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Angriffe auf Einwanderer in Belfast

Nordirlands probritische Milizen haben offenbar neue Gegner gefunden

In Nordirland kam es im Januar zu mehreren Angriffen auf Ausländer. Loyalisten wollen ihre Stadtviertel britisch, weiß und protestantisch halten.

In der nordirischen Metropole Belfast kam es in den ersten Wochen des Jahres zu einer Serie fremdenfeindlicher Übergriffe. Zuletzt wurden Ende Januar im Norden der Stadt mehrere Pkw in Brand gesetzt. Betroffen waren vier Familien, zwei aus Polen, je eine aus der Slowakei und aus Afghanistan. Zwei Familien sind aus Angst vor weiteren Attacken bereits aus ihren Häusern geflüchtet und bei Verwandten untergekommen. Schon Anfang Januar waren in Ostbelfast sieben Angriffe gemeldet worden. Häuser wurden beschädigt und Fensterscheiben eingeschlagen.

Die Anschläge der vergangenen Woche ereigneten sich in einem Außenbezirk von Belfast. Tierna Cunningham von der irischen Linkspartei Sinn Féin sagte, die Taten seien »verabscheuungswürdig«. Rassismus habe in einem modernen Irland keinen Platz, die große Mehrheit der Bevölkerung heiße neue Bürger willkommen.

Die Betroffenen sind indessen froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. In einem Fall stand der ausgebrannte Personenwagen auf der Auffahrt direkt am Haus. Gegenüber dem »Belfast Telegraph« sagte ein polnischer Familienvater, er lebe seit acht Jahren in Belfast und sei mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern erst wenige Wochen zuvor umgezogen. Eine Familie aus Afghanistan erlebte bereits den zweiten rassistischen Angriff. Im Viertel Tiger’s Bay, einer Hochburg der probritischen Paramilitärs, war ihr Haus attackiert worden.

Überhaupt fällt auf, dass es Hochburgen der probritischen Milizen Ulster Volunteer Force (UVF) und Ulster Defence Association (UDA) sind, in denen die Anschläge stattfinden. Die ideologische Mixtur dieser Verbände gründet sich auf einer übersteigerten Verehrung des britischen Königshauses, protestantischem Fundamentalismus und Rassismus. Das manifestiert sich etwa im Leitspruch der UVF-Miliz »For God and Ulster« (Für Gott und Ulster). Irische Katholiken sind den Paramilitärs ebenso verhasst wie Muslime und Migranten.

Obzwar verboten, sind die Milizen im Stadtbild auf Wandbildern stets präsent. Sie kontrollieren zahlreiche Städte in Nordirland und sollen auch in Drogen- und Waffenhandel verwickelt sein. In der Vergangenheit verfolgten die Paramilitärs vor allem das Ziel, irische Freiheits- und Vereinigungsbestrebungen zurückzudrängen. Dafür verübten sie auch Morde gegen proirische Politiker und Aktive der irischen Zivilgesellschaft. Seitdem jedoch die irische Linkspartei Sinn Féin auch institutionell tätig ist und die IRA-Guerilla ihren bewaffneten Kampf für beendet erklärt hat, sind den Paramilitärs in gewisser Weise die Gegner abhandengekommen. Obendrein kooperieren die Vertreter probritischer Parteien seit Jahren in der nordirischen Regionalregierung mit Sinn Féin.

Die Milizen konzentrieren sich seither offenbar immer mehr darauf, die von ihnen kontrollierten Viertel »ethnisch rein« zu halten. Daher die Angriffe auf Häuser, die von Iren oder Migranten bewohnt werden. Rassistische Schmierereien an Wohnungstüren haben oft zur Folge, dass die Betroffenen ihre Häuser verlassen, noch bevor sie selbst zu Schaden kommen. Angehörigen von UVF und UDA werden auch Kontakte zur faschistischen British National Party (BNP) sowie zu Neonazis von »Blood and Honour« und zum Terrornetzwerk »Combat 18« nachgesagt.

Infolge des lang andauernden Nordirland-Konflikts gibt es in den meisten Städten Viertel mit mehrheitlich irischer und solche mit mehrheitlich britischer Bevölkerung. Wo solche Bezirke aneinanderliegen, trennen Mauern und Zäune, sogenannte »Peacewalls«, die Bevölkerungsgruppen. Bezirke mit gemischter Einwohnerstruktur werden als Mixed Areas bezeichnet.

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