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Südosteuropa fürchtet Aderlass in Weiß

Ärzte und andere hoch qualifizierte Fachkräfte aus Bulgarien und Rumänien ziehen in den reichen Westen

Bulgaren und Rumänen können seit Anfang 2014 frei in die übrigen EU-Staaten ziehen. Beiden Ländern macht die Abwanderung ihrer Ärzte in den wohlhabenden Westen zu schaffen.

Die von Politikern in Westeuropa düster prophezeite Welle von Armutsimmigranten aus dem Südosten Europas ist zumindest zu Jahresbeginn ausgeblieben. Dennoch löst die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bulgaren und Rumänen zum 1. Januar nicht nur Jubel aus. Angesichts bis zu 20 Mal höherer Löhne werde Bulgarien Probleme haben, seine Ärzte im Land zu halten, sagte die Tageszeitung »24 Chasa« (24 Stunden) voraus: »Es gibt kaum noch Ärzte, die nicht ans Auswandern denken.« Die Erhöhung der Arztgehälter in Bulgarien und damit höhere Krankenkassenbeiträge seien »unausweichlich« und zeichneten sich »als erste reale Folge der Freizügigkeit ab«.

Seit Beginn der 90er Jahre haben drei Millionen Rumänen und eine Million Bulgaren ihre Heimat verlassen, um mit der Arbeit in der Fremde ihre Familien über Wasser zu halten. Keineswegs suchen nur ungelernte Erntehelfer oder Bauarbeiter ihr Berufsglück in der Fremde. »Braindrain«, die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte, macht den beiden Schwarzmeer-Anrainern schon seit Jahren zu schaffen.

Mit Medaillen behängt kehrten Schüler des Mathematik-Gymnasiums in Sofia zum Jahreswechsel von der Jung-Mathematiker-Olympiade im indonesischen Bogor zurück. Doch ob die Rechentalente später einmal bei heimischen Firmen und Instituten anheuern werden, ist ungewiss. Zwei von drei Wissenschaftlern am Institut für Mathematik der Technischen Universität Sofia seien in den vergangenen 15 Jahren abgewandert, klagt Mathematikprofessor Michail Konstantinow: »Und dass nun die letzten EU-Hürden gefallen sind, macht es noch leichter.« Ob IT-Spezialisten oder Ökonomen, Architekten oder Ingenieure: Es sind deutlich höhere Löhne, aber auch bessere Arbeitsbedingungen, die Hochschulabsolventen oft direkt vom bulgarischen Hörsaal an ausländische Einrichtungen treiben.

Manche der emigrierten Talente zieht es indes auch wieder nach Hause zurück. Sieben Jahre lebte der Harvard-Absolvent Rossen Iwanow im Ausland, arbeitete als Analyst bei McKinsey in New York und der Europäischen Entwicklungsbank in London. Doch 2007 kehrte der heute 38-jährige Ökonom nach Sofia zurück. Dort berät er seitdem mit der von ihm mitgegründeten Firma »Entrea Capital« erfolgreich Investoren auf dem bulgarischen Markt. »Ich hatte im Ausland einen guten Job. Doch ich wollte zurück, weil ich hier Möglichkeiten und Perspektiven sah.«

Doch vom »Braingain«, dem volkswirtschaftlichen Gewinn aus Emigration durch qualifizierte Rückkehrer, kann beim anhaltenden Aderlass der Mediziner keinerlei Rede sein. 28 000 zusätzliche Ärzte seien nötig, um Rumäniens Gesundheitssystem auf europäischen Standard zu bringen, klagte schon im letzten Jahr die Ärztevereinigung CMR. Aber der Mangel an Ärzten wird größer. Die Zahl der beim CMR eingereichten Anträge auf Erteilung einer Bescheinigung zur Berufsanerkennung nimmt jährlich zu. Sie ist für die Arbeit im EU-Ausland Voraussetzung. Seit 1990 wanderten bereits 21 000 rumänische Ärzte ab – zumeist nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Auch in Bulgariens ausgeblutetem Gesundheitssystem sieht es nicht besser aus. Wegen der schlechten Bezahlung und katastrophaler Arbeitsbedingungen denken Umfragen zufolge 78 Prozent der Mediziner an Emigration. Immer mehr Jungmediziner wechseln direkt nach dem Studium ins Ausland, klagte unlängst der Neurochirurg Marin Marinow, Dekan der Medizinischen Universität in Sofia »Man bildet die Leute sechs Jahre lang aus, investiert Geld, Intellekt und alles, was man hat, um sie zu guten Ärzten zu machen. Und dann verschwinden sie.«

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