für Berlin-Brandenburg (vbb), 135 S., geb., 14,95 €.

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