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Der Sockel bleibt bedenklich hoch

Langzeiterwerbslose kommen trotz guter Rahmenbedingungen nicht auf dem Arbeitsmarkt unter

  • Von Roland Bunzenthal
  • Lesedauer: 4 Min.
Die offizielle Arbeitsmarktstatistik bildet nur einen Teil des Problems ab - Hunderttausende Menschen suchen seit Langem einen Job.

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland wird auch im dritten Jahr des Konjunkturaufschwungs knapp unter der Drei-Millionen-Grenze liegen. Das geht aus der Prognose der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor. BA-Chef Hans-Jürgen Weise wies bei der Jahrespressekonferenz auf den Widerspruch hin, dass die Beschäftigung boomt, die Arbeitslosigkeit aber kaum abnimmt. Die Zahl der registrierten Betroffenen werde 2014 allenfalls um 40 000 auf 2,9 Millionen sinken - diese Zahl liegt auch dem BA-Etat zugrunde. 2013 war die Arbeitslosigkeit um einen ähnlichen Wert gestiegen.

Damit gibt es erneut nur Veränderungen in der zweiten Nachkommastelle - obwohl die Bedingungen kaum besser sein könnten: Die Gewinne sprudeln, die Börsenkurse klettern, der Handelsüberschuss erreicht Rekordhöhen und die Zinsen für Investoren sind so niedrig wie nie. Auch die Verbraucher sind optimistisch.

Pessimistisch gestimmt sind dagegen Langzeiterwerbslose. Viele sagen, sie hätten noch kein ernsthaftes Vermittlungsangebot zu Gesicht bekommen. Zwar vermittelte die BA 2013 über eine Million Jobsuchende in eine neue Stelle. Doch das nützte fast nur jungen, gesunden und qualifizierten Arbeitslosen. Langzeiterwerbslose dagegen - meist mit einem oder mehreren Handicaps - kommen immer schwerer unter.

Ohnehin liegt die wirkliche Arbeitslosenzahl höher als die offiziellen Daten suggerieren. Die BA zählte im Dezember 2013 in der Rubrik Unterbeschäftigung 3,82 Millionen Frauen und Männer. Das umfasst die »Stille Reserve im engeren Sinne« - Teilnehmer an Fortbildungen oder Umschulungen mitgerechnet. Es gibt aber noch eine »Stille Reserve im weiteren Sinne« - Menschen, die sich resigniert von der BA verabschiedet, aber noch nicht ganz aufgegeben haben. Dass diese Gruppe nicht gerade klein ist, zeigt sich indirekt bei einem Vergleich der Erwerbstätigenstatistik aus Wiesbaden und der Arbeitslosenstatistik aus Nürnberg: So nahm die Zahl der Erwerbstätigen deutlich stärker zu als die der Arbeitslosen abnahm. Rund 350 000 Arbeitnehmer mehr zählten 2013 die Statistiker.

Die nicht von den Arbeitsagenturen vermittelten Beschäftigten stammen überwiegend aus der Stillen Reserve. Auch im Ausland rekrutieren viele Arbeitgeber inzwischen Fachkräfte, die den inländischen Mangel mildern sollen. Durch die Öffnung der Grenzen für Rumänen und Bulgaren wird ein positiver Arbeitsmarkteffekt erzielt. Darüber sind sich die BA-Experten einig. Vorstandsmitglied Heinrich Alt weist darauf hin, dass die Arbeitslosigkeit der Migranten unter- und ihre Qualifizierung überdurchschnittlich sei. Durch Beseitigung von Fachkräftemangel werde das Wirtschaftswachstum beschleunigt. Derzeit liegt der Zuwachs der Wirtschaftsleistung zwischen 1,5 und zwei Prozent - offenbar zu wenig, um die Arbeitslosigkeit wieder auf das Niveau der 1970er mit unter einer Million zu drücken. Hauptgrund ist die Erwartungshaltung der Arbeitgeber, denen häufig das Profil der Jobsuchenden nicht genügt.

Tatsächlich wird es immer schwerer, den Sockel der schwer Vermittelbaren abzubauen. Fast 90 Prozent der Langzeitarbeitslosen sind Hartz-IV-Bezieher. Zwar sollen auch sie an Weiterbildungen teilnehmen, meist werden sie aber links liegen gelassen. Also liegt es nahe, das Profil vor allem der Langzeitarbeitslosen zu verbessern. »Bildung und Qualifizierung« seien die Schlüsselbegriffe der Zukunft, meint Weise. In der Praxis konzentrieren sich BA, Jobcenter und die sogenannten Optionskommunen aber lieber auf die leicht Vermittelbaren - das steigert die Erfolgsquote. Weise sieht darin einen organisatorischen Fehler, doch wolle die BA mit ihrem neuen Mittelfristprogramm daraus Konsequenzen ziehen.

Für Weise ist es eine Frage des Geldes, dieser Erkenntnis Taten folgen zu lassen. Denn die Mittel für Arbeitsmarktförderung sind 2013 um rund zwei Milliarden Euro reduziert worden. Dadurch schaffte es die BA zwar, eine schwarze Null in ihrem Haushaltsvollzug zu schreiben. Die Zahl schwer Vermittelbarer nahm aber deutlich zu. Weise spricht von einem »Verteilungskampf« innerhalb der Koalition um die knappen Finanzen.

Der Trend, immer mehr Stellensuchende vom Arbeitslosengeld I ins ALG II abdriften zu lassen, schlägt sich im BA-Haushalt nieder: Nur noch gut 100 000 Langzeitarbeitslose stehen auf ihrer Liste, knapp eine Million dagegen in den Dateien der Jobcenter.

Dass die Nürnberger Bäume nicht in den Himmel wachsen, machen die Zahlen für Dezember 2013 deutlich: Zum Jahresschluss verzeichnet man 2,87 Millionen registrierte Arbeitslose, 67 000 mehr als im November.

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