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Zwischen Tofuwurst und Baumarktdübel

Christian Klier hat seine Diplomarbeit dem Berliner Späti gewidmet. Ein Gespräch über die beliebten Kieztreffs

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Christian Klier hat seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Weißensee über Berlins Spätkaufläden geschrieben. Kürzlich erschien seine Diplomarbeit als »Späti-Stadtführer« beim Berlin Story Verlag. Über den Späti als Ersatzkneipe und die kuriosesten Angebote sprach mit ihm Christin Odoj.

nd: Wie kommt man auf die Idee, seine Abschlussarbeit über Berliner Spätis zu schreiben?
Klier: Das Fachgebiet, in dem ich meinen Abschluss gemacht habe, heißt »visuelle Kommunikation«. Dieser Punkt war auch das, was mich an den Läden immer gereizt hat. Jeder Laden ist ein echtes Unikat. Die Besitzer entscheiden für sich allein, was sie dort verkaufen wollen und entwickeln ihre eigenen Geschäftsmodelle. Das, finde ich, macht die Spätis zu Exoten in unserem Stadtbild und auch in der Geschäftswelt Berlins. Dann mochte ich auch immer die soziale Komponente, die mit den Spätis verbunden ist. Im Prinzip sind sie die modernen Tante-Emma-Läden.

Sind Sie selbst ein treuer Späti-Kunde?
Nein, eigentlich nicht. Also, nicht mehr als jeder andere auch. Meine Verbindung zu den Läden hat sich erst in der Recherche ergeben. Ich habe dort viel Zeit verbracht und teilweise auch selbst mitgearbeitet.

Wie sieht denn ein typischer Späti-Kunde aus?
Das Publikum ist recht jung, jedenfalls dort, wo es viele Spätis gibt. Ansonsten geht fast jeder dort hin, der mal irgendwas vergessen hat oder noch ein Feierabendbier oder Zigaretten braucht. Dann gibt es natürlich das Stammpublikum. Leute mit viel Freizeit, denen die Kneipe zu teuer ist und die sich dann vor den Späti setzen, um nicht alleine trinken zu müssen.

Wird der Späti mal die Kiezkneipe ersetzen? Viele haben ja mittlerweile Bänke aufgestellt und sogar kleine Gärten vor ihren Läden angelegt.
Im Sommer sind die Spätis schon oft voller als die Kneipen selbst. Mal abgesehen davon, dass viele schnell Ärger mit dem Ordnungsamt bekommen, könnte es aber schon sein, dass sich da eine neue Trinkkultur entwickelt. Mit den Preisen kann die Kneipe um die Ecke jedenfalls nicht mithalten.

Was kostet denn das billigste Bier im Späti?
Das günstigste ist Pilsator, das kostet 60 Cent, manchmal 80 Cent und ist dementsprechend auch das beliebteste Produkt in den meisten Spätis.

Mittlerweile gibt es ja vom Baumarktdübel bis hin zu Dosenravioli alles mögliche in den Läden zu kaufen. Was war das außergewöhnlichste Konzept, das Ihnen während der Recherche begegnet ist?
In der Pannierstraße in Neukölln gibt es einen Späti, der tatsächlich auch ein richtiger Baumarkt ist. Die Frau, die ihn betreibt, verkauft auch ausgewählte Bücher und Zeitschriften, die selten sind und teilweise bis zu 70 Euro kosten. Das ist schon sehr witzig und sehr speziell gewesen. Ansonsten ist mir noch der Reisebüro-Späti oder der Waffenladen-Späti in Erinnerung.

Inwieweit ist das Angebot eigentlich an der Klientel im Kiez ausgerichtet?
In Prenzlauer Berg gibt es schon eine Menge Spätis, die auch Bioprodukte anbieten. In Neukölln hingegen findet man eher die eben schon erwähnten ausgefalleneren Spätis. Im Allgemeinen kann man als Kunde aber schon sagen, was einem fehlt und dann gehen die Verkäufer meistens auf die Wünsche ein und stellen ihr Sortiment dementsprechend um.

Was ist der Späti-Verkäufer eigentlich für ein Typ Mensch?
Da trifft man auf die unterschiedlichsten Biografien, die die Verkäufer auch in ihr Ladenkonzept mit einbauen. Nur die wenigsten haben tatsächlich vorher schon in einem Kiosk gearbeitet. Ich habe Ingenieure oder Maskenbildner kennengelernt, die ihren Job auch mit ihrem Angebot im Späti verbinden. Die meisten Verkäufer sind extrem kommunikative Typen, auch wenn man das vielleicht erst mal gar nicht so vermutet.

Wenn ich in einen Späti komme, gucken die Verkäufer meistens RTL II oder spielen am Handy rum. Ist das normal?
Nein, das ist nicht unbedingt mein Eindruck. Es ist eigentlich eher erstaunlich, wie viel nachbarschaftliche Kommunikation in den Spätis stattfindet. Viele Kunden kommen in den Laden und man merkt, dass der Verkäufer die einzige Person ist, mit der sie am Tag sprechen. Den meisten Verkäufern ist auch durchaus bewusst, was sie für eine wichtige Rolle im Kiez spielen.

Gibt es etwas Spezielles am Berliner Späti, das ihn vom Hamburger oder Kölner Späti unterscheidet?
Erst mal ist da natürlich die Fülle an Läden, die es in Berlin gibt. Dann haben die Trinkhallen oder Spätkaufläden in den meisten Städten nicht rund um die Uhr geöffnet. Im Ruhrpott oder in Frankfurt am Main darf man zum Beispiel vor den Spätis nicht sitzen, sondern nur stehen. Da entsteht natürlich eine ganz andere Atmosphäre als in Berlin.

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