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»Er hat uns von seinen Ängsten erzählt«

Kurt Julius Goldstein im Blick seiner Enkel: Zur Eröffnung der Ausstellung »Deutscher. Jude. Kommunist.«

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war eine kurze aber eindrucksvolle Veranstaltung, die am Donnerstagabend in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zur Eröffnung der Ausstellung »Deutscher. Jude. Kommunist« anlässlich des 100. Geburtstags von Kurt Julius Goldstein stattfand. Viele der Anwesenden hatten eigene Erinnerungen an Goldstein, denn er hatte bis kurz vor seinem Tod selbst an Gedenkveranstaltungen für Opfer des Faschismus teilgenommen, sich mit jungen Leuten getroffen und aus seinem bewegten Leben berichtet.

Nun also der Versuch, sich seiner Vita über die Erinnerungen seiner Familienangehörigen und Freunde anzunähern. Höchst aufschlussreich war das Gespräch zwischen seinen Enkeln Arleen und Julius Goldstein sowie zwei der Autoren der Ausstellung, dem Journalist Bernd Oertwig und Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees und einst enger Freund von Goldstein. Es zeigte sich, dass Zeitzeugen natürlich durch niemanden zu ersetzen sind, und dass es dennoch richtig ist, neue Wege zu gehen. Die Enkel zeichneten ein berührendes Bild ihres Großvaters. Julius Goldstein erzählte von einem Treffen mit dem damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan; sein Großvater Kurt Goldstein sei von der Prominenz seines Gegenübers unbeeindruckt gewesen habe: »Er machte einfach sein Ding, er füllte den Raum aus, er war Herr der Lage, er wusste, was er wollte und war einfach er selbst.«

Das habe Kurt Goldstein ausgezeichnet, meinte Christoph Heubner, »eine Widerständigkeit und Unangepasstheit, wie sie den Deutschen oft fehlt«. Diese Charakterzüge haben sich früh abgezeichnet: Schon als Kind habe sich Kurt Goldstein gern in Debatten eingemischt. Er stritt, raufte sich und gewann. Er wehrte sich gegen Unrecht, gegen Benachteiligungen, die er zum Beispiel in der Schule erfuhr, nur weil er Jude war. Diese Haltung brachte ihn schließlich zur kommunistischen Jugend, nachdem er auch bei den sozialistischen Falken antisemitische Ressentiments spürte. Aus seiner kämpferischen Natur habe Kurt Julius Goldstein nie ein Hehl gemacht, auch später nicht, wenn er mit Jugendlichen über seine Geschichte sprach. Nein, er war kein Pazifist, sondern einer, der glaubte, dass man für das Gute kämpfen muss, zur Not auch mit der Waffe. Das hat ihn nach Spanien gebracht in die Internationalen Brigaden.

Nach der Niederlage gegen die Franco-Faschisten begann für Kurt Goldstein die Zeit der Lager – zuerst in Frankreich: Saint Cyprien, Le Vernet. Schließlich übergaben die Franzosen ihn mit einer Gruppe anderer Interbrigadisten deutschen Antisemiten. Das bedeutete für ihn Auschwitz. Nach der Selektion kam der Arbeitseinsatz: Nun kam ihm zu Gute, dass er als Schüler die Bergleute unter Tage besucht hatte, um ihre Arbeitsbedingungen kennenzulernen. Schließlich wurde er sogar als Kapo eingesetzt und trug damit die Verantwortung für Hunderte Kameraden. Bis zum 17. Januar 1945, als auch der »Judenkönig von Auschwitz«, wie ihn die SS nannte, den Todesmarsch antreten musste. In Buchenwald erlebte er dann die Befreiung. Er blieb in Deutschland, entschied sich für die DDR. Auch diese Zeit zeichnet die Ausstellung nach, ebenso seine Tätigkeit für das Internationale Auschwitz Komitee nach der Wiedervereinigung und sein großes Engagement für Überlebende aus Osteuropa.

Trotz seiner augenscheinlichen Stärke sei ihm das alles nicht leicht gefallen, sagte Heubner zur Eröffnung der Ausstellung. Dies versinnbildlicht deren Titelbild. Es zeigt Kurt Goldstein im Deutschen Theater 2005 bei einer Gedenkveranstaltung zur Befreiung von Auschwitz, von Tränen übermannt. Enkelin Arleen ergänzte: »Auf unseren gemeinsamen Fahrten hat er von seinen Ängsten erzählt, dass er vor den Veranstaltungen schlecht schläft und im Schlaf weint.«

Nichtsdestotrotz hat er sich solchen Verpflichtungen nie entzogen, denn es galt zu mahnen: »Nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg«. Dafür kämpfte bis zu seinem Tod 2007. Und für den Traum von einer Welt, die nicht vom Kapitalismus regiert wird.

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