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Ich bin schön, ich bin eine Schusswaffe

Das Kino Arsenal zeigt die Filme der Action- und Thriller-Regisseurin Kathryn Bigelow

»I’m the motherfucker who found the place«, sagt die CIA-Agentin zu ihrem Boss, der endlich den Befehl zum Militäreinsatz gegen den in seinem Haus in Pakistan weilenden Osama bin-Laden erteilen soll. »Zero Dark Thirty« (2012) heißt der Militär-Thriller, der ganz ohne Nationalismustäterä und aufgeblähte Orchesterfanfaren auskommt. Denn das ist nicht der Stil der Filmemacherin Kathryn Bigelow. Thriller sind ihre Spezialität. Darüber hinaus hat sie sich bisher in vielen ihrer Filme als Expertin auf den Gebieten Männlichkeit, Gewalt, Schusswaffen und Genderfragen hervorgetan. Und es stehen wiederholt rätselhafte, mutige, androgyne Frauenfiguren im Mittelpunkt, die männliche Identität in Frage stellen und sich in einer von Männern dominierten Umgebung zu behaupten haben.

An ihrem in 50er-Jahre-Pastellfarben gehaltenen Erstlingsfilm »The Loveless« (1981) etwa - in dem es um eine Hand voll heranwachsende Motorradrocker im Jahr 1959 geht, die einen Tag lang in einem öden US-Kaff hängenbleiben, wo es am Abend zu einer Eskalation der Gewalt kommt - ist auch auffallend, dass viele Filmbilder auf den Betrachter wirken wie Gemälde von Edward Hopper: Ein gelangweilt in einem Diner sitzender Melancholiker, ein paar Zapfsäulen im Nirgendwo, eine einsame, verstörte junge Frau. Kein Wunder, ist all das doch inszeniert von einer Regisseurin, die zuvor Malerei studiert hat und als Konzeptkünstlerin tätig war.

Der junge Willem Dafoe, erkennbar James Dean und dem jungen Marlon Brando aus »The Wild One« nachempfunden, spielt in dem Film den jugendlich-virilen Motorradrocker Vance, einen Dropout mit Schmalztolle, von Bigelow 80 Minuten in Szene gesetzt als eine Art männlicher Pin-Up-Boy: Der beinahe voyeuristische Blick der Kamera auf ihn und die anderen strammen Rockabilly-Jungs in Feinrippunterhemden und in der Sonne glänzenden Motorradlederjacken ist dabei derjenige, den das von Männern gemachte Hollywoodkino sich gewöhnlich für junge, attraktive Frauen vorbehält: ein Abtasten des jungen Körpers, ein Hervorheben der erotischen Signale. Nur ist hier nicht das powackelnde Flittchen oder die rehäugige Unschuld vom Lande, sondern der sich als gesellschaftlicher Outlaw inszenierende Jüngling mit Brillantine im Haar das Objekt der Begierde.

Nebenher weidet sich die Kamera auch an Gegenständen und verleiht ihnen so einen ikonischen Charakter: der strahlend rote Cola-Automat, die chromblitzende Harley Davidson, die eng anliegende, schwarze Lederkluft, alles gerne in Großaufnahme, kein Problem. Dazu ein Soundtrack voller handverlesener, rarer Rockabilly-Songs. Alles wirkt hier wie mit eisernem Willen durchstilisiert: Sieh mich an, ich bin schön geformt, ich bin Glamour.

Bigelows gesellschaftskritischer Kommentar besteht darin, die Erwartung eines konservativen Publikums zu unterlaufen: Nicht die sich zaghaft antibürgerlich und sexuell libertär gerierenden, gelangweilten Mitglieder der Motorrad-Gang sind am Ende die Auslöser des Gewaltexzesses, sondern die protofaschistischen Kleinbürger und Rednecks, die die harmlosen Lederjackenjungs als arbeitsscheue Herumtreiber und »Kommunisten« wahrnehmen und aus der vermeintlichen Dorfidylle entfernen wollen.

Außenseiter gibt es nicht wenige in Bigelows Filmen. Im Vampirwestern »Near Dark« (1987), in dem eine Patchwork-Vampirfamilie mordend durch die USA der Gegenwart reist, wird die Ambivalenz von Gewalt dargestellt. Einerseits wird an den Opfern gnadenlos Gewalt zelebriert, andererseits ist sie unverzichtbar, um das Fortbestehen der Vampirfamilienexistenz zu sichern. Da kann es auch schon mal dazu kommen, dass die Vampirin sich am Handgelenk ritzen und selbst Blut vergießen muss, um den soeben erst angebissenen jungen Mann und also frischgebackenen Vampir, der noch nicht reif genug ist, seine menschliche Beute selbst zu erlegen, fürsorglich zu nähren. Im Polizeithriller »Blue Steel« (1989) muss sich eine junge Polizistin nicht nur eines wahnsinnigen Killers erwehren, sondern auch der sexistischen Vorurteile ihrer männlichen Vorgesetzten. Im Surfer-Actionthriller »Point Break« (1991) geht es um die Jagd zweier FBI-Beamter auf eine Gruppe lebenshungriger Surfer (!), die Banken überfallen, im Subtext natürlich aber auch wieder um große Schusswaffen, nackte Männeroberkörper, Fragen verdrängter Homosexualität sowie Geschlecht- und Genderfragen.

Das Magazin »Time« sah im vergangenen Jahr in Bigelow die »beste Action-Regisseurin unserer Zeit«, vermutlich auch deshalb, weil sie alles anders macht als etwa ihr Kollege Roland Emmerich (»Independence Day«), der seine Filme nach dem Motto »Viel hilft viel« dreht und glaubt, ein guter Actionfilm sei schlicht eine mit wagnerianischem Überwältigungsgedonner unterlegte Materialschlacht. Bigelow geht es indessen um das richtige Timing und stets auch um die Infragestellung des Vertrauens in die gültige gesellschaftliche Ordnung und der in ihr herrschenden Rollenbilder.

In ihren letzten Filmen, »The Hurt Locker« und »Zero Dark Thirty«, hat sie sich auf eigensinnige Inszenierungen des US-amerikanischen Militärs in Sondereinsätzen verlegt. In »The Hurt Locker« (2008) geht es etwa um ein US-Minenentschärfungskommando in Bagdad: 11 Millionen Produktionskosten, 15 Millionen Einnahmen an den Kinokassen. Ein schmales Budget für einen US-amerikanischen Actionfilm, ein magerer Gewinn.

Tatsächlich steht für Bigelow weder die vordergründige, laute Actionhandlung, der Pyrotechnikquatsch und der Budenzauber an erster Stelle noch der kommerzielle Erfolg. Ihr Film »The Hurt Locker«, so hieß es etwas geschwollen in der »Zeit«, »orchestriert Bewegungen im Spannungsfeld zwischen Ort und Raum, zwischen Landschaft, Architektur und körperlichen Details«. Das gilt, übersetzt man es aus dem Filmwissenschaftsprofessorenjargon, für alle ihrer Filme. Bigelow zeigt gern und mit viel Stilwillen imposante Orte und Körper, die sich anmutig durch sie bewegen: in »The Loveless« glamouröse Rockabilly-Jungs in der US-Provinz der 50er Jahre, in »Near Dark« einen schmutzigen Vampir-Clan in der nächtlichen Landschaft eines verödeten Arizona mit seinen billigen Motels und staubigen Landstraßen, in »Blue Steel« eine starke Polizistin und einen psychopathischen Killer in der Großstadt, in »Point Break« braungebrannte, muskulöse Surfer, die auf Riesenwellen kurven und aus Flugzeugen in die Tiefe springen.

Kathryn Bigelow ist die erste Frau, die mit einem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Bei der Oscarverleihung 2010 erhält »The Hurt Locker« sechs Oscars, das kitschige Action-SF-Märchen »Avatar«, der kommerziell erfolgreichste Film aller Zeiten, inszeniert von Bigelows Ex-Ehemann, dem Regisseur James Cameron (»Terminator«,»Titanic«), bekommt drei. Es gibt also noch einen winzigen Rest Gerechtigkeit in der Welt.

Das Kino Arsenal widmet der US-amerikanischen Filmemacherin Kathryn Bigelow eine Filmreihe (1.-28.3.); Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin, Tel.: (030) 26 95 51 43; www.arsenal-berlin.de

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