Von Irina Wolkowa, Sotschi

Festnahmen in Naltschik

Tscherkessen protestieren gegen die Winterspiele

Mit der Festnahme von 25 Aktivisten endete eine Rallye kritischer Organisationen der Tscherkessen. Sie sind die Ureinwohner des Nordwestkaukasus, zu dem auch Sotschi gehört und hatten in Naltschik, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien, gegen die Olympischen Winterspiele protestiert. Dazu hatten sie ihre Autos mit tscherkessischen Flaggen und der Aufschrift »Sotschi - Land des Völkermordes« dekoriert.

Gemeint war der Vernichtungsfeldzug, den Russland im 19. Jahrhundert gegen die aufständische Volksgruppe führte. Überlebende stellte Zar Alexander I. 1864 vor die Wahl zwischen Pest und Cholera: Unterwerfung oder Deportation in die Osmanische Türkei. Tausende starben. Aus Furcht vor neuen Aufständen zerstückelte Stalin ihr Siedlungsgebiet. Auf Rücknahme der Verwaltungsreform, Entschuldigung und Wiedergutmachung warten die knapp 700 000 Tscherkessen, die noch in der Russischen Föderation leben, bis heute. Für weitere Spannungen sorgte, dass die Tscherkessen bei der Vorbereitung der Olympischen Spiele - anders als Kanadas Ureinwohner vor vier Jahren in Vancouver - außen vor blieben und nicht mit ihrer Symbolik werben durften. Bei Zuwiderhandlung hatte Moskau mit einem Verfahren wegen Extremismus gedroht. Erste Festnahmen gab es Mitte Dezember. Polizei und Geheimdienste gingen dabei ähnlich brutal vor wie Freitag in Naltschik.

Wie Augenzeugen beim kritischen Internetportal »Kawkazki uzel« zu Protokoll gaben, wurde vor allem nach Nutzern des Internetkurznachrichtendienstes Twitter gefahndet. Und nach Tscherkessen aus Syrien, die in Russland um Asyl nachgesucht haben, sich an den Protesten jedoch gar nicht beteiligt hatten. Ihr Anwalt vermutet, ein Extremismusverfahren solle als plausibler Grund für die Ausweisung herhalten und Antragsteller abschrecken. In Syrien leben 100 000 Nachkommen jener Tscherkessen, die vor 150 Jahren deportiert wurden. Ihre Rückkehr nach Russland würde der Volksgruppe in den nordkaukasischen Verwaltungseinheiten wieder zur ethnischen Mehrheit verhelfen.

Zeitgleich zu den Festnahmen legten Hacker die Websites prominenter Tscherkessenorganisationen lahm. Polizei und Geheimdienste wollen das und die Festnahmen derzeit nicht kommentieren. Eine Erklärung werde es erst nach Abschluss der Ermittlungen geben.

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