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Baudokumente des Kalten Krieges

Landeskonservator Jörg Haspel über die Chancen von Karl-Marx-Allee und Hansaviertel, Weltkulturerbe zu werden

Die Karl-Marx-Allee sowie die Projekte der Internationalen Bauausstellung 1957 – Hansaviertel, Corbusierhaus und Kongresshalle im Tiergarten – sollen in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden. Mit dem Chef des Berliner 
Landesdenkmalamtes, Landeskonservator Jörg Haspel, sprach Bernd Kammer über die Chancen und den Stand des Verfahrens.

nd: Vor knapp zwei Jahren hat der Senat beschlossen, die Karl-Marx-Allee und das Hansaviertel der UNESCO als Weltkulturerbe vorzuschlagen. Dazu müssen diese Monumente des Städtebaus der Nachkriegszeit auf die nationale Antragsliste aufgenommen werden, die in diesem Jahr von der Bundesregierung zusammengestellt wird. Wie sind dafür die Chancen?
Haspel: Wir sind zuversichtlich und gehen davon aus, dass sie hervorragend sind, stehen aber in diesem Prozess noch ganz am Anfang. Aus den 16 Bundesländern sind mehr als 30 Vorschläge gekommen, allein aus Berlin ja zusammen mit dem Jüdischen Friedhof zwei. Die werden jetzt von einer Expertengruppe geprüft. Auf deren Empfehlung wird dann die Kultusministerkonferenz entscheiden, welche Objekte in welcher Reihenfolge von der Bundesrepublik nominiert werden.

Warum also sind die Chancen, einen guten Platz auf der Liste zu bekommen, hervorragend?
Weil diese Berliner Konstellation von derart widerstreitenden Architekturen in einer Stadt weltweit einzigartig ist: die eher konservativ-traditionalistische Linie der 50er Jahren im Osten, auf die dann der Westen mit dem modernen städtebaulichen Gegenentwurf reagiert hat; und darauf dann wieder der Osten mit dem modernen zweiten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee.

Das zeigt, wie sich in der Architektur und im Stadtbild die ideologischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit und des Kalten Krieges niedergeschlagen haben. Das ist singulär nicht nur, weil die Berliner Situation einer geteilten Stadt ungewöhnlich ist, sondern weil wir dadurch eine Art Zusammenschau der zwei Hauptströmungen der Architekturgeschichte ab Mitte des 20. Jahrhunderts haben: einer traditionellen Orientierung und einer modernen, antitraditionalistischen Bewegung. Es geht somit nicht nur um die Architektur gewordene Ideologie und Politik, sondern auch um zwei grundsätzliche internationale Architekturtendenzen in einer Stadt.

Die moderne, leichte Bauform im Hansaviertel und die eher traditionalistische in der Karl-Marx-Allee.
Wobei letztere schon deshalb bemerkenswert ist, weil die Anfänge der Planung noch unter einem Leitbild standen, das mit der Friedrichshainer Wohnzelle an die 20er Jahre anknüpfen wollte. Unter dem Vorzeichen der sowjetischen Kunst- und Architekturpolitik wurde das dann korrigiert und im Sinne der nationalen Tradition ein eigener Formenapparat entwickelt. Sozialistisch im Inhalt und national in der Form, wie es damals hieß und als Gegenposition zu dem verstanden wurde, was man als Amerikanismus bezeichnete. Das wird im ersten Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor ganz deutlich. Dann kommt die Antwort des Westens mit dem Hansaviertel: eine aufgelockerte, gegliederte, durchgrünte Stadt, ohne Magistrale, Achse, Symmetrie, ohne monumentale Formen. Und darauf reagiert dann wiederum der Osten mit der indus᠆trialisierten Ästhetik des zweiten Bauabschnitts, kulminiert im Haus des Lehrers und der Kongresshalle, die ja den Schlusspunkt setzten.

Was muss Berlin tun, um möglichst weit vorn auf der Liste zu landen?
Wir können jetzt nur abwarten, was die Expertenkommission der Kultusministerkonferenz empfiehlt, und für die Berliner Initiative werben. Sicher ist es auch unrealistisch, dass alle eingereichten Vorschläge auf die deutsche Nominierungsliste kommen, weil die Bundesrepublik ohnehin nur ein bis zwei Anträge pro Jahr bei der UNESCO einreichen kann. Derzeit stehen ja noch noch sieben, acht auf der sogenannten Tentativliste. Die Vorschläge, die die Kultusminister auswählen, sind also die Nachrücker dafür. Die Rangfolge ist nur eine zeitliche, aber keine der Bewertung. Für die Erarbeitung eines Welterbeantrages wird dann noch einmal erhebliche Zeit und auch Arbeit aufgewendet werden müssen.

Gerade weil beide Wohnkomplexe auch Dokumente des Kalten Krieges sind, tat sich der Senat lange schwer, sie als Welterbe zu nominieren. Könnte es auf nationaler Ebene auch Vorbehalte geben, besonders gegenüber der Karl-Marx-Allee?
Der Eindruck täuscht. Der Senat hat binnen weniger Wochen die westöstliche Initiative aufgegriffen und sich zu eigen gemacht. Aber sicher wird der Berliner Vorschlag von den Experten sehr kritisch studiert unter dem Gesichtspunkt, ob der Vorschlag einen herausragenden universellen Wert hat. Ob es in anderen Städten oder Ländern vielleicht ähnliche Erscheinungen gibt oder ob sich Prototypen des sozialistischen Realismus’ in der Architektur ja vielleicht eher in Moskau finden, die Westmoderne besser in Skandinavien.

Aber, wie Sie sagten, diese Konkurrenzsituation zwischen zwei Bauformen ist einmalig.
Ja. Und wir glauben, dass der Berliner Antrag auch deshalb gute Aussichten hat, weil er die Welterbeliste ausgewogener gestalten kann. An Zeugnissen der Nachkriegsarchitektur kommen da bisher nur die Hauptstadtplanung für Brasilia und der Wiederaufbau von Le Havre sowie der Altstadt Warschaus vor. Es sind also nur sehr wenige Stätten des 20. Jahrhunderts auf der Welterbeliste eingetragen. Berlin könnte dazu beitragen, dieses Defizit etwas auszugleichen.

Ist Berlin jetzt in der Pflicht, seine Welterbekandidaten besonders herauszuputzen und mit ihnen pfleglich umzugehen?
Wir sind natürlich bemüht, von ihnen Schaden fernzuhalten, Qualität und Authentizität zu bewahren, wie bei a l l e n Denkmalen. Das heißt, sie nicht verfallen zu lassen, keine störenden Neubauten vorzusehen oder gravierende Umbauten. Ansonsten würden wir unsere Chancen schwächen. Zum anderen wollen wir natürlich mit den Beteiligten, also mit Bewohnern, Eigentümern, den vor Ort Verantwortlichen über den Welterbeantrag ins Gespräch kommen. Wir haben da gute Erfahrungen mit den sechs Siedlungen der Moderne aus den 20er Jahren, die schon Welterbe sind. Eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Antrag besteht gerade darin, dass es eine hohe Zustimmung gibt bei den Bürgern.

Die scheint gegeben: Der Berliner Vorschlag geht ja auf eine gemeinsame Initiative von Bürgerverein Hansaviertel, Förderverein Corbusierhaus und der Hermann-Henselmann-Stiftung zurück.
Ja, es ist sicher eine besondere Qualität, dass bürgerschaftliches Engagement der Ausgangspunkt des Berliner Vorschlags ist.

Die Karl-Marx-Allee ist privatisiert, der größte Teil saniert, bis auf das östliche Ende an der Frankfurter-Allee. Dort beklagen sich die Bewohner über schlechte Bausubstanz und Vermieterwillkür. Macht Ihnen das Sorgen?
Es gibt Faktoren der Beunruhigung. Die größte Gefahr für die Denkmalbereiche wäre, wenn zum Beispiel die Fassaden einfach mit Dämmplatten verkleidet würden oder sonst wie ein modernes Design erhielten. Die historische Qualität würde dadurch beschädigt. Gegen solche Fehlmaßnahmen müssen die Denkmalbehörden einschreiten. Den Sanierungsbedarf in den Wohnungen kann man nur mit den Eigentümern gemeinsam schrittweise angehen, das gilt sowohl für die Karl-Marx-Allee als auch für das Hansaviertel.

In Dresden war die neue Elbbrücke eine »Fehlmaßnahme«, durch die das Elbtal seinen Welterbestatus verlor. Am westlichen Ende der Karl-Marx-Allee, am Alex, sollen Hochhäuser entstehen. Hat das Auswirkungen auf die Welterbe-Chancen?
Die Waldschlösschenbrücke liegt im Welterbe, die Planungen am Alex mitnichten. Und im Übrigen ist die Karl-Marx-Allee keine Kulturlandschaft, sondern eine großstädtische Magistrale, und der Alex ist kein Welterbekandidat. Ich messe den Veränderungen, die es in der Umgebung gibt, keine entscheidende Bedeutung bei. Wenn der Senat hingegen die Kandelaber, die es in der Karl-Marx-Allee gab, nicht mit dem gleichen Material in der gleichen Form erneuert hätten, hätten wir schlechtere Karten. Der Bebauungsplan für den Alex dagegen tangiert die Welterbeüberlegungen in keiner Weise. Auch in den anderen Welterbestätten entwickelt sich natürlich die Stadt weiter.

Zum Welterbebereich gehören aber auch das Haus des Lehrers und die Kongresshalle, die durch die Hochhäuser verstellt würden. Das Haus des Reisens steht in gleicher räumlicher Nähe und müsste zur Verwirklichung der Alex-Pläne sogar abgerissen werden.
Aber das Haus des Lehrers und die Kongresshalle haben wir in den 90er Jahren in die Denkmalliste aufgenommen, auch weil sie Teil des komplexen Wohngebiets Karl-Marx-Allee sind. Durch die Entwicklung auf dem Alexanderplatz wird dieser Zusammenhang eher noch verstärkt, indem der Raum gegen den Alex deutlicher gefasst wird. Natürlich ist es notwendig, für den Bereich, den man als Welterbegebiet definiert, Fehlentwicklungen zu vermeiden, auch solche, die von außen kommen und Einfluss auf das Gebiet haben. Dies sehe ich aber nicht.

Wenn es so klappt und beide Gebiete kommen auf die Welterbeliste, was haben sie und die Stadt davon?
Also Geld von der UNESCO gibt es nicht. Es ist sozusagen eine Ehrensache, die auch Anerkennung bedeutet für die Qualitäten der Stadt. Und ich glaube, dass das Welterbezertifikat Berlin auch interessant macht, zum Beispiel für den Tourismus oder für Investoren. Eine Stadt, die mit dem preußischen Erbe glänzt, mit der 20er-Jahre-Moderne und auch über einzigartige Bauzeugnisse des Kalten Krieges verfügt, ist eine Reise wert. Und wenn es um die Vergabe von Fördermitteln geht, dann ist es sicher nicht von Nachteil, wenn ein Welterbesiegel auf dem Bewerbungsschreiben klebt.

Da können sich die Laden- und Restaurantbesitzer in der Karl-Marx-Allee also Hoffnungen machen, dass es bei ihnen bald voller wird?
Wir glauben jedenfalls, dass eine Welterbenominierung dem Einzelhandel und der Gastronomie an der Allee keinen Abbruch tut und man eher zu vernünftigen und attraktiven Nutzungskonzepten kommt. Natürlich hoffen wir auch, dass dann vielleicht eher die Mittel für erforderliche Sanierungsmaßnahmen bereitgestellt werden. Ein Hansaviertel ohne Hansabibliothek oder ohne Einkaufszentrum Hansaplatz wäre vielleicht so unvollständig wie die Karl-Marx-Allee ohne das Café Moskau.

Wenn alles gut läuft, wann sind die Gebiete Welterbe?
Wenn in diesem Jahr eine Vorentscheidung erfolgt und sie 2015, 2016 zur UNESCO nach Paris gemeldet würde, dann könnte es zu einer förmlichen Nominierung wohl in zehn bis 15 Jahren kommen. Berlin hat bereits mit den Schlössern und Gärten von Potsdam und Berlin, der Museumsinsel und den 20er-Jahre-Siedlungen drei Welterbestätten. Diese Bewerbungen haben einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren beansprucht. Die Bundesrepublik ist mit fast 40 Kulturerbestätten auf der Welterbeliste vertreten und damit häufiger als China, Indien oder Russland.

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