Arbeit hinter Knastgittern

Die Aus- und Weiterbildung von Gefangenen steht in Thüringen vor einer ungewissen Zukunft - auch der Fachkräftemangel ist ein Thema

Zwei Drittel der 1700 Gefangenen in Thüringer Haftanstalten arbeiten. Doch die Finanzierung für Bildungsangebote ist offen - man hofft auf neue Mittel von Bund und Ländern.

Erfurt. In Thüringer Haftanstalten gibt es immer öfter Probleme, Arbeitsplätze mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Einerseits sei die Nachfrage nach Arbeit so groß, dass es Wartelisten gebe, sagte der Sprecher des Thüringer Landesverbands des Bundes der Strafvollzugsbediensteten Deutschlands, Gerd Schulz. Auf der anderen Seite werde es aber immer schwieriger, offene Stellen zu besetzen, weil geeignete Kandidaten fehlten.

Dem Justizministerium zufolge hatten 2013 im Durchschnitt zwei Drittel der 1700 Gefangenen in Thüringer Haftanstalten eine Arbeit. »Wer arbeiten will, darf das auch - aber dann eben nicht unbedingt in seinem Wunschbereich«, sagte der Sprecher des Justizministeriums, Eberhardt Pfeiffer. Bewerber ohne die nötigen Voraussetzungen würden für Hausmeisterarbeiten oder Ähnliches eingesetzt.

Die Aus- und Weiterbildung, die im November aus 1328 Arbeits- und Bildungsplätzen bestand, steht vor einer ungewissen Zukunft. Bisher wird das Bildungsangebot zum überwiegenden Teil mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert. Im Herbst werden diese Zahlungen offiziell auslaufen. »Wie es mit den Bildungsangeboten dann weitergeht, ist bislang unklar. Wir hoffen natürlich, dass die Projekte durch Bundes- oder Landesmittel weitergeführt werden«, sagte Schulz.

Laut Justizministerium ist die Finanzierung bis zum Ende des Jahres gesichert. Derzeit liefen Verhandlungen mit der Europäischen Union. »Wir gehen davon aus, dass Arbeit und Bildung auch nach 2014 ohne Abstriche weitergeführt werden können«, sagte Pfeiffer. Ziel sei es, weder die Zahl der Auszubildenden noch die Angebote ausdünnen zu müssen.

Wer einen Berufsabschluss vorweisen könne, habe deutlich bessere Chancen am Arbeitsmarkt, sagte der Sprecher der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt-Thüringen, Kristian Veil. »In manchen Branchen hat die angespannte Fachkräftesituation die Chancen für Ex-Strafgefangene erhöht.« Die Arbeitsagentur begleite die Häftlinge deshalb während der Vorbereitungen auf die Entlassung.

Rund 400 Häftlinge hätten 2013 im Schnitt jeden Monat an den beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen teilgenommen, sagte Pfeiffer. 2012 haben 741 Gefangene einen IHK-zertifizierten Berufsabschluss gemacht. Für viele Inhaftierte sei die Arbeit eine Gelegenheit, sich einen strukturierten Tagesablauf anzugewöhnen, sagte Schulz. »Ein regelmäßiger Tagesablauf ist eine Grundvoraussetzung, die viele Insassen erst lernen müssen.« Der Lohn liegt dabei zwischen 1,12 und 1,87 Euro pro Stunde.

Derzeit produzieren die Gefängnisse im Freistaat vor allem für die Landesbehörden. Auf diese entfielen 2013 über drei Viertel (77 Prozent) des Jahresumsatzes. Private Unternehmen waren zu 15 Prozent beteiligt, Vereine und andere Einrichtungen zu 8 Prozent. Unter anderem werden in den Anstalten Tischler-, Schlosser-, Schneiderei- und sogar Sattlereiarbeiten durchgeführt. Zu den beliebtesten Produkten gehören die Christstollen aus der JVA Tonna und die in der JVA Hohenleuben produzierten Fensterrahmen. dpa/nd

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