Versöhnung - ein Schluck Meeresbrise

Katja Petrowskaja und ihre jüdischen Vorfahren

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.
Versöhnung - ein Schluck Meeresbrise

Als sie diesen Roman schrieb, ahnte Katja Petrowskaja nicht, unter welchem Etikett sie damit in die Öffentlichkeit kommen würde. Aufruhr und nationalistischer Umsturz in Kiew, russisches Militär auf der Krim, Androhung von Sanktionen seitens des Westens - da haben deutsche Medien Bedarf an authentischen Stimmen, und Katja Petrowskaja stammt ja aus der Ukraine. Sie könnte jetzt täglich Interviews geben - nicht so sehr zu ihrem Roman, sondern als Sachverständige für ukrainische Fragen. Erwartungen schlagen ihr entgegen, sie wird in eine Rolle gedrängt. Wenn sie heute - wohlverdient - den Preis der Leipziger Buchmesse bekäme, müsste ihr der schale Beigeschmack bleiben, ob solche Aktualitätsgründe nicht eine Rolle spielten.

Dabei ist ihr Roman »Vielleicht Esther« so ruhig, wägend, so eindrucksvoll in vielen Szenen, dass man ihm wünschen würde, nicht auf dem Hintergrund eines Konflikts gelesen zu werden, der globale Ausmaße anzunehmen droht. Andererseits macht die Lektüre vielleicht wacher für die Problemlage in diesem Land. Denn Heutiges ist nur im Kontext der Vergangenheit zu sehen. Da verweist dieses Buch auf etwas vielfach Vergessenes, Verdrängtes: jüdisches Leben und Sterben in der Ukraine, in Polen, in Deutschland. Aber eben nicht im Sinne einer Dokumentation, sondern als ganz persönliche Spurensuche, die der Autorin zunächst einmal für sich selber wichtig war.

Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, studierte Literaturwissenschaft und Slawistik (ausgerechnet in Estland, wo das Russische nicht mehr hoch im Kurs steht), bekam ein Stipendium für die Stanford University und die Columbia University und promovierte in Moskau über die Poetik von Wladislaw Chodassewitsch. Seit 1999 lebt sie in Berlin, verheiratet, zwei Kinder. Den Roman hat sie auf Deutsch geschrieben. Ausdrücklich dankt sie ihrem Mann, Tobias Münchmeyer, wie hingebungsvoll, unermüdlich er ihr beim Finden von Wörtern, dem Entwickeln von Gedanken und der Bewältigung des Alltags geholfen hat.

Ihr Buch ist ein besonderes, ein bleibendes für die deutsche Literatur und ein Beleg dafür, wie diese Literatur reicher wird durch Stimmen aus Ost und Süd. Wie auch unsere Sprache überraschende Farbigkeit gewinnt durch Menschen, die sie erst lernen mussten. »Mein Deutsch blieb in der Spannung der Unerreichbarkeit und bewahrte mich vor Routine«, schreibt die Autorin an einer Stelle des Romans. Gerade weil sie mit der fremden Sprache nicht verschmelzen konnte, begehrte sie sie so sehr. »Ich schrieb und verirrte mich auf den geheimen Pfaden der Grammatik, man schreibt, wie man atmet, trist und Trost habe ich stets versöhnen wollen, als könnte mir diese Versöhnung einen Schluck Meeresbrise schenken.«

Ein düsteres Thema, doch was für eine hell klingende, poetische Sprache, ein Deutsch, das noch den Zauber des Russischen birgt: Dieses Buch ist ein Wunder, gerade weil die Autorin es sich nicht in Selbstsicherheit bequem machte. »Ich hatte gedacht, man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche.« Dahin kommt es am Ende sogar, aber erst einmal hat sie diese vergessenen, verschwundenen - ja auch ermordeten - Menschen wiederfinden müssen. Im Text verknüpft sie Recherchen und Lebensgeschichten, die so eindrücklich, erstaunlich sind, dass man das Buch nicht beiseite legen mag. Nichts ist geglättet. Dem Vagen, dem Widerspruchsvollen nähert sich Katja Petrowskaja so, dass sie persönlich kenntlich wird mit ihren Fragen und Zweifeln. Als eine nachdenkliche, fein empfindende Frau, die viel weiß und nur aus sich selbst heraus urteilen will. Die sich zu Skrupeln bekennt.

Lediglich »auf der Schwelle« fühlt sie sich im KZ Mauthausen, wo sie in einer der Häftlingsbaracken in Gedanken ihren Großvater sucht. Womöglich ist das ihr Erzählort überhaupt, auch wenn sie sich jener alten Frau nähert, die »vielleicht Esther« hieß ... Fast unerträglich heiß wird der Text im Kapitel über die Schlucht Babij Jar in Kiew, wo an zwei Tagen 33 771 Juden getötet wurden - und später kamen noch mehr dazu, insgesamt waren es 150 000 bis 200 000 Tote. Und was viele womöglich nicht wussten: Deutsche Henker fanden ihre Helfershelfer in der westukrainischen Polizei.

Antisemitismus in Polen und in der Ukraine - ein beschwiegenes Thema, zumal Deutsche da vor ihrer eigenen Tür kehren müssen. Auch darüber denkt man beim Lesen nach: Wie fahrlässig deutsche Politik und Medien die Augen verschließen vor gewaltbereitem Nationalismus anderswo. Aber das ist eine Polemik, die man der Lektüre hinzufügt. Im Buch ist nichts davon, denn es erwuchs aus einer, noch, friedlichen Zeit.

»Man sagt jüdisch, weiß aber nicht, womit das Wort gefüllt ist«, sinniert die Autorin. Lesend bekommt man eine Ahnung davon. »Wir waren eine sowjetische Familie, russisch und nicht religiös.« Hinzu kam nun für sie die deutsche Sprache - »die Sprache des Feindes«. »Aber wenn sogar ich auf Deutsch schreibe, dann ist wirklich nichts und niemand vergessen, und sogar Gedichte sind erlaubt, und Friede auf Erden.«

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther. Roman. Suhrkamp Verlag. 285 S., geb., 19,95 €.

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