Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Silberdistel und Schuld

»Wo deine Fragen offen sind« - Gedichte von Hanns Cibulka in der Thüringer Edition Muschelkalk

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Dichtung des Lyrikers Hanns Cibulka ist eine Literatur der spirituellen Überwindung von etwas, das man vielleicht Modernität nennen kann. Diese Literatur ist Ausdrucksform eines Schriftstellers, der weit zurückreichende Witterungen hat, der ein »Vergangenheitsorgan« besitzt, wie Botho Strauß es formulierte. Wer Cibulka liest, bekommt Lust an Goethe und Meister Eckhart, an Bach und Schubert, an Rilke und Hauptmann, an Jünger, Ezra Pound und Franz von Assisi. Viele Verse sind Zeugnisse einer Vergewisserung - von Halt und Aussicht bei Vorboten. Die auftreten, um Risse zu heilen, um Kontinuitäten aufzurufen. Schreiben (und Lesen!) als Aufenthalt in einem Humanismus, der nur im Kunstwerk sicheres Asyl findet.

»Wo deine Fragen offen sind«, heißt die von Heinz Puknus erstellte Gedichtsammlung, herausgegeben in der gediegenen, wahrlich ansehnlichen »Edition Muschelkalk« aus Thüringen. Gotha war der langjährige Lebensort Hanns Cibulkas. Geboren 1920 im mährisch-schlesischen Tuchmacherstädtchen Jägerndorf, vom Zweiten Weltkrieg ins ostdeutsche Mittelgebirge verschlagen, war er ein Berufsleben lang Bibliothekar - neben seiner Lyrik schrieb er Tagebuchprosa von großem Belang.

Das schmale Werk der Jahrzehnte (er starb 2004) summierte sich zur erinnerungsdringlichen Literatur, die alle Geografie auf wenige Punkte konzentriert: das Polen und Italien des Krieges, die Ostsee, Thüringen, die Heimat am Fuße des Altvatergebirges.

Die Gedichte sind Verteidigung einer Grundgestimmtheit des abendländischen Menschen: seiner doppelten Eingespanntheit - einmal in die festen realen Verhältnisse und zum anderen in jene träumerischen Versuchungen, die dieses real Mögliche doch ständig übersteigen wollen. Dieses elende »Es ist erreicht« des jetzigen Westens, da jedes Ding zur Reklame für sich selbst gerät und jede technische Neuerung zur quasi-kopernikanischen Wende ausgerufen wird, um einen Markt dafür herzustellen. Diesem gelogenen Endzustand, der unser Leben nunmehr so stark durchdringt, setzt Cibulkas Werk, ganz im Lessingschen Sinne, ein Warten im Dasein entgegen. Wider jene zahllosen Konzepte des falschen Wohlseins, die man kaufen kann.

Cibulkas Geist ist ein Träumen, das die Fähigkeit des Menschen zur Vervollkommnung nicht aufgeben will. Da bleibt also, wenn auch gebrochen: Fernerwartung. Erwartung in eine Zeit, da der Mensch aufwacht, »getroffen von einem Tag/ der keine Lüge kennt«. Diese Erwartung gewinnt ihre Energie freilich aus dem gleichzeitig mahnenden Blick auf jene Dinge, die den Übermut des Geistes beständig in Schach halten: Seele, Furcht, Krankheit, Selbstsucht, Gier. Und immer wieder Krieg. Denn der Mensch, »das Flammentuch der Städte/ als Standarte,/ ist auf dem Weg,/ die Hölle zu erkunden«.

Der Dichter lobte einst mit der Silberdistel (»zart im Wuchs, streng in der Form, unbiegsam im Geiste«) eine Naturschönheit, die im Schatten der anderen leuchtet; Metapher wohl auch für die Umstände seiner eigenen Existenz. Auf der einen Seite hat er, kühn und naiv, sogar den wissenschaftlich-technischen Fortschritt ins Gedicht zu zwingen versucht, und andererseits formte er seine bitteren ökologischen Befürchtungen zum warnenden Bild: »Der Mensch/ im Strahlengeviert. // Im Abwasser/ staut sich die/ Schuld.« Er hoffte dennoch, trauerbeseelt. Dass wir das Höhere, das so wertvoll Unbegreifbare in unser Werk nähmen und damit mehr meinten als nur immer uns selber.

Die Gedichte verbinden mittelgebirgisches Grau und südliche Helle, nördliche Mäßigung und klassische Opulenz. Cibulka befragt Schöpfung, daraus erwächst eine Fantasie, die jedes vorpreschende Erkennen achtsam in Geheimnis und Magie zurückbettet. Ein Dichter des Mählichen, er senkt seinem Leser eine wunderbar heilsame Ruhe ins Gemüt. Aber in den Sprechstunden des Schweigens leuchtet plötzlich der aufstörende Gedanke: Vielleicht bedeutet waches Leben, vorletzte und letzte Wahrheiten suchen zu wollen, ohne jedoch der Illusion zu verfallen, das Verborgene auch wirklich aufhellen zu können. Immer ist dieser Schriftsteller daher Aufklärer und zugleich ein Mensch der bloßen, tiefen Ahnungen gewesen. Gegenstände seines Denkens nahm er mit einem bildungsfesten, elegischen Ton ins Bild - und umgriff sie, nach Möglichkeit, mit Zuneigung.

Hanns Cibulka: Wo deine Fragen offen sind. Gedichte. Auswahl und Nachwort: Heinz Puknus. Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V., hrsg von Kai Agthe. Wartburg Verlag Weimar. 88. S., engl. Broschur, 11 €.

Impromptu II

Viel zu lange schon
sind wir seßhaft,
das Herz ist verfettet,
der Atem geht schwerer,
nun zittern wir
vor der salzigen Brise
des Meeres.

Hanns Cibulka

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln