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Nah am Abgrund kann es nur noch besser werden

Auf dem Kunstfestival »Leaving is not an option?« im HAU setzen sich Künstler aus Ungarn mit der politischen Lage in ihrem Heimatland kontrovers auseinander

Es ist schwierig zu schätzen, wie alt diese Frau auf der Bühne in Wirklichkeit ist. Ihr prächtiger roter Schlafmantel hängt an ihrer tattrigen Gestalt, gerade so, als wäre er vor vielen Jahrzehnten versehentlich an ihr vergessen worden. Ihre rötlich-braunen Haare fallen zerzaust auf ihre Schultern. Sie hat ein behelfsmäßiges Schild in der Hand - »eat people, not animals« - und bittere Wut in den Augen. »Wir brauchen eine demente Kultur, Politik und einen dementen Ministerpräsidenten«, zählt Sápi Mercédesz im Stück »Dementia, or the Day of My Great Happiness« ihre Forderungen am Eröffnungstag des Festivals »Leaving is not an option?« mit trotzig reibender Stimme auf der Bühne des HAU 2 auf.

500 000 Auswanderer in nur vier Jahren, so lautet die demografische Bilanz der derzeitigen ungarischen Regierung. Nicht einmal nach dem Aufstand 1956 haben so viele ihre Heimat verlassen. Viele sind Akademiker und Studenten - Menschen, die Regierungschef Viktor Orbán neulich in einer Rede als Opfer der »aus Deutschland gesteuerten Gehirnwäsche« diskreditiert hat.

Die einwöchige Reihe »Leaving is not an option?« solle als Forum für die kritischen Stimmen dienen, die sich mit den gesellschaftlichen Änderungen des Landes befassen und die in Ungarn derzeit nicht erwünscht sind, betonen die Veranstalter. Die bis zum 16. März laufenden Aufführungen der alternativen Theaterszene thematisieren das Phänomen, das heutzutage oft »ungarische Realität« genannt wird und das durch das groteske Duett von Hilfsbereitschaft und Chauvinismus, Menschlichkeit und Schmerz gekennzeichnet ist.

»Die Schauspielkunst dient dazu, dem Publikum bewusst zu machen, dass die Wirklichkeit gar nicht so einfach zu fassen ist, wie das die ständig wiederholten Losungen suggerieren«, erklärt der Dramatiker und Regisseur Péter Kárpáti gegenüber »nd«. Die Worte des Künstlers der Theaterwerkstatt Secret Company klingen ruhig. Er spricht über seine Heimat mit einer außergewöhnlichen Wärme. Ganz so, als ob seine Beziehung zum Land so vertraut wäre, dass sie durch die Wirtschafts- und Mentalitätskrise auf keinen Fall verdorben werden kann. Was die Zukunft angehe, sei er voller Hoffnung, sagt Kárpáti. »Wir haben schon die Grenze erreicht, ab der es nur noch besser werden kann«, äußert er sich mit erquicklichem Optimismus.

»Die gespannte politische Situation der letzten Zeit zwingt unser Theater zur freimütigen, direkten Stellungnahme. Wir versuchen Zusammenhänge und Ursachen zu erkunden: Unsere Aufführungen werfen Fragen auf, die viele beschäftigen. Und das Publikum ist äußerst dankbar dafür«, beschreibt Béla Pintér die Tätigkeit seiner Theatergruppe und ihre Rolle in der ungarischen Kunstszene. Solange er in seiner künstlerischen Arbeit frei ist, werde er Ungarn auf keinen Fall verlassen, betont Pintér. Wozu denn auch, wenn er am meisten sein eigenes Volk und seine eigene Kultur kenne. Nur in seiner Heimat könne er seine und die Probleme der Anderen künstlerisch verarbeiten, nur in seiner eigenen Muttersprache könne er seine Gedanken genau und differenziert genug formulieren.

In der kritischen Kunstszene tätig zu sein, ist in Ungarn allerdings derzeit keine dankbare Aufgabe. Das alternative Theater werde in der politischen Kommunikation als ein schnorrendes, eigentlich gar nicht existierendes Stück der Kultur betrachtet, da es eine Auseinandersetzung mit der historischen Verantwortung fordere, meint der Regisseur Csaba Polgár. Nötig sei die Auflösung der mentalen Ignoranz, die verhindere, dass die jetzt heranwachsende Generation ihre eigene Geschichte selbst gestalten könne.

»Leaving is not an option?«, bis 16.3., HAU Hebbel am Ufer, Tel.: (030) 259004-0; www.hebbel-am-ufer.de

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