Von Paul Liszt

Bärenstark gegen Rechts

Neues Netzwerk soll Akteure aus Wirtschaft, Kultur und Sport zusammenbringen

Damit nicht immer dieselben Menschen gegen die NPD demonstrieren, will das Netzwerk »Berlin gegen Nazis« verschiedene Akteure zusammenbringen und auch als Mobilisierungsplattform fungieren.

Stolz lächeln die Fußballerinnen des Landesliga-Teams von Türkiyemspor für die Fotografen um die Wette. Ihre neuen Trikots ziert die Silhouette von vier Bären in Protestpose, das Logo von »Berlin gegen Nazis«. Sie sind aber nicht nur begehrtes Fotomotiv, sondern ein erstes erfolgreiches Beispiel dafür, wie das am Mittwoch vorgestellte Netzwerk in Zukunft funktionieren soll. Das Mädchenteam des Kreuzberger Vereins brauchte neue Trikots. Eine lokale Druckerei spendierte einen verbilligten Satz mit »Berlin gegen Nazis« als Pate. »Wir von Türkiyemspor wollen uns ganz klar positionieren und freuen uns, dies bei jedem Spiel auf den Trikots deutlich zu machen«, gibt sich Trainer Murat Dogan zufrieden. Die Kooperation sei ein gutes Beispiel dafür, wie man »sympathisch« für das gemeinsame Anliegen werben und dabei Bilder in die Welt setzen könne, lobt Jörg Steinert, Geschäftsführer des »Lesben- und Schwulenverband (LSVD)« in Berlin-Brandenburg, dessen Verband ebenfalls Partner des Netzwerks ist.

»Die, die die Vielfalt in unserer Stadt angreifen, sind tagtäglich aktiv«, weiß Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD). Ein Umstand, den »wir als Demokraten nicht ertragen müssen«, findet die Senatorin. Kolat ist Schirmherrin der vom Land Berlin geförderten Online-Plattform »berlin-gegen-nazis.de«. Am Mittwoch wurde sie im Tipi am Kanzleramt der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Portal soll sukzessive zum zentralen und spektrenübergreifenden Netzwerk gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus in Berlin werden. »Aus unserer langjährigen Erfahrung heraus wissen wir, dass es Zeit ist, neue Wege bei der Positionierung gegen Rechtsextremismus zu gehen«, sagt Bianca Klose, die Geschäftsführerin des Vereins für demokratische Kultur in Berlin (VDK) und Projektleiterin der Mobilen Beratung Rechtsextremismus (MBR). »Warum fühlen sich bei den Protesten immer nur dieselben angesprochen? Rechtsextremismus und Rassismus sind Probleme, die die gesamte Stadt betreffen und jeder kann etwas dagegen tun.«

Diese Einschätzung führte beim VDK zur Idee neue Wege zu gehen, um »mehr Menschen zu motivieren, ein Zeichen zu setzen«, erzählt Klose. Der Verein blickt auf eine mehr als zehnjährige Erfahrung in dem Bereich zurück. »Berlin gegen Nazis« richtet sich nun speziell an Verbände, Betriebe und Kultureinrichtungen. Vattenfall, der Handelsverband Berlin-Brandenburg und die Gewerkschaft ver.di sind bereits mit im Boot. Weitere sollen folgen. Gemeinsam mit den Partnern soll die neu geschaffene Internetseite gleichzeitig Informationspool, Teil einer Mobilisierungskette gegen rechtsextreme Großveranstaltungen und Informationsstelle für all diejenigen werden, die sich gegen Neonazis engagieren wollen. Unternehmen könnten etwa mit ihrer Belegschaft eine eigene Aktion starten und hinterher auf »Berlin gegen Nazis« präsentieren, erläutert VDK-Projektkoordinatorin Carolin Brenner die Idee des Netzwerks. Das Projekt soll auch die Menschen ansprechen, die sich von bisherigen Formen der demokratischen Proteste nicht angesprochen fühlen, erläutert Jörg Steinert.

Bei aller Freude über den Start des neuen Online-Portals gab Steinert zu bedenken, dass es auch noch einiges zu tun gäbe. Hetze gegen Homosexuelle und andere Vorurteile gehörten noch immer zum Alltag und dürften nicht »unter dem Deckmantel« der Meinungsfreiheit »kaschiert« werden, spielte er auf die aktuelle Debatte um Thilo Sarrazin an. »Wir sollten gemeinsam geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des demokratischen Konsenses stellt und in Berlin nicht willkommen ist«, so Steinert.

»Immer wieder - und gerade jetzt im Europawahlkampf - versuchen Neonazis und Rassisten, öffentliche Orte für ihre menschenverachtende Hetze zu missbrauchen«, bekräftigt Bianca Klose. Zeitgleich zur Pressekonferenz hielten sieben NPD-Anhänger am Mittwoch eine Kundgebung an einer Flüchtlingsunterkunft im Neuköllner Ortsteil Britz ab. In Berlin wird es immer wieder Anlass zum Protest geben.

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