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Schade eigentlich, HSV

Der Ärger der Mitglieder des Hamburger SV über den Aufsichtsrat ist verständlich. Aber warum entmachten sie sich selbst? Und warum öffnen sie Leuten die Tür, die von Fußball so viel verstehen wie ein Elefant vom Seiltanz?

Der Hamburger SV ist eine Institution in der Bundeliga. Das müssen auch alle die zugeben, die in braun-weißer Bettwäsche des FC St. Pauli schlafen oder all das »Urgestein«- und »Dino«-Gerede so satt haben wie alles, was man schlicht zu oft gehört hat. Und dennoch: Wer mal im Norden gelebt hat, weiß, dass auf tausenden Reetdächern in Küstennähe die Rautenfahne weht. Wer im Süden lebt, weiß, wie viele Mitt- und Endvierziger, die pfälzisch, badisch oder bayerisch sprechen, dem Verein hinterherfahren, seit sie als Jugendliche an Kaltz, Hrubesch und Keegan ihre Herzen verloren haben. Der HSV ist eben wie Schalke und Dortmund, und nicht wie der FC Ingolstadt.

Doch genau diese tiefe Verwurzelung in der Fußball-Ursuppe scheint auch das Problem zu sein. Während der Rest der Republik weiß, dass der Verein zuletzt 1983 deutscher Meister und 1987 Pokalsieger war, ist die gefühlte Identität der Rauten-Freunde eine andere: Im Grunde ist es wie bei der SPD, die sich als Volkspartei fühlt, die allerdings leider, leider seit ein paar Jahrzehnten doch keine 45 Prozent mehr bekommt (sondern eher die Hälfte). Ähnlich fühlt sich offenbar der HSV-Sympathisant: Im Grunde müsste man auf Augenhöhe mit den Bayern sein, aber irgendwie lief dann doch irgendetwas in die falsche Richtung.

Was genau das war, scheint allerdings keiner so genau wissen zu wollen, anders ist es nicht zu erklären, dass sich am Sonntag eine spektakuläre Mehrheit für die Ausgliederung der Profiabteilung und damit die weitgehende Selbstentmachtung der Mitgliedschaft ausgesprochen hat. Man hofft auf viele, viele Millionen von Investoren, vor allem aber darauf, dass damit die guten alten Zeiten wieder aufbrechen. Als vier Spieler der 83-er Mannschaft aufstanden, erhielten sie den donnernden Applaus der Ausgliederungsbefürworter.

Dabei ist es absolut nachvollziehbar, dass das Gros der Mitglieder keine Lust mehr auf ein Aufsichtsratsgremium hatte, in dem viele seiner Mitglieder durch ein schlecht austariertes Verhältnis zwischen Kompetenz und Geltungsdrang bestachen. Aber spricht das gegen die Beibehaltung eines demokratischen Kontrollgremiums? Oder doch eher dafür, dass sich Vereinsmitglieder besser überlegen sollten, welche Leute sie in Ämter hieven?

Bei allem Ärger über einzelne Aufsichtsräte – das große Problem der vergangenen Jahrzehnte war dann doch wohl eher ein anderes. Dass kaum ein anderer Verein so viel Geld so schlecht investiert hat wie der HSV könnte durchaus damit zu tun haben, dass erschreckend viele Trainer und Manager schlicht nicht das Format hatten, um bei einem ambitionierten Bundesligisten zu arbeiten, von einer lange Jahre miserablen Arbeit im Scouting- und Jugendbereich ganz zu schweigen.

Aber wird sich daran etwas ändern, wenn ein Politiker, der jahrelang ebenfalls im Aufsichtsrat war, einen Antrag anreicht, der von einem Investor bejubelt wird, der so erkennbar nicht die geringste Ahnung von Fußball hat, dass ein Interview mit ihm jede Sendung der »tagesshow« an Komik übertrifft. Wer liest, welche Personen Klaus-Michael Kühne für zukunftsträchtig hält, ahnt, dass es weitergehen wird mit der munteren Geldverbrennung beim HSV. Schade eigentlich.

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