Schamlose Wunderheiler

Trennkost, Schüßlersalze, Atmen nach dem Mond: Auf der Leipziger Buchmesse werden Hunderte Ratgeber auf der Basis haarsträubender Gesundheitstheorien angeboten

Bücher über Gesundheit gehen immer. Möglichst und alternativ. Je weiter weg von der wissenschaftlichen Medizin, desto besser. Aber ist es erlaubt, unbewiesene Behandlungen zu empfehlen?

Eine Kurzumfrage unter Ärzten: »Unverantwortlich« ist noch der moderateste Kommentar, es gibt schlimmere. Was so heftige Reaktionen hervorruft, ist ein Buch mit unschuldigen Kräutern auf dem Titel. »Heilpflanzen UrMedizin gegen Krebs Rheuma Fettsucht Allergie Herz- u.a. chronische Leiden« heißt es vollmundig. Und auch der Sieg über alle Potenzprobleme wird versprochen. Und innen lobt ausgerechnet Fernsehpfarrer Jürgen Fliege: »Franz Konz ist der einzige Arzt, der wirklich die Krankheiten heilt und nicht verschleppt.« Und weil der eben kein Arzt ist, warnt er auf fast 1500 Seiten mit Hass und Verachtung vor Ärzten und ihrer Medizin. Behauptet, dass Behandlungen von Ärzten nur schaden, nie nutzen würden. Verspricht aber die Heilung auch schwerster Krankheiten, etwa von Aids. Darf man das? Wer ist verantwortlich, wenn tatsächlich ein Leser stirbt, weil er auf eine wirksame Behandlung verzichtet hat? Im Impressum wird eine Haftung des Autors oder des Verlages ausgeschlossen. Reicht das?

Juristisch reicht es. Erstaunlicherweise. »Im Jahre 1970 wurde zuletzt ein derartiger Fall gerichtlich behandelt: In einem Fachbuch war in einer Rezeptur ein Komma verrutscht, so dass die Infusion einer 25-prozentigen statt einer 2,5-prozentigen Kochsalzlösung empfohlen wurde«, sagt Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. »Ein Assistenzarzt richtete sich danach und der Patient konnte nur noch mit Mühe gerettet werden.« Eigentlich ein klassischer Fall. »Die Haftung des Verlegers wurde dennoch verneint, weil der die Korrektur dem Verfasser überlassen hatte und dies auch bei einem Fachbuch durfte. Zudem hätte dem Arzt die Unverträglichkeit der Dosierung geläufig sein müssen. Seither gab es keinen weiteren Fall so Sprang. Keine Klage, keinen Prozess, keine Verurteilung. Autoren dürfen schreiben, was sie wollen, Verleger dürfen drucken, was sie wollen - es passiert nichts.

Und das tun sie auch. Die Versprechen der Ratgeber sind oft abenteuerlich. Aktuelles Beispiel: «Der Healing Code». Die Methode: «Man führt zweimal pro Tag eine Folge von vier Handpositionen aus, was gerade mal sechs Minuten dauert.» Sechs Minuten täglich, das ist zu schaffen! Das habe der Frau des einen Autors geholfen, ihre Depressionen zu überwinden. Und das habe den anderen Autor von ALS befreit - der eigentlich unheilbaren Krankheit, unter der etwa der Physiker Stephen Hawking bis heute leidet. Von einer ultimativen, einer revolutionären Heilmethode ist die Rede. Vier Handpositionen - darf man das? Das Buch erscheint bei Rowohlt, eigentlich ein Verlag mit wissenschaftlich anspruchsvollen Büchern. Stephen Hawking hat hier seine «Kurze Geschichte der Zeit» veröffentlicht. Ausgerechnet Hawking, denn der leidet unter eben jener ALS, die der «Healing Code» heilen könne. Stattdessen sitzt er seit Jahren im Rollstuhl, kann seinen Körper nicht mehr bewegen und nur noch durch einen Sprachcomputer reden. Unverantwortliche Heilsversprechen? Der Verlag verweist auf Nachfrage lediglich auf die lange Tradition von spirituellen Themen und alternativen Heilmethoden im Buchsortiment. Und auf den Erfolg: 200 000 Exemplare des «Healing Codes» wurden seit März 2012 verkauft! Vielleicht ist einfach die Versuchung zu groß.

Es gibt Ratgeber für und gegen alles: wissenschaftlich gegen Migräne und esoterisch über Mondmedizin. Und alles dazwischen. Die Erfolge sind unglaublich, auch in der seriösen Sparte: 1980 erschien die «Gesundheit aus der Apotheke Gottes» und verkaufte sich seither neun Millionen Mal! Relativ neu ist der «Quickfinder Schüßler-Salze» - zur Selbstbehandlung von Alltagsbeschwerden. Auch dieses Buch hat sich «innerhalb von sechs Jahren im sechsstelligen Bereich verkauft», wie der Verlag sagt. Aber Schüßler-Salze sind keine Wissenschaft. Wilhelm Heinrich Schüßler ging davon aus, dass Krankheiten durch Störungen des Mineralhaushaltes verursacht werden - und dass man sie mit homöopathisch dosierten Salzen kurieren könne. Ein akzeptabler Beweis der Theorie fehlt bis heute, nach weit über einem Jahrhundert. Trotzdem ist sie populär wie nie: Der Internet Buchversand Amazon listet auf seiner Seite allein 834 verschiedene Titel über Schüßler-Salze.

Insgesamt 10 269 unterschiedliche Titel aus dem Bereich «Ratgeber, Gesundheit» zählte «media control GfK» im Jahr 2012. Viele kommen aus kleinen Verlagen. Aber auch klassische, große Wissenschaftshäuser beteiligen sich mit einem Spagat zwischen Wissenschaft und Heilsversprechen. Thieme etwa. Hier werden hoch spezialisierte Fachbücher für die Aus- und Weiterbildung von Ärzten, von Anästhesisten bis zu Zahnmedizinern, veröffentlicht. Und im Tochterverlag Trias auch Ratgeber. Meist wissenschaftlich orientiert vom «Asthma Selbsthilfebuch» bis zum «Krankheitsherd Zähne». Einerseits. Andererseits ist der Verlag auch mit Schüßler-Salz-Büchern dabei. Und nicht nur damit. In einer Pressemitteilung für ein Hörbuch heißt es: «Die uralte Tradition des Nada Yoga bringt die Energiefelder unseres Körpers mit Hilfe von Klang wieder in ihre natürliche Schwingung.» Klingt gut - dürfte sich gut verkaufen. Aber auch das ist nicht bewiesen.

Ist ein solcher Spagat kein Problem? «Unser Anspruch als Verlag ist es nicht zu sagen, das ist die wahre und richtige Medizin und das ist die verkehrte», sagt Thomas Scherb, Geschäftsführer Medizinverlage Stuttgart. Hier ein Fachbuch über Anästhesie, in dem Wirkung und Nebenwirkung jeder Therapie wissenschaftlich belegt sein muss. Dort, im Tochterverlag, ein Ratgeber über: Terlusollogie - «Atmen nach Mond und Sonne». Die Erklärung: «Im Mittelpunkt dieser ganzheitlichen alternativen Methode steht das typgerechte Atmen, das uns Wohlbefinden, Gesundheit und ein harmonisches Leben sichert. Erkennen Sie Ihren Atemtyp (…).» Wirklich kein Problem für einen Medizinverlag?

Die meisten Ratgeber sind vorsichtig. Gräfe und Unzer hat 48 Ratgeber zur Gesundheit im Angebot. Eher über weiche Themen - von Yoga über Trennkost bis zu den unvermeidlichen Schüßler-Salzen. Aber auch «Die 8 Anti-Krebs Regeln». Allerdings wird die «rote Linie» hier nicht überschritten: Es gehe nicht darum, die ärztliche Behandlung zu ersetzen: «Das Autorenteam hat ein Konzept erarbeitet, mit dem man mit Hilfe des Ernährungs- und Lebensstils die Wirksamkeit von Krebstherapien steigern kann», heißt es. «Uns geht es eher um Vorbeugung und Unterstützung», sagt Claudia Uhr von Gräfe und Unzer. «Die Bücher werden von Ärzten geschrieben, oft mit Unterstützung von Journalisten - und die kennen die Grenzen, wann die Leser zum Arzt gehen sollten.»

Aber man muss offensichtlich kein Arzt sein, um einen Gesundheitsratgeber zu schreiben. Fantasie sollte man allerdings haben. Wenn die Titelseiten der Ratgeber nicht «revolutionär» sind, sind sie meist «sanft» oder «individuell, fast immer aber »natürlich«. Sie schreiben vom »Leben im Einklang mit der Natur«. Einige haben pseudoreligiöse Zuge und preisen sich etwa als Grüne Bibel, als »die neue vitamin bibel«, als »Fett-weg Bibel«. Und es gibt die »Bibel-Diät für Leib & Seele«. Der Erfolg gibt ihnen Recht, zumindest wirtschaftlich. Allein im ersten Halbjahr 2013 haben die Ratgeber (inklusive aller Bereiche wie Essen und Trinken, Heimtier, Hobby oder Garten) 277 Millionen Euro umgesetzt, so die Gesellschaft für Konsumforschung. Bücher über Körper, Geist und Seele waren mit 77,7 Millionen Euro dabei. Die Versuchung, sich an dem großen Kuchen zu beteiligen, scheint groß.

Allerdings gibt es eine leichte Verschiebung: »Die Gesundheitsratgeber gehen leicht zurück, die Nachfrage nach Fitnesstiteln steigt dagegen momentan«, sagt Claudia Uhr. Auch in diesem Segment wird geklotzt. Es gibt Fitness für Clevere, für Dummies, für Kampfsportler und für Gestresste: Sogar ein »Fitness-Training fürs Gesicht« gibt es. Die Übungen sollen gegen Falten helfen. Und vielleicht gibt es bald den Ratgeber »Fitness im Schlaf«. Oder ein wenig umfassender: »Fit, gesund, potent und schön in 24 Stunden«.

Die Gedanken sind frei, Papier ist geduldig. Viele Ratgeber geben sinnvolle Tipps und helfen, mit Krankheiten klug umzugehen. Aber einige Autoren versprechen Heilung, wo es keine Heilung gibt - und verhindern dadurch eine sinnvolle Behandlung. Es bleibt zu hoffen, dass die Leser diese Bücher doch eher als Wohlfühlliteratur empfinden, mehr als Unterhaltung denn als Ratgeber.

Dr. med. Magnus Heier ist niedergelassener Neurologe, Journalist und Buchautor. Er schreibt keine Ratgeber.

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