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Die Verehrer

Warum Werner Müller und andere sich darum kümmern, dass der Opern- und Konzertsänger Wolfgang Anheisser nicht vergessen wird

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 9 Min.

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Vor 40 Jahren, am 5. Januar 1974, verstarb in der Universitätsklinik Köln ein Mann, der in Deutschland als »Stern am Opernhimmel« gefeiert wurde und dessen internationaler Durchbruch unmittelbar bevorstand. Nur 44 Jahre alt ist Wolfgang Anheisser geworden. Aus dem Leben riss ihn keine Krankheit, sondern ein Unfall auf der Bühne. Am Neujahrstag hatte er in einer Aufführung von Carl Millöckers »Der Bettelstudent« die Titelpartie singen und spielen sollen. Gleich in der ersten Szene war der Sprung von einem fast vier Meter hohen Balkon vorgesehen. Die Bühnenarbeiter hatten schlampig gearbeitet - das Halteseil hielt nicht, Anheisser stürzte in die Tiefe. Die zum Gesang mit Luft vollgepumpten Lungen wurden beim Aufprall irreparabel zerstört. Vier Tage später versagte sein Herz.

Im Sommer 1973 genoss ein Mann im Dresdner Kulturpalast in vollen Zügen ein Konzert. Der Mann liebte Musik seit seiner Kindheit. Sein Großvater, Stellmacher bei der Reichsbahn, hatte zu jedem Familiengeburtstag »Ännchen von Tharau« angestimmt, er selbst als Kind im Halberstädter Prätorius-Chor Heinrich Schütz-Motetten und Kantaten von Johann Sebastian Bach gesungen. Als Dreizehnjähriger war er zu einer Kulturgruppe der FDJ gestoßen, 1955 Soldat der Nationalen Volksarmee geworden, wo er als Jugendoffizier mit seiner Truppe Ernst Busch-Lieder schmetterte. »Fort mit den Trümmern und was Neues hingestellt« - er verehrte Busch. Und seit 1968 verehrte er Anheisser. In jenem Jahr hatte er den Kavalierbariton erstmals in Ruth Berghaus’ grandioser Inszenierung von Gioachino Rossinis »Der Barbier von Sevilla« an der Deutschen Staatsoper Unter den Linden in Berlin erlebt, als Figaro an der Seite von Peter Schreier, Reiner Süß und Sylvia Geszty. So einen Sänger, bei dem man jedes Wort verstand, hatte er noch nicht erlebt. Nun, im Sommer 1973, genoss der Mann - er heißt Werner Müller - in vollen Zügen einen Gesangsabend, an dem neben Anneliese Rothenberger und Anton de Ridder Wolfgang Anheisser brillierte. Kein halbes Jahr später war der angehende Weltstar tot.

Es klingt paradox: Gut anderthalb Dezennien nach dem tragischen Geschehen entwickelt sich zwischen Werner Müller und Wolfgang Anheisser eine intime Beziehung. Vielleicht kann man das leichter verstehen, wenn man weiß, dass Müller inzwischen viel, wenn nicht alles verloren hat: zuerst das Land, in dem er Gutes getan zu haben glaubt, dann seine Ehefrau Marja. Er und Marja hatten nicht gedacht, »dass es mit der Wiedervereinigung so schlimm wird«, dass »diese verfluchten Kulturbanausen alles kaputt machen«: »Marja und ich, wir haben uns dagegen gestemmt.« Nun lebt er allein in Berlin. Eines Tages im Jahr 2000 entdeckt er in einer der Wohlthat›schen Buchhandlungen eine Anheisser-CD. In der Kramkiste! Für 1,99! Anheisser vergessen? Das empört ihn. Müller setzt sich in die S-Bahn, fährt alle Filialen vom Alexanderplatz bis nach Zehlendorf ab und kauft die kostbaren Scheiben auf. Beschließt, Anheisser wieder bekannt, wenn nicht populär zu machen. Wie geht das?

Es geht gar nicht, jedenfalls nicht schnell. Müllers erste Aktionen scheitern. Seine Idee war, die CDs prominenten Persönlichkeiten des Musiklebens zu schenken und sie zu bitten, sich dafür einzusetzen, dass man sich Anheissers erinnert. Unter anderem hat er es bei Daniel Barenboim versucht, dem Künstlerischen Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden. Aber wer ist schon Müller? Weiter als bis zur Sekretärin kam er nicht, die bedankte sich später im Namen Barenboims schriftlich und verband dies mit der freundlich formulierten, aber unmissverständlichen Bitte, das Haus in dieser Sache nicht mehr zu belästigen.

Erfolglos blieb Müller ebenfalls bei dem Musikjournalisten der »Berliner Morgenpost« Klaus Geitel. Der war ein Fan Dietrich Fischer-Dieskaus, der viel an der Deutschen Oper gesungen hatte. Nachdem Müller ihm die Anheisser-CD vorgespielt hatte, urteilte Geitel: »Ganz angenehme Stimme.« Und? Würde er über Anheisser, den ersten westdeutschen Sänger, der zu DDR-Zeiten Ensemblemitglied der Staatsoper war, schreiben? Darauf Geitel: »Mit Sicherheit nicht.«

Auch beim Bassbariton Thomas Quasthoff, seit 2006 Professor an der Musikhochschule »Hanns Eisler« in Berlin, blitzte Müller ab. »Was wollen sie von mir?«, fragte Quasthoff, »der ist doch schon so lange tot.« Worauf Müller entgegnete: »Herr Professor, es gibt gute und es gibt unsterbliche Sänger.« Was Quasthoff so nicht akzeptieren mochte. Wenn er wie der Anheisser vom Chianti-Wein singen würde, müsste er sich ja die Hosen zubinden. Kurz: Ein Anheisser war unter Quasthoffs Niveau. Wenn Müller heute davon erzählt, sagt er: »Der Wolfgang hat alles gesungen. Volkslieder, Weihnachtslieder, Robert Stolz. Er brauchte Geld, als er aus Südafrika zurückkam, er war ja arm wie ‹ne Kirchenmaus. Doch wer ihn in Carl Orffs ›Carmina Burana‹ mit Zubin Meta hören konnte, vergisst den Fischer-Dieskau ganz schnell.«

Werner Müller ist mit Anheissers Vita vertraut: Geboren 1929 in Köln. Erster Gesangsunterricht von der Mutter, einer Opernsängerin. Abitur, Freiburger Musikhochschule, Ausbildung bei Prof. Fritz Harlan. Conservatorio Verdi in Mailand. Fünf Jahre Südafrika, Gesangs- und Musikwissenschaftsstudium bei Prof. Anni Hartmann. Germanistik- und Anglistikstudium, Rückkehr nach Deutschland. Engagements an der Bayerischen Staatsoper München, in Gelsenkirchen und seiner Geburtsstadt Köln. Zweite künstlerische Heimat: Staatsoper Unter den Linden. Glanzrolle: der Barbier von Sevilla. Weitere Paraderollen: In den Mozart-Opern »Figaros Hochzeit, «Die Zauberflöte» und «Don Giovanni» Graf Almaviva, Papageno und Masetto, in Wagners «Tannhäuser» der Wolfram. Reiches Liederrepertoire.

Das alles kann Müller herunterbeten. Er tut es nicht, er wird sich hüten. Er schwärmt, verschenkt Anheisser-CDs, lockt und verführt mit dessen Stimme. Er will begeistern, Mitstreiter gewinnen. Irgendwann begreift Müller: In Berlin wird das nicht gelingen. Diejenigen, die Anheisser kannten, haben keinen Einfluss mehr, und die Einfluss haben, kannten ihn nicht. Er muss nach Köln, um Leute zu suchen, die ihm weiterhelfen können.

In Köln geht er zur EMI Electrola, mit der Anheisser einst Schallplatten produzierte. Mit Hilfe des Musikredakteurs Dieter Fuoß, von dem man weiß, dass er sich dafür einsetzt, das Andenken an große Sängerinnen und Sänger und ihre Gesangsleistungen zu bewahren, schafft er es, dass die Firma Partien von Anheisser neu zusammenstellt und herausbringt. Ein erster Erfolg. Von Fuoß erhält Müller den Tipp, Kontakt zu Anheissers Witwe aufzunehmen.

Ein Anruf bei Anheissers Witwe. Man trifft sich auf dem Platz vor dem Dom, teilt den Wunsch, etwas für das Andenken des jung Verstorbenen zu tun, bald ist man bei «Werner» und «Henriette.» «Sie hat mich manchmal verflucht», erzählt Müller, «weil ich so hartnäckig war. Doch sie hat mir alles erschlossen, CDs von Schallplatten gemacht, die nur sie besaß.» Müller sagt: «Wir sind beste Freunde geworden. Politisch liegen wir oft über Kreuz, das spielt aber keine Rolle. Ich besuche sie jedes Jahr.»

Müller sucht die Kölner Oper auf. Fragt den Pförtner nach Leuten, die sich erinnern. «Na ich!», sagt der Pförtner, «und Frau Anke.» Und wie Frau Anke sich erinnert! Sie kennt einen Mann namens Buchholz, dem Anheisser ebenfalls noch ein Begriff und der zudem beim Kölner Liegenschaftsamt für Straßennamen verantwortlich ist. Eine Straße nach Anheisser benennen? Der hat einst im Kölner Stadtteil Deutz, am Gotenring 17 gewohnt.

Auch Henriette findet die Idee mit dem Straßennamen gut. Am 1. Dezember 2009 würde sich zum 80. Mal Anheissers Geburtstag jähren. Auf diesen Tag, auf ein würdiges Gedenken, arbeiten Werner und Henriette nun hin. Müller meldet sich bei Buchholz, diesem «wunderbaren Kerl.» Er erfährt, dass er sich an den Bürgermeister des Stadtbezirks Köln Innenstadt, zugleich Personalrat der Kölner Bühnen, den Grünen Andreas Hupke, wenden muss. Müller formuliert seinen Vorschlag, Hupke ist davon angetan. Die Stadtbezirksversammlung muss zustimmen. Für die Mitglieder hat Henriette CDs gebrannt, «die kannten Anheisser ja auch nicht». Den Beschluss, dass es ab 2009 in Köln Deutz eine Wolfgang-Anheisser-Straße geben wird, fasst das Gremium einstimmig.

Müller denkt: Ich muss an den Rundfunk ran. Beim WDR ist die Media Group für die Erschließung des Archivs zuständig. Er macht also einen Termin und sitzt zwei Leuten gegenüber, die - kaum älter sind als 30. Er schwärmt, er wirbt und schafft es tatsächlich, Miho Nishimoto und Florian Streit zu überzeugen, auch unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Archiv herauszusuchen und auf einer CD zu vertreiben. Die 2009 erschienene «Kölner Klassik Kollektion» von «Kölner Stadt-Anzeiger» und WDR enthält eine Bonus-CD mit Aufnahmen von Anheisser. Nishimoto schreibt an Müller: «Es ist unglaublich, was Sie mit Ihrer Begeisterung alles geschafft haben!» Müller nennt sie und Streit «meine Freunde».

Als feststeht, dass der Schauspieler und Regisseur Uwe Eric Laufenberg, zu jener Zeit noch Intendant am Hans Otto Theater in Potsdam, ab der Spielzeit 2009/2010 die Intendanz der Kölner Oper übernehmen wird, übermittelt ihm Müller seine Bitte. Und Laufenberg empfängt Müller! Hört ihm zu, findet seine Anregung interessant. Eine Gedenkveranstaltung in der Kölner Oper anlässlich Anheissers 80.

2009 findet die Veranstaltung statt. Als erste einer neuen Reihe mit dem Titel «Sängerporträts», die der Dramaturg Georg Kehren betreut. Auf die Bühne gerufen werden Anheissers Kollegen von einst, auch Henriette und Werner Müller. Zum Vortrag kommen Auszüge aus Briefen, die frühere Weggefährten Anheissers auf Müllers Ermunterung hin an Henriette Anheisser schrieben. Prof. Hans Pischner, von 1963 bis 1984 Intendant der Staatsoper Unter den Linden: «Dieser Brief soll gleichsam eine Hommage sein für einen Sänger, von einem Kritiker seinerzeit als ›singender Tausendsassa‹ charakterisiert. Ja, so haben wir Wolfgang Anheisser noch immer im Gedächtnis.» Anneliese Rothenberger: «Was Wolfgang Anheisser betrifft, konnte ich schon zu seinen Lebzeiten sagen, dass mir unter Kollegen selten ein so vertrauenswürdiger Mensch begegnet ist - eine ›ehrliche Haut‹ vom Scheitel bis zur Sohle.» Und Kammersänger Reiner Süß: «Er war nicht nur der grandiose Sänger, er war auch der humorige und hilfsbereite Kollege, den wir nicht vergessen können.» Die Kölner Oper erinnert an Anheisser in ihrer Reihe bis heute.

An diesem Sonntag sind 40 Jahre vergangen, seit die große deutsche Hoffnung des Bariton-Fachs starb. Um elf Uhr wird sich der Kreis der Freunde zu einer kurzen Feierstunde an seinem Grab auf dem Kölner Melaten-Friedhof versammeln. Dieses Mal soll auch ein Strauß des jetzigen Intendanten der Berliner Staatsoper, Jürgen Flimm, niedergelegt werden. Unter den Anwesenden Werner Müller, Anheissers Witwe Henriette und Hupke, der grüne Bürgermeister. «Er lädt Henriette und mich jedes Jahr zu seinem Sommerempfang ein, wir sind Freunde geworden», sagt Müller. Und: «Anheisser hat mein Leben verändert. Durch ihn habe ich Menschen kennengelernt, mit denen ich sonst nie Kontakt gehabt hätte.»

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