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»Privatleben? Da komme ich nicht zu«

Die Ausstellung »Prekäres Leben, prekäre Arbeit, prekäre Zukunft« von Fototeam ver.di tourt durch die Republik

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Gefangen in der Niedriglohnfalle, in prekärer Arbeit und Dauerbefristung. Betroffene erzählen von ihrer Erwerbsrealität.

Andreas W. (29) hat einen soliden Beruf erlernt und kommt damit auf keinen grünen Zweig. Der Fahrzeuglackierer wurde vor Jahren wegen Auftragsmangels entlassen. Mit seiner »Zeitarbeitskarriere« bleibt er an der prekären Arbeit hängen. Dieser »Klebeeffekt« hat System: »Ich habe erlebt, dass mein Arbeitgeber Eingliederungszuschüsse vom Arbeitsamt bekommen hat. Am Tage nach Ablauf des Zuschusses war ich entlassen, ein neuer Kollege wurde eingestellt.« So begann für Andreas W. der soziale Abstieg. Früher kam er im Beruf auf gut 14 Euro Stundenlohn, jetzt sind für dieselbe qualifizierte Arbeit nur noch 8,80 Euro drin. Seine Ehefrau arbeitet als Regalauffüllerin im Einzelhandel. Weil das Geld nicht zum Überleben reicht, bezieht die Familie ergänzende Sozialleistungen. »Da stimmt doch etwas nicht in diesem Land«, bringt es W. auf den Punkt.

Der Fahrzeuglackierer ist einer von knapp acht Millionen Niedriglöhnern, die sich Tag für Tag in Formen prekärer Arbeit durch das Leben schlagen und damit zu selten »outen«. Sie begegnen uns im Supermarkt, im Friseursalon, als Zusteller und anderswo. Ihnen hat das ehrenamtliche Fototeam von ver.di Hessen jetzt eine Ausstellung gewidmet, die unter dem Titel »Prekäres Leben, prekäre Arbeit, prekäre Zukunft« in Bild und Wort Einblicke vermittelt. Die Ausstellung lässt Betroffene stellvertretend für viele andere mit ihren Erfahrungen und Hoffnungen zu Wort kommen. Jede Ausstellungstafel hat zwei Teile. Auf der linken Seite schildern Betroffene ihren Weg in die Niedriglohnfalle. Gesichter und Profile sind durch einen Schattenriss anonymisiert. Dahinter gelegte weitere Schatten weisen darauf hin, dass ihr Schicksal für viele andere steht. Rechtsseitig werden alltägliche Beispiele prekärer Arbeit dargestellt.

Weil prekäre Arbeitsbedingungen fast jeden treffen können, spiegeln sich in der Ausstellung die Erfahrungen von Jüngeren und Älteren, Männern und Frauen, Unqualifizierten, Facharbeitern und Hochschulabsolventen wider. Es sind erschütternde Erfahrungsberichte von Menschen, die aus dem Niedriglohn nicht herauskommen, nur mit Überstunden überleben können, trotz Vollzeitjobs aufstocken müssen, als Zeitarbeiter hin und her geschoben werden, in der Unsicherheit dauernder Befristungen leben und noch vor der Rente ihr Erspartes dahin schmelzen sehen und dann in den Zwängen Hartz IV landen.

Wer die dargestellten Schicksale näher einordnet, stößt rasch auch auf eine gezielte Kumpanei zwischen Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern. So begegnen wir dem Pädagogen und Industriekaufmann Elmar B. (41), zu dessen prekärer »Karriere« auch eine befristete Tätigkeit als Dozent bei einem privaten, von der Bundesagentur für Arbeit finanzierten Bildungsträger gehörte.

Ein Opfer politischer Entscheidungen zur Privatisierung und Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungen seit den 1990er Jahren ist die gelernte Kosmetikerin Zanak P. (40), die zeitweilig als Briefzustellerin bei der Deutschen Post deutlich besser verdiente als im erlernten Beruf. »Aber der Vertrag war befristet.« Eine Folge der Privatisierung, schließlich waren bei der alten Bundespost noch viele Zusteller als Beamte des einfachen Dienstes unkündbar und ohne Existenzsorgen. Zanak P. verdingte sich kurz bei einer Tankstelle und wurde nach der Probezeit entlassen. Der private Briefzusteller, bei dem sie zeitweilig arbeitete, geriet in die Insolvenz. Es folgte die Ausbildung zur Luftsicherheitskontrollkraft. Seit 2008 arbeitet sie am Flughafen. »Der Stundenlohn ist nicht üppig«, sagt Zanak P., die oft 200 Stunden im Monat ableistet, weil ständig Personalknappheit herrscht. »Wegen des niedrigen Lohns suchen sich viele möglichst schnell eine besser bezahlte Stelle.« Und wie steht es um ihr Privatleben? »Da komme ich kaum zu.«

Die Ausstellung regt auf und an. Sie widerlegt Legenden bildet eine solide Basis für gewerkschaftliche und politische Forderungen, ist schon über Monate ausgebucht und wandert in doppelter Ausfertigung durch die gesamte Republik.

Termine: hessen.verdi.de/fototeam/2013-06-13-ausstellung-prekaer

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