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Bewusstsein, besichtigungsreif

DDR-Dramatik am Berliner Ensemble gelesen: Rainer Kerndl

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Kritiker schöpft nicht, er schöpft ab. Wenn er erzählt, dann höchstens nach. Er lebt kein Gestalten, er lebt von Gestalten anderer. Auch er hat zweifelsfrei ein Talent, das sich entfaltet, aber doch nur immer auf allen halben Strecken. Rainer Kerndl war Theaterkritiker, war sogar ein tonangebender Rezensent, nämlich der vom »Neuen Deutschland«. Jetzt, bei der Lesung des Kerndl-Stückes »Ich bin einem Mädchen begegnet« am Berliner Ensemble sagte Dramaturg Hermann Wündrich, man müsse sich diesen Autor »als einen erfolgreichen Menschen« vorstellen, »jedenfalls lange Zeit«. Meinte dies gewiss auch die rezensorische Wertungshoheit im SED-Zentralorgan (die der sprachfarbige, besonnene Kerndl bei aller Parteigemütsart doch niemals beißerisch und strafsüchtig ausübte), so verwies die Bemerkung wohl hauptsächlich auf die gelungene Doppelexistenz als Kritiker - und Dramatiker. Den Schriftsteller Kerndl, Jahrgang 1928, gibt es zwar seit etwa drei Jahrzehnten nicht mehr, aber für DDR-Zeiten stehen über ein Dutzend Stücke zur Rede, meist uraufgeführt am Berliner Maxim Gorki Theater und rege nachgespielt auf Bühnen des Landes.

Im Gartenhaus des BE also die Fortsetzung der Lesereihe zur DDR-Dramatik. Marina Senckel und Sabin Tambrea als Sie und Er im Kerndl-Stück von 1970. Arbeiterin trifft auf Schriftsteller, kecke Naivität auf durchsottenen Pragmatismus. Sie floh das Kollektiv, das ihren Sehnsüchten nach individueller Entfaltung im Wege steht; er befindet sich an der Schwelle zu einem ruppigen Zynismus, denn gerade eben wurde ihm von der Theaterleitung die Hauptgestalt eines neuen Stücks gestaucht: die sei zu anarchistisch und eigensinnig - in einem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Einfältigkeit elend »untypisch« aufstoße.

Das Mädchen will den Künstler in schöner moralischer Einheit sehen mit den erhebenden Impulsen seiner Werke - der dagegen (Fahrerflucht unter Alkohol und trotzig desinteressiert an seinem unehelichen Kind) besteht auf dem Unterschied zwischen privater und poetischer Persönlichkeit. Ideal und Wirklichkeit - in jeder Seele ein Widerspruchsknäuel - in einem Dialog des gegenseitigen Verschleißes: Der hehre Anspruch kommt auf den Boden, und dieser wiederum verliert sich ein paar Millimeter ans Schweben. Hin und her. Ping, pong. Wie gleichmäßige Schienenstöße. Das Stück kreist um Fragen, wie man eine sozialistische Gesellschaft aufbaut, und es fragt dies auf eine Art, dass auch Antwort gefunden werden möge, wie in besagtem Sozialismus Kunsthelden beschaffen sein sollten.

Ja, all das wirkt großenteils so, wie es im alten Schlager klingt: vergangen, vergessen, vorüber. Indes: Auch etwas liebenswert Forschendes hat sich im Text erhalten; etwas Überlebtes blinzelt heraus, dem man aber vielleicht auch wieder Zukunft wünschte - nämlich die Idee von einer Daseinsordnung, die nicht nur danach bewertet wird, was sie für die Freiheit des Einzelnen tut, sondern die den Einzelnen auch auf dessen Fähigkeit und dessen Willen prüft, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Verantwortung, so sagt das Mädchen in diese siebziger Jahre der DDR hinein, sei doch mehr, »als nur sechs Tage im Blauhemd rumzulaufen«, und Er ironisiert das oft dröge Prinzip der Parteilichkeit - diese erfordere ein Bewusstsein, das offenbar ständig »besichtigungsreif« sein müsse; ach, winkt er ab, »ihr habt die Vernunft gepachtet, lasst uns die Fantasie!«

Marina Senckel und Sabin Tambrea. Sie gibt ihrem Mädchen eine sanfte Bedrängungskraft, sie behauptet eine existenzielle Dringlichkeit, der sich der abwehrende, abwertende, abwartende, abschüttelnde Schriftsteller auf Dauer nicht entziehen kann. Tambrea hält diesen gleichsam auf sparsamster Reaktionsflamme, aufreizend unlustig pariert er die Aufgeladenheit seines unbekannten, überraschend hereinpolternden nächtlichen Gastes. Das Ganze behält eine seltsam gebremste Stimmungslage; man hat in diesem verdienten Reanimierungs-Projekt schon weitaus mehr Feuer lodern sehen.

Kerndls Stücke stehen für eine beinahe geruhsame, redlich unaufgeregte Sicht aufs Leben, sie geben die Hoffnung in eine Änderbarkeit von Menschen und Verhältnissen nie auf, sie sind freimütig im Bekenntnis zu aufsteigender Geschichte und bleiben sehr vorsichtig im Zweifel, solch Bekenntnis könne eine Selbsttäuschung sein.

Vielleicht hätte sich für diese BE-Reihe, die auch an verbotene DDR-Dramatik erinnern möchte, eher »Der Georgsberg« geeignet, ein Kerndl-Stück von 1984, das nach drei Aufführungen am Gorki-Theater abgesetzt wurde. Dem Autor wurde »parteischädigendes Verhalten« vorgeworfen - das Schauspiel attackiert Korruption unter Genossen, geißelt die Gier nach Westgeld, reißt an den Kulissenbildern, hinter denen sich das sogenannte sozialistische Bewusstsein als Ruinenfeld offenbart. Und also alles andere ist als »besichtigungsreif«. Man konnte einem Mädchen begegnen, und weil es Fragen entfachte, wuchs neuer Spaß am Leben - oder man konnte der Wirklichkeit begegnen, und weil auch dies sehr viele Fragen entfachte, hörte der Spaß auf ...

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