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Windeln werden zum Spekulationsobjekt

Chinesische Verbraucher greifen immer öfter zu japanischen Produkten - in Nippon werden Windeln deshalb bereits knapp

  • Von Susanne Steffen, Tokio
  • Lesedauer: 3 Min.
In Japan werden Windeln Mangelware. Grund sind Spekulanten, die Windeln auf- und in China verkaufen.

Es ist ein skurriler Auswuchs der Globalisierung: Obwohl Japan eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt hat, werden Windeln knapp. Weil gewiefte Spekulanten die beliebtesten Markenprodukte en masse aufkaufen und nach China verschiffen. Denn immer mehr Chinesen haben nach den Qualitätsskandalen der jüngsten Vergangenheit kein Vertrauen mehr in chinesische Produkte. Wer es sich leisten kann, verwöhnt sein Baby mit Auslaufschutz »made in Japan«.

»Nur zwei Pakete pro Person« steht über dem Regal mit Japans beliebtester Windelmarke Merries. »Hier gibt es wenigstens noch welche, in den meisten anderen Läden sind die ständig ausverkauft«, kommentiert eine Kundin in einem Tokioter Drogeriemarkt und lädt die erlaubte Maximalmenge in ihren Einkaufswagen.

Dass Windeln plötzlich zur Rarität werden, liegt an Spekulanten wie Herrn A. Früher hat A. alte Autoteile nach China exportiert, aber vor ein paar Monaten ist er auf die wesentlich lukrativeren Merries umgestiegen. »Ich hatte gehört, dass die Chinesen Merries zu Rekordpreisen aufkaufen«, erzählte der Mittfünfziger der japanischen Wochenzeitschrift »Friday«. Im Internet habe er sofort entsprechende Gesuche chinesischer Importeure gefunden. Er machte einen Handel, der ihm für jedes Windelpaket 300 Yen (2,20 Euro) Gewinn garantiert, und begann, Drogerien und Supermärkte in Tokio nach Merries abzuklappern.

Derzeit reichen offenbar schon ein paar schlechte Onlinekritiken, um ein chinesisches Produkt in Verruf zu bringen. So machten immer wieder Gerüchte die Runde, dass chinesische Windeln zu schlimmem Ausschlag auf Babypopos führen könnten, berichtete ein japanischer China-Korrespondent. »Das Vertrauen in chinesische Produkte ist dahin. Die Wohlhabenden wollen japanische Windeln«, erklärte er.

Die Aufregung chinesischer Mütter ist nicht ganz unverständlich angesichts der nicht abreißenden Flut von Verbraucherschutzskandalen in China: So fanden sich Quecksilber in Säuglingsmilch, krebserregende und illegale Zusätze in Fleisch und Fertigprodukten und zwischenzeitlich explodierten sogar Wassermelonen, die mit wachstumsfördernden Mitteln überdüngt worden waren.

So greifen die Chinesen lieber zu japanischen Produkten. Als im vergangenen Winter große Teile Chinas unter einer dicken Smogdecke jenseits aller Gesundheitsgrenzwerte versanken, wurden importierte Gesichtsmasken zu einem der größten Verkaufsrenner der Saison. Auch die sonst so gebeutelten japanischen Konsumelektronikhersteller jubelten über die neue Beliebtheit ihrer Luftreinigungsgeräte »made in Japan«.

Bereits Anfang 2013 hatte der japanische Merries-Hersteller Kao auf die immense Nachfrage aus China reagiert und in der Provinz Anhui mit der Produktion für den chinesischen Markt begonnen. »Wir wollen unser China-Geschäft mit vollem Einsatz ausbauen. Deshalb werden wir auch neue Technologien zuerst in Produkten für den chinesischen Markt einsetzen, bevor wir sie für Produkte für den japanischen Markt anwenden«, erklärte Kao-Präsident Michitaka Sawada kürzlich vollmundig.

Chinesische Mütter lockt das indes nicht, sie greifen verstärkt zu den Importwindeln aus Japan.

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