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Am wichtigsten waren die Tanten

Ein Band über Hans Falladas »liebe Verwandtschaft«

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es kann Glück und Last zugleich sein, in eine Familie mit weilläufiger Verwandtschaft und bedeutenden Vorfahren hineingeboren zu werden. Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, der Schriftsteller Hans Fallada (1893-1947), hat diese Erfahrung reichlich gemacht. Und Familiengeschichten haben ihn denn auch literarisch oft genug inspiriert.

Seine Ahnen lassen sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Es gibt einen reichen Fundus von Porträts, Urkunden, Amtssiegeln und anderen Schriftstücken der Vorfahren, die zum größten Teil aus dem Ostfriesischen stammten. Johann Volrad Kettler I., geboren um 1590, ist der erste in der langen Reihe der Überlieferungen. Die mütterliche Linie dagegen kommt aus dem Oberharz.

Die drei Herausgeber Heide Hampel, Erika Becker und Achim Ditzen, Falladas jüngster Sohn, haben sich nun dem Reiz dieser Spurensuche ergeben und einen Band zusammengestellt, der eine wunderbar reiche Familiengeschichte illustriert (als Begleitbuch zur Wander-Ausstellung). Die Stammbäume der väterlichen und der mütterlichen Linie eröffnen den Band und reichen weit zurück über sechs Generationen.

Viele der Vorfahren waren Amtmann, Richter, Beamte, angesehene und wohlhabende Bürger. Man ließ sich von Malern mit großem Staat porträtieren. Falladas Vater Wilhelm Ditzen hat es besonders weit gebracht, bis zum Reichsgerichtsrat in Berlin und Leipzig. 1906 bis 1909 war er an der Neufassung des deutschen Strafrechts beteiligt. Die absolute Autorität des Vaters wirkte sich unweigerlich auf den Sohn aus, nicht zuletzt dessen Stolz auf die Ahnen. Oft war er enttäuscht, dass sein Sohn Rudolf nicht alle Verwandten genau aufzählen konnte. »Ich verharrte in muffigem Schweigen. Hätte Vater mich aber gefragt: ›Du erinnerst dich doch an die Tante mit den weißen Handschuhen?‹, so hätte ich sofort Bescheid gewußt«, schreibt Fallada in »Damals bei uns daheim«.

Die weitverzweigte Familie und ihre Geschichten sind eine wahre Fundgrube. Die Nachgeborenen stehen dabei immer auf den Schultern der Vorfahren. Was lässt sich nicht alles entdecken aus den vier Jahrhunderten Geschichte, auf die sich der Schriftsteller beziehen kann. Als er dann Anna Margarethe Issel heiratet, von ihm stets Suse genannt, wird er selber Zentrum einer Familie. Die Geburt der drei Kinder verankert ihn in einer familiären Beziehung, die in diesem Band mit vielen schönen Fotos vor allem aus der Zeit in Carwitz belegt ist.

Und immer wieder erinnert sich der Schriftsteller Hans Fallada an Kindheitserlebnisse mit Angehörigen. Darunter waren sehr eindrucksvolle Frauenfiguren, die zahlreichen Tanten vor allem, von denen manch eine etwas aus sich gemacht hat. Er besaß in seiner Kindheit nur noch die mütterliche Großmutter: »Aber dafür hatte es die uns verbliebene Großmutter auch in sich. Sie war eine Großmutter, wie sie eigentlich nur im Märchenbuch steht [...] Erzählte Großmutter Märchen, so wurde ich es schon wegen dieser Stimme nicht müde, ihr zuzuhören.« Ihre Mundart, das »Hannöversch«, klang dem Kind wie ein Zwitschern und blieb ihm lebenslang unvergesslich.

Was die Herausgeber aus dem reichen Familienerbe an Gemälden, alten Fotografien, Stadtbildern, Schriftproben zusammengetragen haben, ist ein echter Schatz und bildet zusammen mit der Familiengeschichte zugleich ein gutes Stück deutscher Geschichte ab. Für Fallada-Liebhaber eine großartige Ergänzung zum biografischen Hintergrund. So ist es gut zu verstehen, wenn Hans Fallada, bereits ein erfolgreicher Schriftsteller, an seine Eltern schrieb, er fühle sich als »ein Glied in einer unendlichen Kette«, und es sei gut, »von dieser Kette zu wissen, Merkmale von ihr zu besitzen und eines Tages weitergeben zu können«.

Heide Hampel, Erika Becker und Achim Ditzen (Hrsg.): Hans Fallada und die liebe Verwandtschaft. edition federchen im Steffen Verlag, 176 S., 367 Abb., geb., 24,95 €.

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