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Ein Traum, der anderswo Albtraum ist

Gesetz über freien Autohandel trat in Kraft

»Kuba legalisiert den freien Kauf von Autos«, war die Neujahrsschlagzeile 2014. Am 19. Dezember 2013 vom Ministerrat beschlossen, trat das Gesetz am 3. Januar in Kraft. Es ist Thema Nummer Eins auf den Straßen Kubas. »Hast du schon die Preise gesehen?« beginnt meist das Gespräch. »Wahnsinn!« lautet die Antwort. Die Niederlassungen von Mercedes, Fiat und anderen internationalen Produzenten ziehen Neugierige vor die Schaufenster. Der Traum vom eigenen Auto - Bestandteil jeder Vorstellung von urbaner Modernität des 20. Jahrhunderts - war in Kuba mit der Revolution und dem folgenden US-Embargo in weite Ferne gerückt. 50 Jahre später wird dieser Traum, der in vielen anderen Metropolen längst zum Albtraum geworden ist, von der Regierung wiederbelebt.

Zwar war schon zwei Jahre zuvor der Immobilien- und Automarkt geöffnet worden, doch war diese Öffnung beschränkt auf bereits zirkulierende Privatautos. Jetzt können auch erstmals wieder importierte Wagen direkt vom Staat gekauft werden. Zuvor durften lediglich vor 1959 zugelassene Autos frei gehandelt werden - daher die außergewöhnliche Pflege der US-amerikanischen Oldtimer. Und Häuser wurden »getauscht«, wobei faktisch bei jedem »Häusertausch« Devisen flossen. Auch neuere Autos wechselten ihre Besitzer, nur eben nicht auf dem Papier. Das war nicht zuletzt ein administratives Problem für den Staat. Ausländern, Diplomaten, aber auch »verdienten Internationalisten« wurde zuweilen die Erlaubnis erteilt, ein Auto einzuführen. Die Importgenehmigungen wurden zuletzt mit 5000 bis 10 000 US-Dollar im Internet gehandelt. Fälle wie der von Michelle, die einen russischen Ingenieur heiratete, damit sie offiziell seinen Fiat Tico besitzen durfte, den ihr kubanischer Freund mit Trinkgeldern aus dem Urlaubsort Varadero finanzierte, waren kein Einzelfall.

Auch um solche Absurditäten zu beenden, werden nun allen dieselben Rechte zugestanden, es kommt nur noch aufs Portemonnaie an. Damit bleibt es aber für die meisten vorläufig ein Traum: Lieblingsbeispiel der Kubaner ist der neue Peugeot 508, mit 262 000 CUC veranschlagt, aber auch 51 000 CUC (etwa 37 000 Euro) für einen VW Jetta von 2010 sind astronomisch. Die eingespielten Mehreinnahmen, so die Logik des Gesetzes, sollen in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs investiert werden. Während viele andere Länder an Stau und Parkplatzmangel leiden, ist es hier immer noch der Mangel an Transportmitteln, der den Alltag beherrscht, auch wenn sich die Lage seit den 90er Jahren verbessert hat. So wird das kubanische Reparaturgenie wohl noch für einige Jahre gefragt sein, um US-amerikanische Cadillacs und russische Ladas am Laufen zu halten.

Zwar hat im Dezember ein neues Dekret die Kreditpolitik weiter vereinfacht, doch bisher wurde die Mehrheit der knapp 220 000 vergebenen Kleinkredite für Hausbau beziehungsweise -reparaturen vergeben, sagte eine Vizeministerin für Finanzen im Fernsehen. Die Senkung auf 1000 Pesos (etwa 41 US-Dollar) Minimum und Rückzahloptionen bis zu zehn Jahren werden vor allem auch privaten Mini-Initiativen als Startkapital dienen. Das touristisch charmante Bild von Fahrradrikschas und Pferdekutschen als Transportmittel wird also vorerst erhalten bleiben. rais

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