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Ohne Bildung keine Künste

250 Jahre Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 6 Min.

Immer gibt es bildungshungrige junge Leute mit musischen Talenten. Die Lehrberufe für sie brauchen eine gewisse Steigerung. Denn eine menschliche Gesellschaft mit einem kulturellen Mindestanspruch ist auf Künste angewiesen - um Ausdruck zu finden, um zu kommunizieren, um Leben zu gestalten. Die Künste sind zwar nicht erlernbar, aber ohne handwerkliche, geistige und technische Bildung funktionieren sie nicht. Also gibt es seit Langem so etwas wie Kunsthochschulen. Aus simplen Klippschulen wurden einstens ehrwürdige Akademien. Stets ging es darum, trockene Schulmeisterei und öden Akademismus mit dem frischen Blut von künstlerischen Neuerungen zu überwinden. Insofern sind sowohl Tradition wie Innovation Grundvoraussetzungen für den Erfolg von Kunsthochschulen.

An welcher Kunsthochschule ließe sich das besser beweisen als an der Leipziger? 250 Jahre hat sie am 6. Februar auf dem Buckel. Ihre wechselvolle, konsequent gesellschaftlicher Nachfrage folgende Geschichte kann heute noch als Lehrbeispiel gelten. Die Spezialisierung auf Grafik und Buchkunst kam ja nicht von ungefähr. Die Musikstadt Leipzig hatte (und hat) das hochkultivierte Gewandhausorchester und eine dem entsprechende Musikhochschule. Die Buchstadt Leipzig hatte exklusiv Verlage und Druckereien. Ihrem Kunstanspruch sollte seit 1900 der Name »Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe« dienen. Mit Hilfe des Studiums in den akademischen Werkstätten und Ateliers wurde eine Buchkunst etabliert, die bald in internationalen Buchkunstausstellungen und Wettbewerben um schönste Bücher ihren weithin anerkannten Ausdruck fand. Das wurde eine bis zum Ende des 20. Jahrhunderts immer wieder erneuerte Tradition im Spannungsfeld zur freien Kunst der Malerei.

Wenn nicht ausgerechnet unser strahlender geistiger Nationalheld Johann Wolfgang Goethe beim Schulgründer Adam Friedrich Oeser Zeichnen gelernt hätte, würde kaum ein Hahn nach dem einstigen Beginn krähen. Denn was da der sächsische Kurfürst von seinem Untertanen Oeser 1764 in seiner Leipziger Pleißenburg installieren ließ, war als »Zeichnungs-, Malerey und Architectur-Academie« ein kümmerlicher Start - hin zu späteren Glanzzeiten. Selbst über 100 Jahre später war das noch eine in den Mansarden des als Kaserne und Militärgefängnis dienenden, später zum »Neuen Rathaus« umgebauten Gebäudes geduldete Zeichenschule. Die Beschreibung der einzigen drei Studiengänge von 1874 ist unterhaltsam nachzulesen in den Lebenserinnerungen des Malers und Karikaturisten Hermann Schlittgen aus Roitzsch bei Leipzig: »Wir mussten drei Kurse durchmachen, je zwei Jahre Kopiersaal, Antikensaal und Natursaal«. Das bedeutete nichts weniger als das Abzeichnen alter Kupferstiche und noch älterer antiker Gipsabgüsse sowie lebender menschlicher Figur.

Die rasante allseitige, aber vor allem industrielle Expansion der Bismarckschen Gründerjahre gab dieser Leipziger Institution den entscheidenden Entwicklungsschub. 1890 entstand neben dem noch von Mendelssohn-Bartoldy gegründeten »Conservatorium« der noch heute genutzte Prachtbau in der Wächterstraße. Eine Novität erzeugte die andere - bereits 1893 gab es dort Atelierwerkstätten für die aufblühende Photographie. Folgerichtig entwickelte sich daraus der noch heute einzigartige Ausbildungszweig Fotografik. Was der künstlerischen Fotografie zugutekam, war für die Entwicklung von Malerei und Grafik gleichermaßen wichtig. Dem seit 1947 als »Hochschule für Grafik und Buchkunst« firmierenden und allzu streng darauf beschränkten Institut kehrten zunächst in der Hauptsache auf das Malen orientierte Dozenten und Studenten den Rücken. Erst mit so vorzüglichen Malern und Hochschullehrern wie Bernhard Heisig, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer begann ein einzigartiger Siegeszug gerade dieser Disziplin. Seitdem spricht alle Welt anerkennend von der »Leipziger Schule«.

Dabei ist durchaus nicht gleichgültig, dass alle drei, fast wie die Malerfürsten verehrten Künstler gleichzeitig exzellente Zeichner und Grafiker waren. Kurioserweise waren sie nie Schüler ihrerseits berühmter Maler gewesen, sondern malerisch weitgehend Autodidakten. Damit gaben gerade sie ein anschauliches Beispiel dafür, dass der wesentliche Impuls für künstlerische Meisterschaft eben nicht lehrbar ist. Tübke sprach mir gegenüber mal von den »Willensqualitäten«, ohne die selbst höchste Begabung und allerbeste Ausbildung ohne Wirkung bleibt. Selbst wenn viele unter der heute namhaften Künstlerschaft sich auf diese drei berufen - wovon sie neben aller Professionalität am meisten profitierten, war - kurioserweise ausgerechnet in einem diktatorischen System wie der DDR - die hier in Leipzig herrschende intellektuelle Ausstrahlung durch außergewöhnliche Einzelpersönlichkeiten.

Und es wird oft vergessen, wie stark auch das von Albert Kapr und Gert Wunderlich geprägte Institut für Buchgestaltung in jenen Jahren Maßstäbe setzte. Der enormen ökonomisch-technischen Malaise der polygrafischen Industrie zum Trotz wurden keine Abstriche am künstlerischen Anspruch gemacht. Dieser wurde aller fünf Jahre in den Internationalen Buchkunstausstellungen bestätigt, von denen man heute nur noch träumen kann. Gerade in der Flüchtigkeit der Computerwelt sollte das Bestätigen alter oder das Finden neuer Maßstäbe immer wieder anschaulich gemacht werden. Menschlicher Geist nimmt greifbare Gestalt an in Buch und Bild. Darauf Bezug nehmend gewinnt Ausbildung erst ihren eigentlichen Sinn.

Man kann ruhig Inspiration dazu sagen, wenn beispielsweise von klassischer oder moderner Literatur entscheidende Anregungen für bildkünstlerische Interpretation kommen. Was vor hundert Jahren bedeutende hier lehrende und wirkende Künstler wie Max Klinger und Willy Geiger, Hugo Steiner-Prag und Walter Tiemann begannen, setzte sich wie durch Gene vererbt immer wieder erneuert fort. Jahrzehntelang ist Meisterliches an Buchgestaltung, Illustration, Malerei und Grafik parallel entstanden, und immer wieder durfte sich die Hochschule als Ausgangspunkt bezeichnen. Tiefernst grüblerische Charaktere einte mit frechen Ironikern ein Formwille, der eine solide Gestaltungsqualität anstrebte. Wenn heute mit Recht das breitgefächerte Spektrum der digitalen und virtuellen Medienangebote ins Lehrprogramm drängt, ist die Hauptfrage: Führt das zu dauerhaft gültiger künstlerischer Formgebung? Wenn nicht, dann werden extra feine visuelle Sensationen flüchtig vorbeihuschen, und der Mensch wird nur noch hilflos hinterherrufen dürfen: »Verweile doch, du bist so schön.«

Jeder in diesem Haus einst Lernende oder Lehrende hat gewiss eine eigene Sicht darauf.

Als ich zehn Jahre nach Kriegsende hier mein Diplom machte, beflügelte mich nach Tod und Verderben die heile Welt solider Zeichenkultur und grafischen Handwerks. Dem Umfeld seriöser Buchkultur als karikierender Paradiesvogel entflogen, wurde ich in Eulenspiegels Berliner Pressepool eingefangen und politisch diszipliniert. Immerhin war ich da gelandet, wo man grafischen Spaß machte und hatte. In Karl Schrader traf ich da einen Absolventen der 30er Jahre. Jahre vorher schon hatten Vorbilder für uns von dort ihren Weg begonnen. Hans Fischer aus Bad Kösen etwa oder Erich Ohser aus Plauen. Der eine erfand als Fischerkösen den Zeichentrickfilm, der andere als E. O. Plauen den Comicstrip für Deutschland. Johannes Hegenbarth setzte das als Hannes Hegen mit »Mosaik« fort. In den 70er Jahren half ich selbst dort Studenten wie Rainer Schade, Ulrich Forchner, A.J. Mueller, Bernd A. Chmura, Peter Bauer und Wolfgang Krause-Zwieback, ihren Weg zu komischer Zeichenkunst zu finden. Und heute garantieren Professoren wie der heitere Illustrator Thomas Matthäus Müller und der satirische Grafiker Christoph Feist, dass kein Talent, das in diese Richtung strebt, verloren geht.

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