Brasiliens neue Wunderpalme

Lüneburger Forscher und Lufthansa träumen vom »urwaldfreundlichen« Biosprit. Doch für hohe Erträge wäre wieder die problematische Monokultur nötig

  • Von Norbert Suchanek
  • Lesedauer: 5 Min.

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Biodiesel ist in Verruf geraten. Denn der Anbau von Ölpalmen und Soja in den Tropen und Subtropen - Hauptquellen des Kraftstoffs - brachte Tropenwaldabholzung sowie die Vertreibung von Ureinwohnern und Kleinbauern mit sich. Zudem wird die vermeintlich positive Umweltbilanz des Agrarkraftstoffs durch den massiven Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden verhagelt. Forscher von der Uni Lüneburg und mehreren südamerikanischen Hochschulen glauben, nun die Lösung des Dilemmas in Brasilien gefunden zu haben: die Macaúba-Palme (Acrocomia aculeata).

Anders als die aus Westafrika stammende Ölpalme (Elaeis guineensis) gedeihe die wilde Macaúba-Palme auf ärmeren Böden, brauche wenig Wasser und Dünger und sei kaum anfällig für Schädlinge oder Krankheiten, versichern die Wissenschaftler. Außerdem liefere sie 10- bis 15-mal mehr Öl pro Hektar als die Sojabohne, der derzeitige Hauptrohstoff von brasilianischem Biodiesel. »Die Macaúba-Früchte eignen sich hervorragend als neuer Biorohstoff für hochwertige Chemikalien, Kosmetika oder Biosprit«, so Betriebswirtin Katharina Averdunk, die an der Universität Lüneburg die Plattform für nachhaltige Biokerosinproduktion leitet.

Die Idee der Macaúba-Forscher ist, die Palme auf den insgesamt rund 170 Millionen Hektar Rinderweiden Brasiliens als »Schattenbaum« anzupflanzen. Das gäbe Fleisch, Milch und Biodiesel von derselben Fläche und obendrein noch nachhaltige Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung. Würde nur die Hälfte der Weiden mit 100 bis 200 Macaúba-Palmen pro Hektar bepflanzt, ließen sich jährlich rund 80 Millionen Tonnen Öl ernten, was in etwa der doppelten Palmöl-Weltproduktion von heute entspräche, rechnen die Lüneburger Wissenschaftler vor. Ein zusammen mit der brasilianischen Firma Paradigma Oleos Vegetais geplantes Pilotprojekt namens Inocas steht bereits in den Startlöchern. 2000 Hektar Rinderweiden im Bundesstaat Minas Gerais sollen mit der »Wunderpalme« aufgestockt werden. Mit im Boot sind internationale Entwicklungsbanken und die um ihr Image besorgte Lufthansa, die an »umweltfreundlichem« Biokerosin interessiert ist. Katharina Averdunk ist sich sicher, dass ihr Agrotreibstoff aus Macaúba-Öl die Nachhaltigkeitskriterien der EU erfüllen werde.

Tatsächlich haben schon seit einigen Jahren brasilianische und paraguayische Wissenschaftler das Treibstoffpotenzial der von Paraguay bis nach Mittelamerika heimischen Palmenart erkannt. Vergangenen November trugen sie ihre Forschungsergebnisse beim ersten brasilianischen Macaúba-Kongress an der Universität von Patos de Minas in Minas Gerais zusammen.

Während die schon seit den 1980er Jahren im großen Stil kommerziell angebaute Ölpalme Elaeis guineensis feuchttropische Klimabedingungen wie am Amazonas bevorzugt, ist die Macaúba-Palme schon mit subtropischen und trockeneren Bedingungen wie in der Cerrado-Region Zentralbrasiliens oder in Paraguay zufrieden und kann dort ähnlich hohe Ölausbeuten liefern wie die Ölpalme der Feuchttropen. Industriell angebaut könnten die Pflanzen je Hektar 4000 bis über 10 000 Tonnen Pflanzenöl liefern, während die gleichfalls in der Cerrado-Region angebaute Sojabohne im Schnitt nur etwa 400 Tonnen je Hektar liefern kann. Auch Brasiliens energiehungriger Mega-Konzern Votorantim, der sein Hauptgeschäft mit Zement, Aluminium, Stahl, Staudämmen, Eukalyptusplantagen und Agrobusiness macht, experimentiert deshalb mit Macaúba. Der Konzern lässt derzeit von Kleinbauern-Frauen rund um seine Eukalyptusmonokulturen Macaúba-Palmen zur Biospritproduktion pflanzen, was ihm das begehrte Sozial-Biospritlabel »Selo Combustível Social« einbringt. Votorantim setzt dabei bewusst auf weibliche Handarbeit, weil Frauen besser geeignet seien, die empfindlichen Palmensetzlinge zu pflanzen, was sich später in den Erntenerträgen widerspiegele, erläutert Agrosprit-Forscherin Simone Palma Favaro von Brasiliens staatlicher Pflanzenforschungsanstalt Embrapa.

Doch dem Schritt zur großflächigen industriellen Nutzung der bei Ureinwohnern und traditionellen Bevölkerungsgruppen Lateinamerikas seit Jahrhunderten bekannten und genutzten »Wild-Palme« stehen einige Steine im Weg. Noch gebe es Hindernisse bei der effektiven Entwicklung der Macaúba zu überwinden, gibt Agrosprit-Forscherin Simone Palma Favaro zu. Gute Öl- und Biodieselqualitäten könnten nur mit besseren und effizienteren Ernte- und Verarbeitungsmethoden erreicht werden. Nicht jede »Acrocomia aculeata« ist gleich. Die Macaúba kommt in der Natur in einer großen genetischen Vielfalt vor. Doch zur kostengünstigen Biodieselherstellung müssen deren Früchte möglichst einheitliche Ölzusammensetzungen haben. Außerdem reifen sie nicht gleichzeitig, und eine maschinelle Ernte ist kaum möglich. Die Forscher arbeiten deshalb an der genetischen »Verbesserung« und Klonierung der Macaúba zur Effizienzerhöhung.

Eine aktuelle Studie über »Macaúba-Öl als alternativer Rohstoff für Biodiesel« der staatlichen Universität von Santa Catarina mit »wilden« Palmen jedenfalls erbrachte keine berauschenden Ergebnisse. Die Macaúba-Öl-Analysen fielen schlechter aus als erwartet. Biodiesel ist ein Mix aus veresterten Fettsäuren mit einem Estergehalt von mindestens 96,5 Prozent. Tests mit Macaúba-Öl ergaben aber nur Maximalgehalte von 80 bis 90 Prozent, was auf einen hohen Anteil an Bestandteilen im Öl hinweist, die sich schlicht nicht verestern lassen. Diese müssten wie auch immer abgetrennt werden, was die Kosten erhöht und den Ertrag verringert. So einfach, wie es die Lüneburger Betriebswirtin Averdunk im vergangenen Jahr in der »Wirtschaftswoche« darstellte, »man müsse die Früchte der wild wachsenden, bisher kaum genutzten Palmen nur ernten und das Öl auspressen«, ist es also nicht.

Tatsächlich sind Agraringenieure und Biospritbusiness gerade dabei, dieselben »ökologischen« Fehler zu wiederholen, die sie bereits mit der westafrikanischen Ölpalme machten. Dem Versuch, eine Pflanze zum universalen Öl- und Energielieferanten zu machen, fielen bereits Millionen von Hektar Tropenwald und traditionelle Waldgärten von Ureinwohnern in Südostasien, Melanesien und Lateinamerika zum Opfer. Der tatsächliche Wert der südamerikanischen Macaúba, ihre Widerstandskraft gegen Schädlinge, wurzelt in ihrer großen Vielfalt. Doch Vielfalt wiederum steht der industriell notwendigen Einfalt im Wege.

Sollten die Pflanzengenetiker Erfolg haben, droht den südlichen Ländern zusätzlich zur bereits industrialisierten und auf Pestizide angewiesenen Ölpalme und Sojabohne noch die neue »Wunderpalme« Macaúba. Denn statt Elaeis guineensis oder Soja zu verdrängen, zeichnet sich eher die Verdrängung von bisher noch nicht industriell genutzten subtropischen Cerrados und Savannen in Lateinamerika wie in Afrika, Südasien und Melanesien ab. Brasilien jedenfalls setzt erklärtermaßen auf die Ausweitung des Soja-Anbaus in Zentral-, Nord- und Nordostbrasilien sowie auf verstärkten Anbau der westafrikanischen Ölpalme in Amazonien. Alles natürlich offiziell, ohne auch nur einen Tropenbaum zu fällen. Die Gewinnung neuer Biospritflächen solle lediglich durch die Umwandlung von Millionen von Hektar von wie auch immer »degradierten« Rinderweiden geschehen.

Fazit: Eine nachhaltige Zukunft liegt nicht darin, einen Energielieferanten durch einem anderen zu ersetzen, um eine nicht-nachhaltige, globalisierte Konsumgesellschaft am Leben zu erhalten, sondern deren entsetzlichen Energieverbrauch zu verringern. Und dafür braucht es keine »neue« Ölpalme, sondern ein Umdenken.

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