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Kleine Stadt ganz groß

Konstanz feiert ab 2014 seine frühere Weltgeltung als spätmittelalterliche Konzilsstadt - gleich vier Jahre lang

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Zwischen 1414 und 1418 tagte das Konstanzer Konzil und machte die heutige Kreisstadt Konstanz für ein paar Jahre zu einem der maßgeblichen Zentren der mittelalterlichen Welt. Nun will man gehörig feiern.

Dass Konstanz eine Weltstadt sei, kann nicht einmal das eingefleischteste »Frichtle« behaupten - so nennt man vor Ort die Eingeborenen. Nördlich einer Linie zwischen etwa Frankfurt am Main und Erfurt ist es aller »Tatort«-Prominenz zum Trotz empfehlenswert, den Zusatz »am Bodensee« anzufügen, um etwaigen Verwechslungen mit Koblenz vorzubeugen. Und wer davon noch nicht ausreichend ernüchtert ist, werfe einen Blick in den Bahn-Fahrplan: Fern- oder gar Schnellzüge sind in der 80 000 Einwohner zählenden Kreisstadt ganz im Süden Baden-Württemberg selten; täglich gondelt genau ein »Intercity« nach Norden, der je nach Saison in Hannover, Hamburg oder Stralsund endet; dazu gibt es eine Köln-Verbindung im Wochenrhythmus. Ansonsten schlummert die Stadt in ihrer Nische zwischen dem See und der Schweizer Grenze.

Doch nun will Konstanz in Erinnerung rufen, dass dies einmal ganz anders war - vor 600 Jahren nämlich, also an der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Renaissance. Im frühen 15. Jahrhundert lag die Stadt am Abfluss des Rheins aus dem Bodensee verkehrstechnisch noch günstig und war mit rund 7000 Einwohnern recht groß - bis etwa 1850 hielt sich diese Einwohnerzahl. Ihrem Ruf als wohlhabender Handelsposten zwischen dem Reich und Oberitalien sowie ihrer vorteilhaften Anbindung an die Alpenpässe verdankte es die damalige Bischofsstadt, dass zwischen 1414 und 1418 tatsächlich die damals bekannte und relevante Welt zu Gast in Konstanz weilte.

Rund 100 Jahre vor Martin Luthers vermeintlichem Thesenanschlag versammelte sich in diesen vier Jahren der katholische Klerus in der Bodensee-Stadt, um die ärgsten Missstände in der Kirche abzustellen - beginnend bei dem Problem, dass es zu dieser Zeit gleich drei konkurrierende Päpste gab: Neben dem in Rom residierenden Gregor XII. beanspruchten auch Benedikt XIII. in Avignon und Johannes XXIII. das Amt, der letztere zunächst von Bologna aus und später vom norditalienischen Lodi aus - einer heutigen Partnerstadt von Konstanz. Besonders die Vita von Johannes signalisiert, wie weltlich die Kirche damals regiert wurde: Der Militär- und Verwaltungsexperte Baldassare Cossa hatte im Mai 1410 zum Papst erhoben werden können, obwohl er erst einen Tag zuvor überhaupt zum Priester geweiht worden war.

Cossa alias Johannes war es auch, der auf Druck von König Sigismund das Konstanzer Konzil einberief und sich als einzig amtierender Papst tatsächlich am Bodensee einfand. Dort versuchte er, die Absetzung der beiden anderen Päpste zu erwirken. Tatsächlich setzte das Konzil bereits 1415 dem Papsttum Gregors ein Ende - und zwei Jahre später auch dem des Benedikt.

Allerdings konnte sich auch Cossa nicht im Amt halten; bereits 1415 floh er, um seine Absetzung zu verhindern, als Stallknecht verkleidet aus Konstanz Richtung Freiburg, wurde allerdings ergriffen und zunächst in Heidelberg inhaftiert. 1417 jedenfalls war die Papst-Elimination abgeschlossen und der italienische Karrierejurist Oddo di Colonna wurde in Konstanz zum Papst Martin V. erhoben. Immerhin: Die »causa unionis«, also die Frage nach der Einheit der Kirche, konnte in Konstanz somit gelöst werden.

Die beiden anderen Punkte auf der Agenda, die »causa fidei« sowie die »causa reformationis«, also die Beilegung liturgisch-glaubenstheoretischer Konflikte sowie innere Reformen, scheiterten dagegen. Auch wurden in der Folgezeit, anders als in Konstanz beschlossen, keineswegs regelmäßige Konzilsversammlungen einberufen. Geschichtlich bedeutend ist auch die Verdammung von John Wyclif, Hieronymus von Prag und Jan Hus durch das Konzil; besonders Hus' Verbrennung trotz zugesicherten freien Geleits mündete in die sogenannten Hussitenkriege nach dem berühmten »Prager Fenstersturz«, in denen auch frühnationalistische Motivlagen im heutigen Tschechien erstmals eine gewisse Rolle spielten.

Auch für die Stadt hatte das Konzil zunächst erhebliche Auswirkungen: Zu den 7000 Einwohnern kamen während der vier Jahre rund bis zu 70 000 Besucher; man zählte 33 Kardinäle, fast 350 Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe, über 2000 weltliche Doktoren sowie über 500 Funktionäre der Mönchsorden; hinzu kamen Hunderte »Hübschlerinnen«.

Die Folge war zunächst ein andauernder erheblicher wirtschaftlich-kultureller Aufschwung in der Stadt am See. Erst über 100 Jahre später, nach den Wirren von Reformation und Gegenreformation sowie dem Verlust des Bischofssitzes und des Reichsstadt-Status, begann der Dornröschenschlaf als badisches Provinznest - der bis in die 1970er Jahre andauerte. Dann wurde mit dem Neubau der Universität viel Leben zurückgebracht, die »Stadt zum See« begann gerade von ihrem niedrigen Industrialisierungsgrad und der damit verbundenen Lebensqualität zu profitieren.

Das für den Sommer 1914 mit einigem Pomp geplante 500. Jubiläum des Konzils hatte ausfallen müssen, weil der Krieg das Fest samt dessen »völkerverbindender« Intention überholt hatte. Bisher erinnerten nur ein paar Messingtafeln an das historische Großereignis, zudem die etwas irreführende Bezeichnung »Konzil« für das mittelalterliche Warenhaus am Stadthafen - tatsächlich fanden die Sitzungen im Münster oder in Klostergebäuden statt; im »Konzil« wurde lediglich am 11. November 1417 die ausgekungelte Papstwahl aufgeführt. Seit 1993 steht immerhin die »Imperia«-Statue von Peter Lenk auf der Mole, die den besagten »Hübschlerinnen« gewidmet ist.

Zum 600. will Konstanz aber voll durchstarten mit der Erinnerung an seine einstige Bedeutung: Auch wenn der Stadtrat auf Betreiben von u.a. Holger Reile (Linke Liste) und Jürgen Leipold (SPD) das Event-Programm erheblich kürzte, soll das Erinnern zwölf Millionen Euro kosten - wovon die Stadt sechs aufbringen will. Weitere sechs Millionen sollen von »Projektpartnern« kommen, vor allem vom Land Baden-Württemberg, aber auch der evangelischen wie katholischen Kirche und vom benachbarten Schweizer Kanton Thurgau - dem beizutreten Konstanz einst vergeblich versucht hatte.

Offiziell beginnen soll der Reigen der Festivitäten im Frühjahr; unter anderem ist eine große Landesausstellung geplant; bis dahin wird schon mal der Platz vor dem »Konzil« für eine Dreiviertelmillion umgestaltet. Kein Gehör fand bisher dagegen die Initiative des örtlichen Humanistenverbandes, auch Kirchenkritikern ein Forum zu geben. Und auch der Plan, einen mittelalterlichen Kräutergarten in Hafennähe einzurichten, stößt nicht bei allen Einwohnern auf Gegenliebe: Bisher ließ es sich auf dem dafür vorgesehenen Areal nämlich trefflich mit Seeblick entspannen.

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