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Schmerz, lass nach!

Norwegens Slopestyle-Hoffnung Tiril Christiansen hält am Olympiatraum fest - auch ohne Kreuzband

  • Von Oliver Händler, Rosa Chutor
  • Lesedauer: 4 Min.
Was Lindsey Vonn nicht schaffte, wagt eine Norwegerin. Sie kämpft um Gold trotz gerissenen Kreuzbandes. Schmerzen ist sie gewohnt.

Tiril Sjaastad Christiansen fliegt weit. Viel weiter, als sie will. Viel weiter, als ihr gut tut. Norwegens beste Slopestylerin steht den Sprung zwar auf beiden Ski, doch die Landung nach dem letzten der drei Kicker, wie jene Riesensprünge genannt werden, ist hart. Den Knall der Ski auf dem Schnee hört man Hunderte Meter weit. Christiansen legt sich im Auslauf erst einmal in den Schnee. Russische Rettungshelfer wollen sie auf einer Trage abtransportieren, doch die 18-Jährige wehrt ab: »Lasst mich einfach nur ein paar Minuten liegen. Das wird schon.« Sie kennt den Schmerz, der gerade durch ihr linkes Knie fährt. Sie weiß, in zwei Minuten wird sie wieder laufen können. Oder besser gesagt: humpeln können.

Vor gut einem Jahr gewann Christiansen Gold bei den X-Games in Aspen. Diese Wettkämpfe stehen bei den Freestylern höher im Kurs als jede WM des Skiweltverbands FIS. Bei manchen sogar höher als Olympia. Für die junge Norwegerin trifft das jedoch nicht zu, sonst wäre sie nicht gerade über diesen Kicker im Extreme Park von Rosa Chutor gesprungen. Als sie am 5. Dezember in Colorado trainierte, war sie schwer gestürzt: Meniskusschaden und Kreuzbandriss. Eine längere Zwangspause erschien zunächst unausweichlich. »Ich war so traurig, weil ich dachte, dass meine ganze Saison in nur einer Sekunde beendet wurde«, erinnert sich Christiansen an jenen Tag. »Aber dann hat mir mein Arzt gesagt, es bestünde eine 10-prozentige Chance, dass ich bei Olympia starten könnte. Da dachte ich: ›Okay, die nehme ich.‹«

»Ich habe seitdem nie jemanden härter arbeiten sehen als sie, um ihre Muskeln so stark wie möglich zu machen«, sagt ihr Trainer Christopher Frankum. »Aber natürlich schmerzt es, wenn die Landezonen so eisig und hart sind wie hier.« Zwei Monate hatte seine Athletin nicht Skifahren können, jetzt tut sie es wieder »ohne Kreuzband!«, betont Frankum. 50 Meter hinter ihm versucht Christiansen gerade, den Schmerz irgendwie aus dem linken Knie zu laufen. Immer wieder beugt sie sich nach vorn, zieht sogar die Skihose runter, um den Sitz der monströs wirkenden Schiene zu testen. Die sitzt perfekt, doch es tut trotzdem weh. »Das war's für heute. Aber ich mache morgen weiter«, sagt sie und springt nur auf dem rechten Bein eine Treppe hinab. Das linke kann sie offenbar nicht mehr belasten.

Lisa Zimmermann ist noch ein Jahr jünger als ihre norwegische Kollegin, doch wirkt sie irgendwie reifer. Nach Christiansens Verletzung im Dezember war die junge Bayerin plötzlich Mitfavoritin für Sotschi, doch lässt sie sich von der Aussicht auf Glänzendes um den Hals nicht blenden. »Tiril will unbedingt Olympia gewinnen. Das kann ich verstehen. Ich würde aber schon bei kleineren Verletzungen meine Gesundheit nie so aufs Spiel setzen. Da würde ich auf Olympia verzichten«, sagt Zimmermann.

»Unsere Ärzte haben gesagt, sie könne hier an den Start gehen, und denen vertrauen wir nun«, erwidert Christiansens Trainer Frankum. »Tiril wird sich nach den Spielen operieren lassen und sich dann auf die nächsten Ziele vorbereiten.« Die heißen Pyeongchang 2018 und Oslo 2022, sollte Norwegens Hauptstadt den Zuschlag erhalten. Umso unverständlicher wirkt das Festhalten am Ziel Sotschi 2014. Tiril Christiansen hat seit ihrer Rückkehr auf die Ski noch nicht einmal ihre besten - und kompliziertesten - Tricks ausprobiert. Vielleicht tut sie das erst im Wettkampf am kommenden Dienstag.

Norwegens Slopestyler waren mit drei Medaillenkandidaten nach Rosa Chutor angereist, doch seitdem sind sie vom Pech verfolgt. Snowboarder Torstein Horgmo brach sich am Montag bei einem Sturz das Schlüsselbein und fällt aus. Seine Kollegin Silje Norendal muss wegen einer Erkältung schon Antibiotika nehmen und wurde vom eigenen Team separiert. Nun trifft es erneut Skifahrerin Christiansen.

Mit Stürzen wollten die spektakulären Slopestyler bei ihrer Olympiapremiere keine Schlagzeilen machen. Doch nun wird nur noch über die Gefährlichkeit des Kurses geredet. Selbst Superstar Shaun White aus den USA macht er »keinen Spaß«. Auch er ist schon gestürzt und verletzte sich das Handgelenk. »Die letzte Landung ist etwas hart, weil auf dem Eis nur wenig Schnee liegt. Aber es geht eigentlich«, sagt Lisa Zimmermann. »Doch wenn man ein verletztes Knie hat, sind natürlich alle Sprünge hart.«

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