Von Markus Drescher

Sehr verdächtig

Markus Drescher über das Hamburger Willkürgebiet

Es war einmal ein kleiner schwarzer Kapuzenpulli. Der wollte seine Großmutter besuchen, eine weise alte Frau namens Grundrechte. Die wohnte in der Hansestadt Hamburg, die - so kündeten es der herrschende Bürgermeister und die Stadtschreiber - eine sehr, sehr gefährliche Stadt war. So gefährlich, dass der allmächtige große Bulle sagte, dass ab jetzt nur noch seine Regeln gelten und er machen darf, was er will, damit alle Angst haben und tun, was er sagt.

Als der kleine Kapuzenpulli durch das Gebiet des Bullen kam, wurde er von diesem gefragt, wer er sei, wohin er wolle und was in dem Korb sei, und er antwortete: »Ich bin der Kapuzenpulli und will meiner Oma, den Grundrechten, etwas zu Essen bringen.« »Was? Grundrechte? So etwas gibt es hier nicht. Du kamst mir ohnehin sehr verdächtig vor. Du bekommst ein Aufenthaltsverbot«, brüllte der Bulle. Die Großmutter musste qualvoll verhungern. Ende.

Happy End gibt es nicht. Das ist ein Märchen aus der sogenannten Demokratie der Bundesrepublik im Jahr 2014 und Oma Grundrechte liegt hier tatsächlich im Sterben. Die gnädig gewährte Freiheit hat nach dem Sieg des Kapitalismus endgültig ausgedient, auf derartige Hemmnisse wird in Zukunft verzichtet. Was zählt, ist Sicherheit. Die Sicherheit davor, dass Menschen etwas verändern oder auch bloß auf die Idee kommen, sich auf das Grundgesetz zu berufen. Was wo Recht ist, bestimmen schon längst andere. Je nach Lageeinschätzung und Gefahrengebiet.

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