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Eine WM als Rettungsring

Der Wintersportort Oberhof bewirbt sich um Biathlon-Weltmeisterschaften, damit er im Weltcup bleiben darf

  • Von Oliver Händler, Oberhof
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Biathleten sollen spätestens 2021 wieder in Thüringen ihre Weltmeister küren. Dafür sind jedoch teure Investitionen nötig.

Das Geheimnis war zwar schon zuvor keines mehr, doch seit Freitag ist es offiziell: Oberhof bewirbt sich nach 2004 erneut um die Weltmeisterschaften der Biathleten. Bis zur Austragung 2020 oder 2021 soll die Arena am Grenzadler einen neuen Anstrich bekommen. Wer schließlich wann Ausrichter wird, entscheidet der Biathlon-Weltverband IBU zwar erst 2016, doch schon jetzt werden die Weichen gestellt. »Der DSV will sich auch nach der Entscheidung gegen die Olympischen Spiele in München weiter um hochwertige Skiveranstaltungen in Deutschland bewerben«, sagt der Vizepräsident des Deutschen Skiverbands Heiko Krause. Da andere traditionelle Biathlonorte wie Östersund und Antholz wohl vorher dran sind, plant der DSV erst für die Titelkämpfe in frühestens sechs Jahren. »Wir müssen in Oberhof investieren, sind aber auch ganz froh, dass wir noch ein bisschen Zeit dafür haben«, zeigt sich Heike Taubert, als Sozialministerin auch für den Sport in Thüringen zuständig, erfreut über die Bewerbung.

Investieren ist das Zauberwort der Bewerbung, denn darauf ist der Grenzadler angewiesen, soll Oberhof als Weltcuport im Biathlonzirkus vertreten bleiben. »Unser Stadion ist in die Jahre gekommen«, sagt Sabine Reuß, Präsidentin des Thüringer Skiverbandes. Dabei war man selbst Auslöser einer Modernisierungswelle, der Oberhof jetzt zum Opfer zu fallen droht. »Durch die WM 2004 wurden Biathlon-Weltmeisterschaften zu einem großen Event, das neue Anforderungen an die Veranstalter stellt. Unsere Mitbewerber haben sich verändert und Abläufe möglich gemacht, von denen wir heute nur träumen«, so Reuß.

Wahrlich laufen Zuschauer, Athleten und Medienvertreter regelmäßig durch den Schlamm des Thüringer Waldes zur Strecke. Auch bringt nur ein Haupteingang Sicherheitsprobleme mit sich. »Zusätzlich haben die modernen Wachstrucks der Teams einen Platzbedarf, dem wir zur Zeit nicht gerecht werden können.« All das soll nun geändert werden, und es klingt verdächtig nach großflächig abgeholzten Bäumen und asphaltiertem Naturboden.

Oberhofs Bürgermeister Thomas Schulz sieht aber kein Umweltproblem auf Oberhof zukommen. Vielmehr seien bereits sieben Millionen Euro, die Bund und EU bezahlten, für Trinkwasserschutzmaßnahmen ausgegeben worden, um überhaupt das Baurecht am Grenzadler zu bekommen. »Dabei habe ich auch gelernt, dass es zehnmal besser ist, manche Flächen zu versiegeln,« so Schulz. »Auch Umweltschützer sagen mir: ›Dort wo Fahrzeuge stehen, sollten fest gebundene Flächen entstehen, damit Öl und andere Schadstoffe nicht im Boden versickern.‹« Die Argumentation setzt jedoch voraus, dass man Weltcups und die damit verbundene Fahrzeuglawine unbedingt halten will. »Eigentlich haben wir keine Alternative«, sagt Sabine Reuß. »Entweder wir gehen mit dem Trend oder wir verabschieden uns aus dem System, und die IBU entscheidet, dass wir ab 2018 nicht mehr im Weltcup dabei sind. Schon für den aktuellen Zyklus hatten wir Investitionsauflagen bekommen.« Sie weiß, dass sich Südthüringen in den vergangenen Jahren von dieser einen Woche zum Jahresanfang abhängig gemacht hat, und die WM soll nun der Rettungsring im Sturm werden. »Der Weltcup ist notwendig für das Image und den Tourismus in der gesamten Region. Vor ein paar Jahren wurde geschätzt, dass allein in der Biathlonwoche 20 Millionen Euro in die Tourismuswirtschaft fließen. Mittlerweile dürften das noch deutlich mehr sein«, rechnet Bürgermeister Schulz vor.

Die Münchner Olympiagegner hatten sich im November neben den erwarteten Umweltschäden auch an Knebelverträgen des Internationalen Olympischen Komitees gestört, die dem IOC Gewinne sichern, Verluste aber bei den Veranstaltern belassen. »Die IBU ist ein wirtschaftlich sehr erfolgreicher Verband«, versucht DSV-Vizepräsident Krause zu beruhigen. »Ich denke, dass er einen Großteil der Gewinne an die Veranstalter weitergeben wird.« Ob es bei dem angedeuteten Investitionsbedarf jedoch Gewinne geben wird, ist fraglich.

Seit gut zwei Jahren ist die Landesregierung an den Oberhofer Wettkampfanlagen beteiligt, also auch an Sprungschanzen, Biathlonarena und Rodelbahn. Stadt und Landkreis konnten die hohen Betreiberkosten allein nicht mehr stemmen. »So halten wir eine ganze Region attraktiv, die wirtschaftlich sonst eher schwach ist«, verteidigt Sozialministerin Taubert die Millionenausgaben, die auf Thüringen nun zukommen werden.

Zum genauen Bedarf halten sich Politik und Sport noch bedeckt. Zunächst wurde eine Expertenstudie in Auftrag gegeben, die allein schon 50 000 Euro kostet. Während des Weltcupwochenendes werden nun die Infrastrukturmaßnahmen ermittelt, die für eine erfolgreiche WM-Bewerbung nötig seien. Im Februar gibt es Ergebnisse, auf denen die Finanzplanung basieren wird. Eines ist schon sicher: Die acht Millionen Euro Baukosten für die WM 2004 werden für 2020 bei Weitem nicht reichen. Ein Bürgerentscheid wie in Bayern sei aber nicht geplant. »Ich spreche regelmäßig mit den Bürgern und habe dabei nur Akzeptanz für die Pläne vernommen, auch bei denen, die anderen Projekten skeptisch gegenüberstanden«, behauptet Taubert.

Schon jetzt wird in Oberhof gebaut. Ein Multifunktionsgebäude sollte schon fertig sein, thront aber bislang nur als Rohbau über der Arena. Der Bau wurde wegen ausufernder Kostenprognosen gestoppt. »Jetzt ist Oberhof noch eine Baustelle, aber Baustellen haben immer etwas Optimistisches an sich, denn irgendwann sind sie ja fertig«, meint Sabine Reuß. Sie war wohl länger nicht in Berlin-Schönefeld.

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