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El Salvadors Linke vor knappem Wahlsieg

Salvador Sánchez Cerén, Kandidat der Ex-Guerilla FMLN, wird vermutlich neuer Präsident El Salvadors

  • Von Michael Krämer
  • Lesedauer: 4 Min.
Bei der Präsidentenwahl in El Salvador liefern sich die Kandidaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ein klarer Sieger stand zunächst nicht fest.

Es ist ein echter Wahlkrimi in El Salvador geworden. Nach Auszählung von 99,9 Prozent der Wahlurnen kam Salvador Sánchez Cerén, Kandidat der regierenden FMLN, auf 50,11 Prozent der Stimmen gegenüber 49,89 Prozent für Norman Quijano von der rechten ARENA-Partei. Obwohl das Oberste Wahlgericht am Sonntagabend beiden Parteien untersagte, sich bis zur endgültigen Auszählung am Montag zum Sieger zu erklären, reklamierten beide Kandidaten den Wahlsieg bereits für sich.

Dabei ist Salvador Sánchez Cerén kaum noch einzuholen, auch wenn er nur gut 6000 Stimmen vor Norman Quijano liegt. Denn es geht nun vor allem um die Bewertung derjenigen Stimmen, die in den einzelnen Wahllokalen von einer der beiden Parteien angefochten wurden. Doch dies sind im ganzen Land nur etwa 4000.

Salvador Sánchez Cerén forderte in der Wahlnacht den politischen Gegner auf, »den Willen des Volkes zu respektieren« und den Wahlsieg der FMLN anzuerkennen. Norman Quijano hatte sich allerdings bereits gut zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale zum Sieger erklärt. Der knappe Ausgang kam für alle Beobachter überraschend, nachdem der FMLN-Kandidat in fast allen Umfragen seinen Vorsprung von etwa zehn Prozent aus dem ersten Wahlgang vor fünf Wochen gegenüber dem ARENA-Kandidaten verteidigen oder sogar noch etwas ausbauen konnte.

Am 2. Februar hatte Sánchez Cerén knapp 49 Prozent der Stimmen erreicht, fast zehn Prozent mehr als Norman Quijano. Gut zehn Prozent waren auf den früheren Präsidenten Antonio Saca gefallen, der nach der ARENA-Niederlage 2009 aus der Partei ausgeschlossen worden war und nun mit dem Mitte-Rechts-Bündnis »Unidad« angetreten war. Saca hielt sich auch nach dem ersten Wahlgang mit Kritik an ARENA nicht zurück und erklärte die FMLN indirekt zu einer wählbaren Partei. Doch die Wähler von Unidad haben sich nun meist doch wieder für ARENA entschieden.

Das Wahlergebnis zeigt, wie gespalten das Land ist. ARENA-Kandidat Quijano sprach dem Obersten Wahlgericht kurzerhand das Recht ab, ihm den Sieg noch streitig zu machen, einem Wahlgericht, das »gekauft und korrupt« sei. Seinen Anhängern vor der ARENA-Parteizentrale rief er am Sonntagabend zu: »Wir werden kämpfen und sind bereit, auch unser Leben zu geben!« Sogar ein Eingreifen des Militärs gegen »den Wahlbetrug« brachte Quijano ins Spiel. Das ging sogar der in El Salvador äußerst einflussreichen US-Botschaft zu weit, die gegen 22 Uhr ein Kommuniqué veröffentlichte, im dem sie zur Ruhe aufrief und forderte, die Ergebnisse des Obersten Wahlgerichts zu respektieren. Vor fünf Jahren hatte die FMLN erstmals die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Damals war sie mit dem populären Fernsehmoderator Mauricio Funes angetreten, Vizepräsident wurde Salvador Sánchez Cerén. Als die FMLN diesen vor anderthalb Jahren zu ihrem Kandidaten für die Wahlen 2014 kürte, lag Sánchez Cerén in Umfragen in der Wählergunst mehr als zwanzig Prozent hinter ARENA. Als dezidiert linker Kandidat und noch dazu mit seiner langjährigen Geschichte als Chef der größten Teilorganisation der FMLN-Guerilla wurde er zu sehr mit der gewalttätigen Vergangenheit El Salvadors identifiziert. Zugleich präsentierte ARENA mit Norman Quijano einen Kandidaten, der noch Anfang 2012 mit deutlichem Vorsprung als Bürgermeister der Hauptstadt San Salvador wiedergewählt worden war.

Doch gemeinsam mit dem als gemäßigt geltenden Oscar Ortíz als Vizepräsidentschaftskandidat holte die FMLN in den Umfragen immer weiter auf. Zudem machte Quijano im Wahlkampf schwere Fehler. So nannte er die Unterstützungsleistungen für Arme »Geldverschwendung«.

Die FMLN konzentrierte sich darauf, die Erfolge der aktuellen Regierung von Präsident Mauricio Funes insbesondere im Sozialbereich zu präsentieren. Das brasilianische Wahlkampfteam der FMLN verpasste Sánchez Cerén ein betont moderates Auftreten. So sprach er kaum noch vom »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« und auch Venezuela, für viele FMLN-Linke das große Vorbild, rückte im öffentlichen Diskurs der FMLN deutlich in den Hintergrund. Doch in den letzten Wochen warnte ARENA immer wieder vor venezolanischen Verhältnissen, sollte die FMLN die Wahlen gewinnen. Nach zuletzt mindestens zwanzig Toten, permanenten Demonstrationen und einer schweren Wirtschaftskrise in Venezuela könnte diese Angstmache dem ARENA-Kandidaten viele zusätzliche Stimmen gebracht haben.

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