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Hoffnung auf das Friedensbier

Nordische Kombinierer verpassen nach einem taktischen Fehler knapp die Goldmedaille

  • Von Andreas Morbach, Krasnaja Poljana
  • Lesedauer: 4 Min.
Deutschlands Kombinierer haben ihr erstes Olympiagold im Teamwettbewerb seit 1988 um 0,3 Sekunden knapp verpasst. Trotz Silber ist die Schmach vom Dienstag für einige noch nicht überwunden.

Der Chefkameramann im dicken weißen Schneeanzug wusste, wohin er zuerst musste. Die vier Sieger aus Norwegen waren ihm zunächst egal, das Quartett aus Deutschland hatte Vorrang. Schließlich kannte der olympische Kameraführer die Geschichte von den deutschen Kombinierern, die sich zwei Tage zuvor gegenseitig über den Haufen gerannt und so um das mögliche Gold gebracht hatten. Da musste man doch mal sehen, was diese Kerle treiben, wenn sie nicht gegeneinander laufen, sondern im Team.

Die Antwort: Sie rannten, wenn auch nicht in einem Affenzahn, auf Schlussläufer Fabian Rießle, den Bösewicht vom Dienstag, zu und gratulierten dem im Schnee liegenden Schwarzwälder. Eine Viererbande - vereint in der Freude über einen Satz Silbermedaillen. Aber auch leicht betrübt, weil ihnen die Norweger, nach dem Springen noch 25 Sekunden hinter dem führenden DSV-Quartett zurück, wieder eine lange Nase gedreht hatten. Wie beim Einzel von der Großschanze, als Jörgen Graabak und Magnus Moan vom Chaos bei ihren Gegnern profitierten und den Deutschen nur die Bronzemedaille für Rießle blieb, die zudem von dessen Störmanöver gegen den Teamkollegen Johannes Rydzek überschattet war.

Ein gemeinsames Essen habe es am Abend des Unglückstages noch gegeben, erzählte Hermann Weinbuch - aber, so der Bundestrainer, kein Friedensbier. Nun standen sie zwei Meter auseinander, die Herren Rydzek und Rießle - und der Oberstdorfer Rydzek, hinter Eric Frenzel und Björn Kircheisen als Dritter auf die fünf Kilometer lange Schleife gegangen, sagte über den Vierten in ihrem Bunde: »Was der Fabi hinten raus gemacht hat, war genial. Er hat bis zum letzten Meter gekämpft.«

Derart mit Lob überschütten wollte der Chef den 23-jährigen Rießle jedoch nicht. »Er hat alles super gemacht, und Kraft gespart. Aber am zweiten Anstieg hat er leider die zweite Position aufgegeben. Plötzlich waren zwei vor ihm und haben sich breit gemacht. Aus der Position konnte er nicht mehr aus dem Windschatten, denn da wird mit Haken und Ösen gekämpft«, rief Weinbuch dem gebürtigen Breitnauer zu, der 48 Stunden zuvor noch gegen Rydzek mit allen Mitteln gekämpft hatte. Den Österreicher Mario Stecher konnte Rießle nach dem taktischen Aussetzer immerhin noch abfangen, mit Norwegens Graabak gelang ihm das nicht mehr.

Was blieb, war die Genugtuung, zu den zwei angepeilten Olympiamedaillen eine dritte hinzugelegt und sich gegenüber Platz sechs bei der WM 2013 klar verbessert zu haben. »Hier eine Medaille zu holen, ist keine Selbstverständlichkeit«, betonte Kircheisen, wegen der vielen Silbermedaillen, die er bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen schon geholt hat, mit dem Spitznamen »Silbereisen« bedacht.

Dieses Sotschi-Silber aber erklärte der 30-Jährige aus Johanngeorgenstadt nun zum »mit Abstand« schönsten seiner Karriere. Schließlich war Kircheisen den ganzen Winter über das fünfte Rad am deutschen Kombinierer-Wagen gewesen, ehe er sich in Russland im internen Ausscheidungswettstreit gegen Tino Edelmann durchsetzte. »Alle Leute hatten mich schon abgeschrieben. Aber ich hab‘ immer dran geglaubt, bis zum letzten Atemzug gekämpft - und ich denke, das macht mich auch aus«, lobte Kircheisen sich selbst und erklärte: »Ob das jetzt Silber, Bronze oder Gold geworden ist - ich bin einfach über meine Leistung froh. Dass ich es auf den Tag X geschafft hab›, wirklich hier meine besten Sprünge und besten Läufe zu machen.«

Der Bundestrainer freute sich auch, trauerte aber zugleich ein wenig wegen der Erkältung von Eric Frenzel, dem Olympiasieger von der Normalschanze, die ein noch besseres Ergebnis ebenso verhindert hatte wie das verstörende Solo von Rießle am Dienstag und die frisch vergebene Goldchance im Team. »Die Ausbeute ist gut. Aber das eine oder andere Rennen hätten wir noch ein bisschen besser gestalten können«, sagte Weinbuch, für den es keine weiteren Winterspiele auf der Kommandobrücke geben wird.

Kurz darauf kam dann Johannes Rydzek, der zwei Tage zuvor Ausgebremste daher. Und auf die Frage, ob denn nun gefeiert werde, antwortete er stotternd: »Wir werden… sicher… sicher… da… da… heute… bissle… bissle… bissle… feiern.« Ein bisschen Verdauungszeit für das Rennen vom Dienstag braucht der 22-Jährige offensichtlich noch.

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