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Reisebuch zum Dableiben

Bernd-Lutz Lange und Tom Pauls sagen: »Nischd wie hin«

  • Von Matthias Biskupek
  • Lesedauer: 3 Min.

Verleger von Reisebüchern müssen Ideen investieren, wenn sie zwischen Internetseiten und Broschüren für 3,99 bestehen wollen. Fernsehgesichter auf den Titel, der möglichst originell sein soll, exzellente Fotos und eine Sicht aufs Reiseland, die neu ist. Der Aufbau Verlag versuchte all dem zu entsprechen und verpflichtete sich zudem einer Gegend, die zumindest in Deutschland pampige Kritik, herzliche Anteilnahme und nicht selten ein Lächeln hervorruft: »Ei, ei! … das liebe Sachsen«, wie schon Lessing eine seiner Bühnenfiguren verlogen freundlich sagen lässt.

Bernd-Lutz Lange und Tom Pauls, Kabarettisten und Schauspieler, die seit Jahrzehnten mit ihren Spracheigentümlichkeiten punkten, sagen »Nischd wie hin« und meinen ihre sächsischen Lieblingsorte. Man versteht diesen Dialektausdruck auch in Thüringen, in Anhalt, in weiten Teilen Berlins und heutzutage sogar in Oberpfaffenhofen.

Lange hat neben seiner Bühnenkarriere seit den achtziger Jahren immer auch Bücher veröffentlicht, kulturhistorische, autobiografische; er beherrscht den Plauderton, in den er sachdienliche Angaben mischt. Pauls ist Schauspieler, der gern mit Autoren arbeitet - hier hat er den Dresdner Mario Süßenguth gewonnen, seinen Erinnerungen das nötige literarische Beiwerk zu geben.

Um Erinnerungen nämlich geht es beiden. Die geborenen Sachsen - im eigentlichen und übertragenen Sinne - machen vor allem da nischd wie hin, wo sie schon mal waren: in frühester und späterer Jugend, auf Burgen mit den Eltern und in gruslige Höhlen der Kindheit, in Spiel-Orte, wo sie immer mal wieder auftreten. Pauls hat seit zwei Jahren ein eigenes Theater, klar, dass die Stadt ringsum, Pirna, einer seiner Lieblingsorte ist. Auch das Völkerschlachtdenkmal gehört dazu, das er mal hinter Rauch verschwinden ließ. Langes Stationen der frühesten Kindheit sind höchst verschieden: Ebersbach, wo Quirrll-Rrädnerr herkommen, Dresden und Zwickau. Bühnen-Arbeiter müssen vor ihren Auftritten noch einen Kaffee im Café trinken und nach den Muggen, wie DDR-geprägte Kabarettisten ihre Bühnentermine nennen, noch einen Absacker nehmen. Folglich sind unter den Lieblingsorten erstaunlich viele Cafés und Kneipen. Lange ist nach seinen eigenen Berichten bisher nur mit Stefanie verheiratet, dennoch kommen überaus viele Orte vor, wo man heiraten kann.

Vielleicht ist das dem Tourismus-Aspekt geschuldet: So ein Buch soll ja überall da ausliegen, worüber es berichtet. Drum müssen sie alle drin stehen, die Alleinstellungsmerkmale der Schlösser, die Baugeschichten der Museen, die Anekdoten, die alle erzählt bekommen. Hier aber werden auch jene persönlichen Erlebnisse schnurrig mitgeteilt, die bisher nur die Freunde von Lange und Pauls kannten, ein paar Pointen aus ihren Programmen sind ebenfalls bekömmlich untergehoben, um es in der Rezeptsprache zu sagen.

Die Fotos von Gabi Waldeck zum Lange-Teil und von Amac Garbe zu den Pauls-Kapiteln sind mal groß, bunt, doppelseitig - und mal kleine Rand-Notizen. Solche hat auch Ulrich Forchner gezeichnet, so dass das hundertprozentige Sachsenbuch von genau einhundert Prozent Sachsen gemacht wurde.

Bernd-Lutz Lange und Tom Pauls: Nischd wie hin. Unsere sächsischen Lieblingsorte. Aufbau Verlag Berlin. 312 S., geb., 29,99 €.

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