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Wer als Erster oben ist

Eiskletterer machen in Sotschi Werbung für die Aufnahme ihres Sports ins Programm

  • Von Oliver Händler, Adler
  • Lesedauer: 7 Min.
Im Olympiapark steht ein 16 Meter hoher Turm aus Eis, an dem Eiskletterer ihren Sport vorführen. Sie wollen schon bald zu Olympia dazugehören.

Etienne Grillot sitzt auf einer grünen Kunststoffmatte und feilt an den Spitzen seiner Schuhe, genauer gesagt an den Spitzen der Steigeisen an den Sohlen seiner Schuhe. Die müssen scharf sein, das versteht jeder, der Grillot fünf Minuten zuvor noch in zehn Metern Höhe kopfüber an einem überdimensionalen Holzwürfel hat hängen sehen. Alles was ihn an diesem festgehalten hatte, waren zwei Eispickel in seinen Händen und die Steigeisen an den Füßen. Manchmal sogar nur noch ein Pickel. »Nein, gefährlich ist das nicht«, sagt er trotzdem. »Man muss Sicherheitsregeln beachten, und ansonsten haben wir ja immer einen Partner, der uns am Seil sichert. Dem vertraue ich immer.«

Es ist fraglos beeindruckend, was der Franzose zeigt, und genau das ist sein Ziel. Grillot und seine Freunde aus Russland, Kanada, den USA, Japan, Iran und Aserbaidshan wollen beeindrucken: die Zuschauer im Olympiapark von Adler, die Medienvertreter aus aller Welt und vor allen anderen das Internationale Olympische Komitee (IOC). Denn die Eiskletterer wollen bald selbst Teil des olympischen Sportprogramms sein und um Medaillen kämpfen.

Eisklettern kann man auf zweierlei Art betreiben: dem vertikalen Geschwindigkeitsklettern und dem horizontalen »Lead«. Bei Letzterem geht es darum, die weiteste Strecke zurückzulegen, bevor man abfällt. Nur wenn wirklich einmal mehrere Sportler das Ziel erreichen sollten, zählt die Zeit. Grillot hat es gerade bis zum dritten der fünf Würfel geschafft, bevor sein ultraleichter mit einer Karbonsohle ausgestatteter Kletterschuh abrutschte. Also schleift er nun seine Steigeisen.

Dass der 27-Jährige, der seit zehn Jahren diesen Sport betreibt, heute nur an Holzwürfeln hängt und nicht an Formationen aus gefrorenem Wasser, liegt am subtropischen Klima an der russischen Schwarzmeerküste. Es ist knapp 20 Grad warm. »Wenn es schöne minus 20 Grad kalt wäre, hätten wir auch einen horizontalen Eisparcours oben hängen«, sagt Pawel Schabalin. So muss es eben mit Holzklötzen gehen. Schabalin ist Leiter dieses von einer russischen Bank unterstützten Kletterparks inmitten all der anderen Olympiasponsoren. Jeden Tag laufen etwa 75 000 Menschen daran vorbei, viele bleiben interessiert stehen und schauen Athleten wie Etienne Grillot zu. »300 Leute versuchen sich dann täglich selbst an der Eiswand«, sagt Schabalin.

Jene Wand ist eigentlich ein Turm, und der besteht wirklich aus Eis. Diesen bei den Temperaturen über drei Wochen lang nicht abschmelzen zu lassen, ist eine Kunst. »Das ist unser Know-how«, brüstet sich Schabalin. »Morgens öffnen wir die Westseite, mittags die Ost- und danach die Nordseite des Turms.« Die anderen werden dann wieder zugehängt, um sie vor der Sonne zu schützen. Trotzdem schmilzt das Eis. »Deshalb holen wir uns jede Nacht die Reste aus der Eishockey-Trainingshalle, mischen sie mit Wasser und bringen eine neue Schicht in Handarbeit an«, erklärt er.

Hinter ihm versucht sich der junge sportlich wirkende Passant Anatoli daran, die 16 Meter hinaufzuklettern. Immer wieder haut er mit den Pickeln in die Wand. Das Eis spritzt, splittert ab. Erst wenn er sich sicher ist, dass beide Pickel halten, wagt er es, sich hinaufzuziehen und einen Fuß weiter nach oben zu setzen. Danach haut er wieder zehnmal ins Eis, bis beide Pickel festsitzen. Anatoli wird vier Minuten brauchen, bis er endlich oben ist. Direkt neben ihm schafft es Julia in zwölf Sekunden. Sie springt die Wand hinauf, und lässt sich oben angekommen sofort ins Seil fallen. Genau das soll irgendwann einmal olympisch werden. Wer als Erster oben ist, bekommt Gold.

Anatoli ist auch wieder heil unten angekommen und zeigt auf seine Unterarme. »Das war echt cool, aber hier tut es ganz schön weh«, sagt er. Julia lächelt nur. Sie kennt den Anfängerfehler, sich mit Hilfe der Arme hochzuziehen. Die Profis schieben ihre Körper mit der Kraft der Beine aufwärts. Die Pickel gebrauchen sie eher zur Stabilisation.

Und was ist wichtiger Schnelligkeit oder Kraft? »Man benötigt auch beim Speed Climbing vor allem Ausdauer«, sagt Grillot überraschend. »Wenn du gewinnen willst, musst du zuerst durch die Qualifikation, dann kommen die K.o.-Duelle. Da musst du in kurzer Zeit bis zu fünfmal die Wand hoch und am Ende immer noch schnell sein«, meint der Franzose.

Am liebsten wären die Eiskletterer in Sotschi offizielle Demonstrationssportart, doch so etwas gibt es nicht mehr bei Olympischen Winterspielen. Die Letzten, die es auf diese Weise ins olympische Programm geschafft haben, waren die Curler 1998 in Nagano. Seitdem kamen lediglich neue Disziplinen hinzu wie die Staffel im Rodeln oder Slopestyle bei Snowboardern und Ski-Freestylern.

»Das ist also offiziell ein Eiskletterfestival, eine Parkattraktion«, sagt Pawel Schabalin. »Wir wollen uns im kommenden Jahr beim IOC um den Status der Demonstrationssportart bewerben, doch selbst dann kann die Bürokratie schon mal sieben Jahre lang dauern, bis über den Antrag entschieden wird.« 1988 und 1992 waren die Curler noch Demonstrationssportart, Andrea Schöpp vom SC Riessersee gewann das Turnier von Albertville, bei dem es noch keine Medaillen gab. Genauso wenig wie 2014 für Grillot oder die junge Russin, die gerade die Eiswand hinaufgeflogen ist. Ob es überhaupt je Medaillen geben wird, weiß niemand.

Auch nicht Sophie Gerard, die Projektmanagerin der International Mountaineering and Climbing Federation. Sie traf sich in Sotschi mit einer koreanischen Delegation und mit Vertretern des IOC, um einen Wettkampf bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang zu organisieren. »Im Januar waren wir schon da, um uns mögliche Veranstaltungsorte anzusehen.« Einer der besten Lead-Kletterer kommt aus Südkorea. Vielleicht sind die nächsten Olympiagastgeber also genauso interessiert an der neuen Sportart wie die aktuellen, denn die schnellsten Speed-Climber sind Russen.

Wie viel Geld der Verband für den Kletterpark in Sotschi ausgibt, will Schabalin lieber nicht genau beziffern. »Es kostet sehr viel, da können Sie sicher sein.« Zwangsläufig fragt man sich, ob der Aufwand überhaupt Sinn macht. Doch Sophie Gerard denkt gar nicht darüber nach. »Wir haben die Olympiaaufnahme als Ziel in unsere Verbandssatzung geschrieben, also tun wir alles dafür. Und immerhin haben wir es hier zum ersten Mal in den Olympiapark geschafft«, sagt sie. Das Medieninteresse sei jedenfalls hoch. So hoch, dass der Französin die Visitenkarten ausgegangen sind. »Fernsehsender aus der ganzen Welt waren hier. Besser hätte es kaum laufen können.«

Eisklettern ist noch eine recht junge Sportart. »In den 1970er Jahren gab es hier im Kaukasus erste Wettbewerbe der Eiskletterer in der Sowjetunion. In den 90ern kamen die Franzosen dazu und seit der Jahrtausendwende haben wir auch Weltcups in Österreich und der Schweiz«, sagt Pawel Schabalin. Mal an den Geburtsstätten seines Wettkampfsports ganz in der Nähe Sotschis zu klettern ist für Etienne Grillot aber nicht drin: »Nein, ich bin nur eine Woche hier, um meinen Job zu machen und unseren Sport zu präsentieren. Für alles andere bleibt keine Zeit«, sagt er und klingt dabei schon wie die richtigen Olympiaathleten. Auch von ihnen werden die meisten nach getaner Arbeit wieder nach Hause fliegen, ohne ein einziges Mal in die Innenstadt von Sotschi gefahren zu sein, ohne einmal den Hafen und die herrliche Strandpromenade bewundert zu haben. Selbst vom Olympiapark, der direkt am Schwarzen Meer liegt, kann niemand einfach Mal zum Strand spazieren. Ein Zaun trennt Olympia vom Rest der Welt.

Etienne Grillot ist das egal. Er hat genug Natur vor der eigenen Haustür in Grenoble. »Jeden Morgen sehe ich die Berge, wenn ich aus dem Fenster sehe. Da war es für mich ganz natürlich, irgendwann in einen Alpenverein einzutreten. Erst habe ich da nur Bergsteigen gemacht, aber dann ging es auch mit Eisklettern los«, erinnert er sich. Jeder seiner Kollegen hier hat einen ähnlichen Werdegang. Ohne Berge vor der Tür wird niemand Eiskletterer.

In den Zeiten, als Grillot selbst am Weltcup teilnahm, trainierte er nur an solch einer Eiswand, wie sie hier in Sotschi steht, nicht mehr in den Bergen. »Die Weltspitze ist zu gut, um sich nur mit Teilzeittraining vorn halten zu können«, sagt er. Mittlerweile hat er aber die Seiten gewechselt und organisiert selbst einen Weltcup in Frankreich.

Über Gefahren des Sports spricht er nicht gern, doch auf seiner Nase sind deutliche Kratzer zu erkennen. »Keine Ahnung, wo ich die her habe. Ich erinnere mich nicht mehr. Muss wohl auf der Party am Sonntag passiert sein.« Er lächelt, zieht seine Schuhe an und schwingt sich wieder hinauf zum ersten Würfel. Dieses Mal fällt er erst vom vierten hinunter.

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