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Nazis - kehrt marsch!

Demonstrationszug der NPD in Cottbus mit Blockaden von 1000 Menschen verhindert

200 Rechtsextreme wollten am Sonnabend den Jahrestag eines Bombenangriffs auf Cottbus am 15. Februar 1945 für sich ausschlachten. 2500 Menschen beteiligten sich an Protesten dagegen.

Am Sonnabend wurde ein NPD-Aufmarsch in Cottbus durch friedliche Blockaden verhindert. Die Neonazis konnten gegen Mittag von ihrem Treffpunkt am Hauptbahnhof aus nur mit Verspätung aufbrechen. Im Schneckentempo kamen sie zwei Straßenecken weit, dann war Schluss. Durch Protestkundgebungen und sechs Sitzblockaden war ihre Wegstrecke versperrt. Für die Neonazis hieß es darum: Im Nieselregen stehen, warten, dann kehrt marsch. Die Cottbusser Straßen blieben so gut wie nazifrei.

Dem Aufruf der NPD waren etwa 150 Rechtsradikale gefolgt. Die Gegenseite war damit in der Überzahl: An den Protesten, die bereits am Morgen begannen, hatten sich nach Angaben der Veranstalter rund 2500 Personen beteiligt. Etwa 1000 Menschen beteiligten sich an Blockaden. Zu den Gegenaktionen hatten unter anderem das Bündnis »Cottbus nazifrei« und der »Cottbuser Aufbruch« aufgerufen.

»Der Tag war für uns ein voller Erfolg«, freute sich Jakob Lupus, Sprecher von »Cottbus nazifrei«. »Es waren weniger Neonazis als im vergangenen Jahr vor Ort. Wir hingegen haben deutlich mehr Menschen als im Vorjahr auf die Straße gebracht - und wir waren erfolgreich.« Im Februar 2013 war die NPD noch mit 200 Anhängern in Cottbus präsent. Durch die damaligen Blockaden wurde der rechte Aufmarsch gestört und die Route verkürzt.

Seit mehreren Jahren veranstaltet die NPD jährlich im Februar Demonstrationen in Cottbus, um an die Bombardierung der Stadt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu erinnern. Als Vorlage dienen die großen Trauermärsche im Februar in Dresden. Auch in Dresden gelang es in den letzten Jahren, die Aufmärsche zu blockieren.

Während an den Blockadepunkten in Cottbus am Sonnabend gute Stimmung herrschte, waren die Neonazis über ihren misslungenen Auftritt sichtlich erbost. »Der rot-rote Sumpf hier im Land ist dreckig und pervers«, schimpfte NPD-Anmelder Ronny Zasowk. Er kündigte an, die Februardemonstrationen fortzusetzen. Maik Müller, Mitveranstalter der Dresdener Neonaziaufmärsche, hetzte in Cottbus, dass es am Ende des Zweiten Weltkrieges »keine Befreiung« gegeben habe. Die Bombardierung deutscher Städte habe die »planmäßige Ausrottung unseres deutschen Volkes« zum Ziel gehabt. Aus dem Lautsprecherwagen tönte getragene Musik, unter anderem die »Russlandfanfare«. Mit dieser Fanfare wurden zu Nazizeiten die Radiomeldungen des Oberkommandos der Wehrmacht eingeleitet. Ronny Zasowk, der im NPD-Bundesvorstand sitzt, plauderte derweil am Rande mit Alexander Bode. Der am Sonnabend mit Ordnerbinde ausstaffierte Bode war Haupttäter der tödlichen »Hetzjagd von Guben«. Vor 15 Jahren wollte ein algerischer Asylbewerber auf der Flucht vor Neonazis Schutz in einem Hauseingang suchen. Er sprang durch die Glastür, verletzte sich dabei und verblutete.

Der Polizeieinsatz am Sonnabend sei »überwiegend gelungen«, bilanzierte Sprecherin Ines Filohn. Es sei größtenteils friedlich geblieben. Rund 500 Beamte waren vor Ort. Die Personalien eines Teilnehmers der NPD-Demonstration wurden aufgenommen, weil er seine SS-Tätowierung auf seinem Arm offen zeigte. Eine Anzeige wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen wurde gestellt. Eine Ausnahme von dem ansonsten friedlichen Verlauf nannte Filohn: An einer Straßenecke seien 80 »gewaltbereite linksextremistische Personen« durch eine Polizeikette gerannt. Darum würden nun Ermittlungen wegen Landfriedensbruch geprüft.

Jakob Lupus von »Cottbus nazifrei« widerspricht dieser Darstellung: Um die Marschroute der Rechtsextren blockieren zu können, sei eine Gruppe von Demonstranten lediglich durch eine locker aufgestellte Polizeikette gerannt. »Die haben sich auf der Kreuzung sofort hingesetzt. Das war harmlos, es gab keine Verletzungen, weder bei uns noch bei der Polizei.«

Thomas Domres, parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Landtag, war am Sonnabend ebenso in Cottbus. »Menschen jeden Alters, aber auch besonders viele junge Leute haben für einen bunten und vielfältigen Protest gesorgt«, erklärte er. Die Demonstranten und auch die Polizisten seien entspannt geblieben. Domres hofft, dass die Polizei auch am 5. April in Wittenberge in seiner Heimat Prignitz auf Deeskalation setzen wird. Dort wollen »Freie Kameradschaften« aufmarschieren. Gegenaktivitäten sind in Planung. »Es wäre ein tolles Signal, wenn die Proteste in Wittenberge ähnlich stark und bunt werden, wie es hier in Cottbus gelungen ist«, sagte Domres.

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