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Wachstum ist realitätsfern

  • Von Dirk Farke, Freiburg
  • Lesedauer: 2 Min.
In der Katholischen Akademie in Freiburg wurde über Postwachstumsökonomie diskutiert.

Auf stetem Wachstum basiert, suggerieren Kapital und Staat, der Wohlstand der Industriegesellschaft. Aber Klimawandel, zusammenbrechende Finanzmärkte, Schuldenkrisen und knappe Ressourcen zeigen, dass die Wachstumsparty vorbei ist. Auch innerhalb der kapitalistischen Ordnung gibt es kluge Köpfe, die uneingeschränktes Wachstum als realitätsfern erkannt haben. Vier von ihnen trafen sich in Freiburg, um Chancen und Möglichkeiten einer Postwachstumsökonomie auszuloten und mit der interessierten Öffentlichkeit zu diskutieren. Die wächst offensichtlich, so dass die Akademie kurzfristig einen zweiten Hörsaal mit Bild- und Tonübertragung bereitstellen musste.

Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech von der Universität Oldenburg ist wohl Deutschlands bekanntester systemimmanenter Wachstumskritiker. Er legte dar, dass auch ein sogenanntes »grünes«, auf technischem Fortschritt basierendes, Wachstum nicht ohne Umweltschäden zu haben ist. Sein Ansatz erfordert deshalb umfassenden Verzicht: auf Flug- und Autoreisen und darauf, jedes Lebensmittel zu jeder Jahreszeit zu essen. Die Energiewende sieht er bestenfalls als »Verschlimmbesserung«, da sie vom eigentlichen Ziel, dem Sparen, abhalte.

Aber nicht im Kapitalismus erkennt er das Grundproblem, sondern in einer »von niemandem mehr hinterfragten, inzwischen kulturprägenden Anspruchsexplosion in den Bereichen Mobilität, Konsum, Digitalisierung und Bequemlichkeit«. Die Lösung bestehe u.a. in »anderen Unternehmensverfassungen, aber bitte ohne Revolution«, in einer umfassenden Geldreform, wie der Einführung von zinslosem Regionalgeld und der sofortigen Halbierung der Arbeitszeit auf maximal 20 Stunden pro Woche.

Zwei Unternehmer, die recht erfolgreich versuchen, diese theoretischen Ansätze in die Praxis umzusetzen, präsentierten in Freiburg ihr Geschäftsmodell. Jürgen Schmidt, Umweltpreisträger 2012 des Deutschen Bundes für Umweltschutz (DBU), legte 1990 in Würzburg den Grundstein für die heutige »memo AG« mit. Das Versandhaus verkauft ein Komplettsortiment umweltverträglicher Büroartikel zu marktgerechten Preisen. Zusammen mit Uwe Lübbermann, dem Begründer von »Premium Cola«, zeigte Schmidt auf, dass, zumindest kurzfristig, auch innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftsmodells ein anderes Wirtschaften möglich ist - ohne Profitmaximierung und aggressives Marketing.

Heike Leitschuh, Autorin und Moderatorin hinterfragte, warum wir uns so schwer tun mit Visionen. Faschismus und Stalinismus hätten, so Leitschuh, Visionen grundsätzlich diskreditiert, so dass die »Nebelwerfer aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft« heute mit ihrer Rhetorik der Sachzwänge und der Alternativlosigkeit leichtes Spiel hätten.

Als Synonym für die wichtige Tagung, die aufzeigt, dass ein »weiter so« nicht möglich ist, steht ein Zitat Theodor W. Adornos: »Das fast unlösbare Problem besteht darin, weder von der Macht der Anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen«. Den letzten, entscheidenden Satz, »es gibt kein richtiges Leben im falschen«, aber ließ Leitschuh weg.

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