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Fußball, »streng vertraulich«

Folge 25 der nd-Serie Ostkurve: Weitreichende Entscheidungen von DDR-Sportfunktionären im Winter 1965/66

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die Chancenlosigkeit der DDR-Kicker ließ Sportfunktionäre im Winter 1965 handeln: Zehn Fußballklubs wurden gegründet. Die Entscheidungen brachten Erfolge und sind bis heute identitätsstiftend.

Winterpause. Im deutschen Fußball ist außer dem Fankongress in Berlin und der allmählich abflauenden Aufregung um das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger nicht viel los. Eine Winterpause kann aber auch die fußballerischen Verhältnisse eines ganzen Staates zum Tanzen bringen, und damit ist nicht das mögliche Public-Viewing zur WM 2022 in Katar mit Glühwein unterm Weihnachtsbaum gemeint, die manch FIFA-Funktionär im Sinn haben mag. Obwohl auch die Gründung der Fußballklubs in der DDR im Winter 1965/66 auf »Beschluss von oben« erfolgte.

In den 60er Jahren wächst die Unzufriedenheit bei den Sportfunktionären der DDR. Während der Fußball im Land längst wieder Zuschauermagnet und Sportart Nummer eins ist, sind die Leistungen der Nationalmannschaft und der Oberligavereine im Europokal höchstens als bescheiden zu bezeichnen. So scheidet der DDR-Meister 1964, die BSG Chemie Leipzig, im Europapokal der Landesmeister gegen den ungarischen Vertreter Györi Vasas ETO bereits in der Vorrunde mit 2:6 Toren aus. Die Armeefußballer des ASK Vorwärts Berlin erreichen ein Jahr später immerhin das Achtelfinale des Wettbewerbs, bleiben aber mit 1:5 nach Hin-und Rückspiel gegen Manchester United chancenlos. Die DDR-Nationalmannschaft verpasst im Oktober 1965 durch ein 2:3 gegen Ungarn die Qualifikation zur WM in England.

Das fußballerische Weltniveau ist jedenfalls weit entfernt, wie auch die »Fußball-Woche« konstatiert: »Zwischen Defensivfußball, wie er bei uns praktiziert wird, und modernem Spiel besteht ein Unterschied wie zwischen unserem Fußball und der Weltklasse.« Aus einer als »streng vertraulich« überschriebenen Analyse des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) und des Deutschen Fußballverbandes der DDR (DFV) vom Sommer 1964 zitiert der Politikwissenschaftler Hanns Leske: »Trotz einer ansteigenden Tendenz der Leistungen der Nationalmannschaft in den letzen Jahren muss sowohl für die Ergebnisse unserer Auswahlvertretungen wie auch für die internationalen Vergleiche unserer Oberligamannschaften festgestellt werden: Gemessen an der außergewöhnlichen Entwicklung des Leistungsfußballs im Weltmaßstab nach 1945 haben wir nur geringe Fortschritte zu verzeichnen.« Um das Problem anzugehen, schlagen die Verbände zwei Lösungen vor: Die Spitzenfußballer sollen auf wenige Mannschaften konzentriert werden. Der Wechsel soll ihnen durch Gehalts- und Prämienerhöhungen, aber auch durch berufliche Möglichkeiten, wie die Aussicht auf einen Studienplatz, erleichtert werden.

Diese Lösungsansätze werden mit der Gründung von zehn Fußballklubs auf Beschluss des DTSB und DFV im Dezember 1965 und Januar 1966 vollzogen. Die bisher bestehenden Fußballsektionen der Sportklubs werden herausgelöst und als eigenständige Klubs organisiert. Dort soll streng nach wissenschaftlichen Vorgaben mit Rahmentrainingsplänen gearbeitet werden. Zudem sollen die Klubs die Nachwuchsarbeit methodischer angehen, also in allen Jahrgängen von den Schülern bis zu den Junioren Mannschaften bilden. Mit der Gründung der Fußballklubs geht auch eine bessere finanzielle Ausstattung der Vereine durch Verbände und die jeweiligen Trägerbetriebe einher.

Zehn Fußballklubs sind als neue Leistungszentren vorgesehen, die relativ gleichmäßig über die 15 Bezirke und die verschiedenen Sportvereinigungen verteilt werden sollen. Am Ende des Januars 1966 stehen jedoch zehn Klubs, die dieser Vorgabe überhaupt nicht entsprechen: Sie waren das Ergebnis von Konflikten verschiedener SED-Bezirksleitungen, der Einflussnahme Erich Mielkes und eines hohen Gewerkschaftsfunktionärs.

In den Bezirken Neubrandenburg, Potsdam und Suhl besteht von Anfang an kein Interesse an der Gründung eines Fußballklubs. Aber auch die Bezirke Frankfurt (Oder), Cottbus und Schwerin bleiben nach dem Januar 1966 »fußballklubfreie Zone«. Dafür gibt es in der Hauptstadt der DDR gleich drei Neue: Der FC Vorwärts ist mit vier Meistertiteln des Vorgängers ASK seit 1958 als Armeevertreter gesetzt. Erich Mielke will als Vorsitzender der Sportvereinigung Dynamo seinen Berliner Lieblingsfußballern unbedingt die Privilegien eines Klubs sichern: So wird aus der bisher meist im Mittelfeld der Oberliga herumdümpelnden Mannschaft aus Berlin-Hohenschönhausen der BFC Dynamo. Die Hauptstadt bekommt noch einen dritten Klub, herausgelöst aus der Mannschaft des TSC Berlin, der 1965/66 in der zweitklassigen Ligastaffel Nord spielt. Herbert Warnke, seinerzeit Chef des Gewerkschaftsbundes FDGB, setzt sich mit einem geschickten Argument für seine Kicker ein: Gerade die Werktätigen der Hauptstadt bräuchten neben Vorwärts und Dynamo einen zivilen Klub, den sie unterstützen können. Die »Berliner Zeitung« ruft dazu auf, Namensvorschläge für den Verein einzusenden, der an der Alten Försterei in Köpenick spielen sollte. Vorschläge wie BFC 66, FC Berlin Rot-Weiß oder FC Spreeathen können sich nicht durchsetzen. Schließlich wählt das Initiativkomitee zur Gründung den Namen aus, den der Verein noch heute trägt: 1. FC Union Berlin.

Die Bezirke Schwerin, Cottbus und Frankfurt/Oder gehen ohne eigenen Fußballklub leer aus, auch die Kicker aus Dresden spielen bis 1990 zumindest vom Namen her nicht in einem FC, sondern weiter als »Sportgemeinschaft«. Abgesehen davon genießt die SG Dynamo Dresden aber alle Vorteile eines speziell geförderten Klubs. Ohne diese Unterstützung wären besonders die Erfolge in den 70er-Jahren schwerlich zu erreichen.

Demokratisch strukturiert sind die neuen Klubs nicht, Anhänger haben aber erstmals die Möglichkeit, sich als »fördernde Mitglieder« den neuen Vereinen anzuschließen, wenn auch ohne Mitbestimmungsrechte. Die Gründungsversammlungen im Dezember und Januar verlaufen allesamt ähnlich: Hochrangige politische Funktionäre halten Gründungsreden, Parteifunktionäre und Werksdirektoren besetzen Vorstandsposten. So wird in Magdeburg der Vorsitzende des »Schwermaschinenkombinats Ernst Thälmann« (SKET), zum Klubchef.

Genau heute vor 48 Jahren wird im Kulturhaus des »VEB Elektrokohle« in Berlin-Lichtenberg der FC Vorwärts gegründet, hinterher feiert man bei »Tanz und guter Laune«, wie die Presse vermeldet. Drei Tage zuvor wird der BFC Dynamo im Sportforum in Berlin-Hohenschönhausen aus der Taufe gehoben. Dem letzten Teil des Gründungsmottos »Berliner Fußballclub Dynamo - Unser Ziel: Höchste Leistungen - würdige Repräsentation der Hauptstadt der DDR« wird in den Augen der meisten Fußballanhänger spätestens in den 80er Jahren nicht mehr entsprochen.

Trotzdem ist die Gründung der Klubs in der Saison 1965/66 eine der Grundlagen für eine ganz neue Identifikation der Fußballfans in der DDR, die bis in die Winterpause 2014 wirkt: Die meisten der zehn Klubs, sofern sie noch bestehen, spielen bis heute unter dem damals bestimmten Namen. In Hohenschönhausen kehrte man neun Jahre nach der Umbenennung in den FC Berlin ab 1999 sogar zum alten Namen zurück. Und welcher Fan des Halleschen FC oder des 1. FC Magdeburg würde heute ernsthaft die Vereinsfarben rot-weiß oder blau-weiß antasten wollen? Bei der Gründung wurden sie »von oben« eingeführt, der SC Aufbau Magdeburg lief zuvor mit dem Logo in den Stadtfarben Grün und Rot auf. Die Vereinsfarben der Chemiker aus Halle waren die heute nicht mehr gern gesehenen Töne Grün und Weiß, was 2014 zur Verwechslung mit dem Chemie-Rivalen aus Leipzig-Leutzsch führen könnte.

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