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Pamphlete gegen Denkfaulheit

Zum Tode von Werner Mittenzwei, der einer der klügsten Köpfe unter den deutschen Literaturwissenschaftlern war

Auf dem Buchmarkt der Bundesrepublik Deutschland war in der Nachwendezeit ein eigentümliches Phänomen zu beobachten. Sobald es um die Darstellung der Nachkriegsgeschichte, um die Beschreibung deutsch-deutscher Zustände ging, sank das Niveau der beherrschenden Bücher häufig unter das Niveau der beherrschten Buchkäufer. Das Unglück war abzusehen. Der Delegitimierungswahn gegenüber der DDR-Geschichte, das Staatsziel der neuen Bundesrepublik, hinterließ seine Spuren. Dass freilich die Apologie in der zeitgeschichtlichen Forschung einmal so groß werden könnte, dass sie im Wesentlichen nur das illustrierte, was die Medien kolportierten oder was sich in den Sprachhülsen der offiziellen Politik sammelte, das war nicht vorauszusehen.

Just in diesem Augenblick der intellektuellen Hilflosigkeit erschien das bedeutende Buch von Werner Mittenzwei »Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000« und half dem Mangel an historischer Urteilskraft ab. Mittenzwei war einer der klügsten Köpfe und einer der scharfsinnigsten Denker aus der Equipe der deutschen Literaturwissenschaftler. Er brillierte mit ungewöhnlichen, mit überraschenden Urteilen. Wie er den Weg der Eliten nach 1945 beschrieb als einen Weg voller Risiken und Ungewissheiten auf der einen, und als Weg erprobter Leute im erprobten Kapitalismus auf der anderen Seite, das war ein Lehrstück über das Verhältnis von Geist und Macht. Und in welcher Weise er Porträts und Physiognomien anfügte über das hundertköpfige und dennoch singuläre Personal der Literaturgeschichte, wie er die Charakteristika der literarischen Intelligenz freilegte als der eigentlichen Volksvertreterin auf Zeit, wie er die tragischen Helden der Umbrüche beschrieb, wie er die Arbeiter ins Visier nahm, die Zensoren und die Wendehälse (ihr Programm war der Programmwechsel), das waren nicht nur erregende Analysen von Lebensbildern, es waren Zeitspiegel, Chroniken durchaus zivilisierter Gesellschaften, die eigenen Irrtümern aufgesessen und Irrlichtern nachgerannt waren, und es waren Pamphlete gegen die Faulheit des historischen Denkens.

Als das Buch erschienen war, schrieb die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, Mittenzwei gehöre zu den wahren Könnern unter den deutschen Geschichtsschreibern der Gegenwart. In ihrer exemplarischen Machart seien seine Studien deshalb so einmalig, weil sie Ambivalenzen einfingen, an denen tatsächlich eindeutige Urteile abprallten. An der Gelassenheit des dialektisch geschulten Historikers schraubten sich aber auch manche Kleingeister hoch und reproduzierten die alten Parolen. Mittenzwei sei ein roter Don Quichote, eiferten Stimmen aus der Provinz. Sie konnten es nicht verwinden, dass Mittenzwei sich zu der Anschauung bekannte, »ich habe nicht meine Meinung, weil ich hier bin, sondern ich bin hier, weil ich meine Meinung habe«, ein Brecht-Wort, das den Rang ostdeutscher Identität deutlich machen konnte. Mittenzweis »Die Intellektuellen« bleibt eins der spannendsten wissenschaftlichen Bücher eines Jahrhundertendes, eines Jahrhundertanfangs (erschienen 2001), in mehreren Auflagen verbreitet und Voraussetzung für jede spätere literaturgeschichtliche Zusammenschau.

Aber was hatte der Mann nicht alles noch geschrieben, davor und danach! Die zweibändige Biographie »Das Leben des Bertolt Brecht oder der Umgang mit den Welträtseln« (bei Aufbau 1986, bei Suhrkamp 1987), ein Buch, das im Osten die biographische Betrachtung schlechthin aus den Fesseln des Stalinismus löste, das die Lebensphasen des Einzelnen mit den Parallelströmen der Zeitgeschichte auf musterhafte Weise verknüpfte. Oder seine umfängliche Studie über die nationalkonservativen Dichter 1918-1947 und den Untergang einer Akademie mit dem Titel »Die Mentalität des ewigen Deutschen«, deutsche Innenansichten aus einer Zeit zwischen zwei Untergängen. Oder seine kulturkritische Autobiographie »Zwielicht«, mit der er seine Suche nach einer Mentalitätsgeschichte der Intelligenz in einem extremen Zeitalter abzurunden versuchte. »Gelebtes Denken«, das zu keinem Endpunkt führte, das bestimmte Mittenzweis kulturphilosophischen Ansatz und Rang in der Wissenschaftsgeschichte, und zwar gebündelt in einem besonderen Temperament, das seinem Namen alle Ehre machte. Er war immer mittendrin, und er schlug sie entzwei, die großen erratischen Blöcke, die die Geistesgeschichte und das wirkliche Leben aufgehäuft hatten.

Ich habe Werner Mittenzwei in vielen Situationen außerhalb des Zeremoniellen kennengelernt, den Menschen von sprichwörtlicher Bescheidenheit, der um seine Leistung kein Aufhebens machte, der sein Licht lieber unter den Scheffel stellte statt es immerzu aufblinken zu lassen. Der nie ein Wort darüber verlor, wohin ihn die Achtung der Wissenschaftsgilde getragen hatte, bis in die Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Künste, bis an die Spitze eines Akademieinstituts. Es war ganz einfach sein Leben, ganz Wissenschaft, eingebettet in eine von der Wissenschaft besessene Familie.

Ich denke an den Mann, den große Theaterregisseure in Berlin und Wien zu ihrem Berater machten, weil er ihnen imponierte durch kluge Arbeiten zum Schauspieltheater und zur Dramentheorie. Ich denke an den belesenen Exilforscher, an den Mitherausgeber der großen 30-bändigen Brecht-Ausgabe von Aufbau und Suhrkamp, an die Sachkunde seiner präzisen Einwendungen, wenn es polarisierende Meinungen zwar nicht zu versöhnen, aber doch zu verketten gab. Ich sehe ihn vor seinen Grafik-Mappen sitzen, wie er die Kunst des Expressionismus bestaunte und die der nachfolgenden Generationen. Auf die Blätter, die er schon in den fünfziger Jahren, in der Frühzeit seiner germanistischen Studien erworben hatte, waren auf den Rückseiten die Erwerbungspreise aufgetragen. Wir amüsierten uns über die Verrücktheiten des Kunstmarktes und belächelten unsere zeitlebens unspekulativen Anschauungen, die uns offenbar der Sozialismus anerzogen hatte. Glückselige Mienen sah ich in seinem Gesicht, wenn er einen der Frühdrucke vom Bücherbord nahm, die er von Geistesgrößen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts dort aufgestellt hatte und nun mit zärtlicher Hand die barocken oder klassizistischen Titel- und Textseiten aufschlug.

Überhaupt hatte Mittenzwei etwas ganz Jungenhaftes an sich, eine liebevolle Spitzbüberei, wenn er etwas erzählte. Das Anekdotische betrieb er als die ihm eigene Form nachdenklichen Humors. Und wenn man ihn gar beobachten konnte, wie er einen Gedanken gebar, ihn abschliff und rundete zum intellektuellen Ereignis, wie die Wörter sich langsam vorwärts tasteten zum strukturierten Satz, dann wusste man, dass der Mann die Geheimnisse mit entschlüsseln konnte, die das Jahrhundert, in dem er lebte, in sich versteckt hielt.

Nun lebt Werner Mittenzwei nicht mehr. Vergangenen Freitag verstarb er im Alter von 86 Jahren. Er hat seine »Lebensarbeit« getan. Durch ihn ist die Welt vielleicht ein wenig schöner geworden.

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