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Apokalypse Gesundheit

Neues Buch propagiert Leistungseinschränkungen

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Verfechter einer weitgehenden Privatisierung des Gesundheitssystems können sich über eine neue Galionsfigur freuen. Der Gesundheitsforscher Fritz Beske, der unter anderem bis 2013 das von ihm gegründete Institut für Gesundheits-System-Forschung in Kiel leitete, zeichnet in seinem neuen Buch »Gesundheitsversorgung von morgen« ein nahezu apokalyptisches Bild der künftigen medizinischen Versorgung und Pflege. Nach seinen Berechnungen werden die demografische Entwicklung und die Kosten des medizinischen Fortschritts zwangsläufig dazu führen, dass das bisherige Versorgungsniveau weder durch das Umlagesystem der Krankenversicherungen noch durch Steuermittel auch nur annähernd aufrecht erhalten werden können. Zwar könnte diese Entwicklung durch Maßnahmen zur Auslagerung versicherungsfremder Leistungen wie Prävention und kostenlose Mitversicherung von Kindern etwas gebremst werden, aber »das reicht nicht«, so Beske am Mittwoch in Berlin.

Beske plädierte bei der von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie veranstalteten Vorstellung seines Buches für einen »konsequenten Wandel von der bedarfs- zur einnahmeorientierten Versorgung«. Alle gesetzlichen Leistungen müssten nach Kosten-Nutzen-Erwägungen beurteilt werden und zwar »ohne Tabus.« Als Beispiel nannte er neuartige Krebs-Therapien, die pro Jahr mit bis zu 80 000 Euro zu Buche schlügen oder die Finanzierung von High-Tech-Rollstühlen für Menschen mit Behinderungen.

Neben Leistungseinschränkungen fordert Beske auch drastische strukturelle Veränderungen. Die hochspezialisierte stationäre Versorgung in der Fläche und die bislang freie Arztwahl der Versicherten seien nicht länger finanzierbar. In allen Bereichen von der Therapie über die Rehabilitation bis hin zur Pflege müsse ferner der Grundsatz ambulant vor stationär durchgesetzt werden.

Keinen Handlungsbedarf sieht Beske hingegen bei der Struktur der Krankenversicherung und der Leistungserbringung. Das duale System von privaten und gesetzlichen Kassen habe sich bewährt. Das Konzept der einheitlichen Bürgerversicherung, die auch Selbstständige, Beamte und Einkünfte aus Vermögen zur Finanzierung heranziehen würde, sei dagegen ein Irrweg, denn »es ist eine historische Erfahrung, dass es niemandem besser geht, wenn man einigen etwas weg nimmt.«

Auch der freiberufliche Status von Ärzten in der ambulanten Versorgung müsste erhalten bleiben, denn nur dieser biete den Anreiz, »die Praxis so lange offen zu halten, bis der letzte Patient versorgt ist.« Fälle von Korruption in der Selbstverwaltung der Kassenärzte seien Randerscheinungen. Überhaupt nicht thematisiert werden die horrenden Profite der Pharmaindustrie durch mangelnde Preisregulierung und die Anreizsysteme für Chefärzte in Kliniken zur Durchführung überflüssiger, kostspieliger Eingriffe. Generell müssten auch im Gesundheitswesen marktwirtschaftliche Prinzipien gelten. Und soziale Marktwirtschaft bedeute eben auch »Mut zur Ungleichheit und Mut zur Lücke«, heißt es in dem Buch.

Derzeit wirkt Beske wie ein neoliberaler Exot in der Sozialstaatsdebatte. Doch es ist eine Frage der Zeit oder vielmehr der nächsten zyklischen Konjunkturkrise, dis derartige Thesen wieder Einfluss auf die Gesundheitspolitik bekommen.

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