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Deutsch oder Schwarz?

Das English Theatre verhandelt Konstruktionen kollektiver Identitäten vor dem Hintergrund von Nationalismus und Rassismus

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Es ist eine Theaterszene, deren Komik der unfreiwilligen Komik eines realen modernen Dramas entspricht, nämlich der Suche nach kollektiven Identitäten: Da spricht ein US-Amerikaner einen vorbeigehenden Deutschen kumpelhaft an: »Hey, my man.« Der jedoch schaut irritiert, mehr noch, erschrocken, und macht, dass er davon kommt. Erst bei der zweiten Begegnung bleibt er stehen und unterhält sich mit dem Fremden.

Dieser Fremde, der Jazz-Musiker Maurice, hat eine kollektive Identität vorausgesetzt, die dem Deutschen Klaus fremd ist, ja sogar missfällt: Maurice sieht sie beide als Schwarz an. Ja, Schwarz, nicht schwarz, denn schwarz ist eine Farbe, wohingegen Schwarz eine soziale Konstruktion ist, eine kollektive Identität. Unter sie fallen auch sehr viele Menschen, die gar nicht schwarz sind. Um Identitätskonstruktionen geht es in dem Stück »Schwarz gemacht«, das vergangene Woche Weltpremiere im English Theatre in Kreuzberg hatte. Der in Berlin lebende und aus den USA stammende Autor Alexander Thomas verhandelt diese allgemeinen Fragen vor dem Hintergrund der Geschichte Schwarzer Deutscher zur Zeit des Nationalsozialismus.

Herausgekommen ist ein Stück, das nicht nur zum Nachdenken anregen, sondern auch historische Fakten vermitteln will. Das beginnt schon im Foyer, wo ein halbes Dutzend Ausstellungstafeln hängen, die - wie das Stück auf Deutsch und Englisch - Hintergrundwissen vermitteln: über die afrikanische Zuwanderung zwischen 1884 und 1945, die Segregation in den USA, die Positionen Schwarzer im deutschen Kino zwischen 1918 und 1945 und über den bemerkenswerten Fall von Louis Brody. Der unter diesem Künstlernamen bekannte, in Kamerun geborene Schauspieler trat die ganze Nazi-Zeit hindurch in Filmen auf und ist die Vorlage für die Hauptperson des Theaterstücks.

Klaus ist nämlich Schauspieler, hofft die ganze Zeit auf Filmrollen und die dafür nötige Arbeitserlaubnis. Denn er hat zwar eine deutsche Mutter, doch das hilft ihm seit dem Machtantritt der Nazis nicht mehr. Dumm nur, dass Klaus das nicht wahrhaben will: Er ist so ein stolzer Deutscher, dass er in den Zeitungen, die er immer wieder liest und die die einzige Requisite auf der kahlen Bühne sind, nur die Stellen wahrnimmt, die den als undeutsch Definierten Pass und Arbeitserlaubnis in Aussicht stellen. Den radikalen institutionellen Rassismus will er trotz der ständigen Hinweise des Paares, bei dem er wohnt, nicht wahrhaben. »Du würdest einen guten Nazi abgeben, aber sie wollen dich nicht«, wird Klaus von seinem Mitbewohner attestiert. In seiner Überidentifikation mit seinem Geburtsland greift Klaus sogar Maurice an, und dessen Herkunftsland: »Ich würde kein Schwarzer in Amerika sein wollen«, ruft er etwa mit Hinweis auf die dortige Segregation und die vielen tolerierten rassistischen Morde.

»Schwarz gemacht« erinnert also nicht nur durch seine historischen Bezüge an die erstaunliche Geschichte Schwarzer Menschen in Nazi-Deutschland, von denen einige ins KZ kamen, während andere in Filmen mitspielen durften. Das Stück handelt auch allgemeiner von der Tragik der Minderheiten, die das Versprechen der (übrigens nicht nur deutschen) parlamentarischen Demokratie auf Zugehörigkeit ernst nahmen und sich als Teil der Nation ansahen. Diese Tragik ist hierzulande bekannter wegen jener Juden, die zu Beginn der NS-Herrschaft entrüstet und zum Teil in Flugblättern und Zeitungsanzeigen auf ihre patriotische Gesinnung und ihre Kriegsorden hinwiesen. Es nützte ihnen nichts.

Autor Alexander Thomas hat dabei die Größe, sich nicht auf Deutschland zu beschränken. »Zu der Zeit war die Ausgrenzung Schwarzer Identität in Amerika nicht geringer«, schreibt er im Begleitheft zum Stück. »Es könnte sogar argumentiert werden, dass sie in Amerika noch stärker und definierter war.« So ist Maurice nach Europa gekommen, weil der Jazz hier mehr Freiraum hat.

Warum aber ist der ansonsten intelligent wirkende Klaus so blind für seine eigene Ausgrenzung? Alexander Thomas berichtete am Donnerstag beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Aufführung, wann immer er Entwürfe dieses über Jahre hinweg entstandenen Stückes in den USA oder in London vorgestellt habe, seien es immer Weiße gewesen, die gefragt hätten, warum Klaus so sehr Deutscher sein will. Nicht-Weißen habe er das nie erklären müssen. Wem die lange Geschichte der Ausgrenzung und Herabwürdigung einer Minderheit nicht ausreichend bewusst ist, kann es eben schwerer nachvollziehen, wenn Angehörige dieser Minderheit auch nach der kleinsten Chance greifen, endlich in die Allgemeinheit aufgenommen zu werden, endlich nicht mehr ein Anderer zu sein. Klaus sieht sich als Deutscher, verleugnet irrsinnigerweise sogar seinen Vater - doch er wird Schwarz gemacht. Seine Zugehörigkeit wird von der Mehrheit um ihn herum bestimmt.

Von daher ist es nur realistisch und somit verständlich, wenn der lakonische, pragmatische Maurice Klaus in »die« Schwarze Identität sozusagen eingemeindet. Doch lauert hier schon die nächste Gefahr. Wer zuerst von kollektiven Identitäten ausgeht, setzt Menschen dem Risiko aus, »zwischen allen Stühlen zu sitzen«. Von daher wies das Schlusswort von Regisseur Daniel Brunet am Donnerstag in die richtige Richtung: Kein Staat dürfe mehr einem Menschen eine Identität vorschreiben.

»Schwarz gemacht« läuft bis Samstag und vom 12. bis zum 15. März im English Theatre, Fidicinstr. 40, Kreuzberg. Am 14. März findet im Anschluss ein Publikumsgespräch statt, das von der US-amerikanischen Soziologin Tina Campt moderiert wird, deren Buch »Other Germans« einen großen Einfluss auf das Stück hatte.

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