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Schwellenländer in der Klemme

Kapitalflucht, hohe Zinsen und fallende Währungskurse: Droht eine neue Finanzkrise?

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Schwellenländer entwickeln sich momentan vom Hoffnungsträger zum neuen Sorgenkind der Weltwirtschaft. Die Mehrzahl der Beobachter warnt vor Panikmache.

BRIC - die vier Buchstaben galten einmal als Hoffnungsträger der Weltwirtschaft. Der frühere Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Jim O’Neill, hatte damit 2001 in einem Strategiepapier die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China zusammengefasst. Später wurde das Kürzel um Südafrika zu »BRICS« erweitert. Tatsächlich entwickelten sich diese Volkswirtschaften lange prächtig. Und seit 2009 flossen laut IWF netto 2300 Milliarden Dollar in alle Schwellen- und Entwicklungsländer - das höhere Wachstum und eine zunehmend kaufkräftige junge Bevölkerung lockten Unternehmen, Banken und Fonds. Doch nun droht eine riskante Wende: Woche für Woche ziehen Investoren zweistellige Milliardensummen ab.

Vom Tief der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-2009 hatten sich die großen Schwellenländer - in denen etwa drei Milliarden Menschen leben - schneller als die reichen Volkswirtschaften erholt. Brasiliens Ökonomie war jährlich um 4,5 Prozent gewachsen, China und die Türkei erreichten zweistellige Zuwachsraten. Doch für 2014 dürften viele Länder froh sein, wenn wenigstens noch eine »2« vor dem Komma steht - viel zu wenig, angesichts wachsender Bevölkerungen, sozialer Spaltung und wirtschaftlichen Nachholbedarfs.

Die befürchtete Krise hat viele Väter. Wie in den reichen Ländern, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), hat auch in den Schwellenländern die Verschuldung der Unternehmen seit 2008 deutlich zugenommen: Vor allem die Wirtschaft in China, Hongkong und Südkorea ächzt unter hohen Kreditlasten. Zum Club der Hochverschuldeten gehören auch die Türkei, Brasilien, die Philippinen und Malaysia.

Nun kann ein Staat mit hohen Schulden gut leben, wie die Vereinigten Staaten oder Japan belegen. Gefährlich wird es dort, wo der Großteil der Schulden in Fremdwährungen aufgenommen wurde. Während sich in den reichen Ländern Wirtschaft und Staat überwiegend in eigener Währung im In- und Ausland stressfrei Geld leihen, sind Unternehmen und Banken in Schwellenländern auf Kapital in Dollar, Yen oder Euro angewiesen. Werden diese Fremdwährungen abgezogen, kommen zunächst die Banken in Schwierigkeiten und es droht ein Finanzierungsloch wie in der »Tequila-Krise« und der »Asienkrise« in den 1990er Jahren oder wie in der Euro-Staatsschuldenkrise ab 2010. Es folgten jeweils Wirtschaftskrisen, unter denen vor allem Mittelstand und ärmere Bevölkerung zu leiden hatte. Jutta Sundermann von Attac kritisiert denn auch, man habe »wenig gelernt«. Vor allem die Geldflut von Zentralbanken und Multis aus USA und EU habe ein instabiles Wachstum befeuert.

Die Gründe für die Finanzklemme sind unterschiedlich. Während China auch aus politischen Motiven (noch) als Hort der Stabilität gilt, Brasilien mit Kapitalverkehrskontrollen der Kapitalflucht entgegensteuert, stehen im Fokus der Finanzmarktakteure andere: So haben die Unternehmen in Indonesien 84 Prozent ihrer Schulden in Auslandswährungen aufgenommen. Klaus-Jürgen Gern, Experte am Institut für Weltwirtschaft in Kiel nennt weitere Sorgenländer: Türkei, Argentinien und Indien. Auch Serbien oder die Ukraine benötigten einen ständigen Kapitalzufluss, damit sie ihre dauerhaften Leistungsbilanzdefizite (mehr Importe als Exporte) finanzieren können.

Als Erste Hilfe versuchen die Wackelkandidaten, ihren kollabierenden Wechselkurs zu stabilisieren. Die Leitzinsen werden drastisch angehoben, um die Währung für Anleger wieder attraktiv zu machen. Indien, Türkei, Argentinien, Brasilien und Südafrika haben ihre Leitzinsen im Januar teilweise bis auf über zehn Prozent angehoben - derweil die Zinsen in den USA, Japan und der Eurozone nahe null verharren. Solch extrem hohe Zinssätze gefährden jedoch die heimische Wirtschaft, da sie Kredite sehr teuer machen und Unternehmen kaum noch investieren.

Aber droht eine globale Finanzkrise? Während einige Nichtregierungsorganisationen wie Attac Schlimmes befürchten und Ökonomen von Banken von einer »Spekulation gegen Schwellenländer« sprechen, warnt die Mehrzahl der Beobachter vom Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind bis zur Deutschen Bank vor Panikattacken. Das sei bislang keine Finanzkrise wie in den 1990er Jahren. Gleichwohl zeigen die Finanzmarktakteure wieder ein abenteuerliches Herdenverhalten. Und in den aktuellen Finanzmarktturbulenzen spiegelt sich ein generelles globales Ungleichgewicht wider: Die Überschüsse von Exportweltmeistern wie Deutschland und China entsprechen den Leistungsbilanzdefiziten der halben Welt.

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