Der linke amerikanische Generationenroman

Jonathan Lethem führt in »Der Garten der Dissidenten« von der Kommunisten der 30er Jahre bis hin zu Occupy

Linksradikal zu sein, ist in den USA derzeit anscheinend durchaus angesagt. Occupy Wall Street fungierte im Zuge der sich weltweit ausbreitenden Krisenproteste 2010 als beschleunigender Multiplikator, David Graeber wird nach wie vor vom Feuilleton gerne als Vorzeigeanarchist herumgereicht und nun hat das Interesse an linksradikaler Politik endlich auch die Belletristik erreicht. Der 1964 in New York geborene Jonathan Lethem, aufgewachsen in einem linken Brooklyner Künstlerhaushalt, gilt mittlerweile als wichtiger zeitgenössischer Autor in den USA. Seine bisherigen Romane sind popkulturelle und gesellschaftskritische New York-Geschichten mit einem Hang zum Phantastischen. Ganz anders ist sein neues Buch, das eine komplexe historische Aufarbeitung linker Geschichte bietet. »Der Garten der Dissidenten«, ein fast 500 Seiten dicker Mehrgenerationen-Roman über New Yorker Linke, erzählt von der Kommunistischen Partei der 30er Jahre über die 1968er-Bewegung und die wilden 70er bis hin zu Occupy.

Im Zentrum des Romans steht die aus Polen eingewanderte Jüdin Rose Zimmer, die sich schon bald nach ihrer Ankunft in New York in den 1930er Jahren in der KP engagiert. Ihr Ehemann Albert, ein aus Deutschland geflohener Jude und ebenfalls KP-Mitglied, wandert nach dem Zweiten Weltkrieg auf Geheiß der Partei in die DDR aus. Außerdem lässt sich Rose von ihm scheiden.

Als die resolute Kommunistin später eine Affäre mit einem schwarzen Polizisten beginnt, wird sie deswegen aus der KP geworfen. Gegen rassistische Vorurteile kämpft sie vergebens an, auch wenn sie sonst größten Respekt genießt, so etwa in der Nachbarschaft der genossenschaftlichen Wohnsiedlung »Sunnyside Parks« im Brooklyner Stadtteil Queens, wo die Familie Zimmer lebt.

Die Siedlung, eine »kropotkinsche Kommune« wie es in dem Roman heißt, ist ein Paradies für jüdische Kommunisten. Hier wird das andere, das linke Amerika sichtbar in Form einer eigenen urbanen Realität. Kommunismus ist in »Der Garten der Dissidenten« keineswegs negativ besetzt, eher ein Stück ganz normaler amerikanischer Zeitgeschichte, das Jonathan Lethem aus der Versenkung holt. In einer Rede von Roses Ehemann in einer kommunitären Siedlung in New Jersey, von der es heißt, sie könnte »Amerikas erste KP-Stadt« werden, bezeichnet er den Kommunismus dann etwas hochtrabend sogar als »Amerikanismus des 20. Jahrhunderts«. Die große Ernüchterung für alle amerikanischen Kommunisten erfolgt schlagartig 1956 nach Chrustschows Rede, die das ganze Ausmaß der stalinistischen Verbrechen offenlegt.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich Rose schon gezwungenermaßen von der Partei entfernt, obwohl sie als Prototyp der souveränen Kommunistin galt. »Rose war die von der Partei erschaffene Neue Frau, unversöhnlich von Natur aus und berauschend in ihren Ansprüchen, ihren abrupten Ausbrüchen und ihren stürmischen Ausgrenzungen.« Ihre Tochter Miriam wird Ende der 1960er politisiert, heiratet einen irischen Immigranten, der eine linke Folksängerkarriere macht. Mit ihm geht sie nach Nicaragua, wo die beiden von den Contras ermordet werden. Ihr Sohn Sergius wächst erst in einer New Yorker Kommune auf, als Waise lebt er dann in einem Quäker-Internat, das in den 1970er Jahren zum Sammelbecken linker Hippies wird. Ein Vorzeigelinker wie seine Großmutter oder seine Mutter wird Sergius nicht. Erst als Vierzigjähriger lernt er eine Frau aus der Occupy-Bewegung kennen und interessiert sich plötzlich für linke Politik.

Das zentrale Motiv von Jonathan Lethems linksradikaler Familiensaga ist die ständige Trennung der einzelnen Familienmitglieder, ganz so wie sich die Linken in ihren Gruppierungen und Parteien weltweit ständig streiten und spalten. Aber ebenso gibt es eine nicht aufkündbare Verbindlichkeit und Kontinuität - in der Linken ebenso wie in der Familie Zimmer. In diesem Spannungsfeld aus Verlust, Abgrenzung und Solidarität entwickelt Lethem seine Charaktere zwischen Großdemonstrationen im Central Park, der Entstehung einer linken Musikkultur, dem Kommunen-Leben der amerikanischen Großstadt-Hippies, rigiden Parteiverfahren der KP, genossenschaftlichen Wohnsiedlungen in New Jersey und in Brooklyn, Briefwechseln zwischen Dresden und Manhattan und linken Akademikerkarrieren an der Universität. Etwas zu schablonenartig ist Lethem dabei der in die DDR ausgewanderte Albert geraten, der den braven Parteisoldaten gibt, was stark mit seiner antiautoritären Tochter Miriam kontrastiert.

»Der wahre Kommunist steht am Ende immer allein da«, resümiert irgendwann Rose Zimmer, die schließlich einsam in einem Altersheim vor sich hindämmert. Ihr Enkel Sergius hat erst nach langer Pause wieder Kontakt zu ihr. Und ganz am Ende des Romans, als er nach einem Wochenende in einem Occupy-Camp in New England bei einer Sicherheitsüberprüfung an einem Flughafen festgesetzt und einem erniedrigenden Verhör unterzogen und immer wieder gefragt wird, was er eigentlich will und wer er ist, denkt er bei sich: »Ein Rückwartsreisender. Ein Zeitpilot. Gebürtiger amerikanischer Kommunist.«

Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Roman. Tropen-Verlag bei Klett-Cotta, 476 S., geb., 24,95 €.

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