Gift und Gegengift

Im Kino: »Die Bücherdiebin« von Brian Percival

Brian Percival konnte sich bei seinem Film »Die Bücherdiebin« wohl nicht recht entscheiden. Sollte er die Geschichte des deutschen Waisenmädchens Liesel, das während der Nazi-Diktatur als »Kommunisten-Tochter« bei Pflegeeltern unterkommt, mit hartem Realismus als eine arische Variante der Anne Frank erzählen? Oder sollte er die mythische Erhöhung wählen und die Geschichte wie im kunstvollen Faschismus-»Märchen« »Pans Labyrinth« von Guillermo del Toro mit surrealen Elementen anreichern und den Fokus auf »das Böse« und die Kraft der Liebe statt auf die junge Hauptperson legen?

Percival tendiert stark zur ersten, persönlichen Variante - wohl auch auf Druck der Produzenten wurde auf viele geplante Elemente des »magischen Realismus« verzichtet. Das macht den Film familientauglich, zerstört ihn jedoch nicht.

Beide Strömungen - und damit der Spagat des Films - sind in der gleichnamigen Jugendbuch-Vorlage des Deutsch-Australiers Markus Zusak bereits angelegt. Dort, wie im Film, leitet der Tod persönlich durch die Erzählung. Die philosophischen Monologe, die der zynische und sichtlich berufsmüde Schnitter aus dem Off beisteuert, treten dabei in manchmal irrwitzigen Kontrast zum Alltag seiner Opfer.

Diese (wohl unausweichliche) Unentschiedenheit nimmt der prächtig ausgestatteten Umsetzung des Bestsellers etwas die Wucht. Doch ein namhaftes, internationales Ensemble um eine nicht nur erträgliche, sondern bemerkenswerte Kinderdarstellerin (Sophie Nélisse), guter Geschmack bei den teuren Bauten und Kostümen, kunstvoll ausgeleuchtete Bilder des Kameramanns Florian Ballhaus und nicht zuletzt die geigenlastige, aber erhabene Musik von John Williams bewahren diese deutsch-US-amerikanische Hochglanzproduktion vor dem Absturz.

Der Film, der die schleichende Erfassung aller Lebensbereiche durch die Nazis beschreibt, ist auch eine Lehrstunde über die Indoktrination (noch) unschuldiger Kinder. Wenn diese süßen Goldkehlchen und Blondlöckchen ihre HJ-Hassliedchen anstimmen, die Jungs so stolz wie unwissend die ersten Runen an der schwarzen Uniform tragen und die Mädchen im Braunhemd den gerade erklärten Krieg bejubeln - dann sieht man statt unschuldiger Gören plötzlich potenzielle zukünftige Nazi-Monster.

Diese schockierende Offenbarung funktioniert als zuverlässiges Gegengift zur im Film teils übertriebenen Gefühlsduselei. Ja, es entsteht so etwas wie ein subversiver Kontrast, in dessen Rahmen der unbestreitbare Kitsch des Films sogar eine nützliche Funktion erfüllt.

Liesels Pflegeeltern könnten unterschiedlicher nicht sein. Die mürrische, streitsüchtige und erdrückend dominante Kratzbürste Rosa (Emily Watson) nennt Liesel »es« und braucht fast den ganzen Film, um das eigene, unter Gram und deutscher Disziplin verschüttete Herz aufzuspüren. Sie bildet den Gegenpol zu Hans (Geoffrey Rush). Der ist die zerknautschte Gutmütigkeit in Person, hat eine verträumt-künstlerische Ader und nennt Liesel nur »Ihre Majestät«. Gemeinsam bilden Hans und Rosa ein schön gespieltes, skurriles Paar, das aber nicht nur Liesel ein (zunehmend liebevolles) Heim gibt.

Aus alter Schuld erwächst die Verpflichtung, den flüchtigen Juden Max zu verstecken. Er wird Liesel ein wichtiger Freund, der sie zum Schreiben ermutigt. Der Keller des Hauses - Max’ Versteck - ist fortan Liesels Trutzburg, Sehnsuchtsort, Schreibstube und Fantasieschloss.

Liesel - Analphabetin, bis Hans ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort entfacht - stiehlt Bücher. Das erste fällt ihr in den Schoß, weitere rettet sie aus den Flammen der Nazis, für die Beschaffung wieder anderer wendet sie kriminelle Energie auf.

Eines jedoch bekommt sie geschenkt: »Mein Kampf« von Adolf Hitler. Max hat dessen zerstörerische Worte getilgt, und fordert Liesel auf, die nun leeren Seiten mit ihren eigenen, reineren Gedanken zu füllen.

Jenes Tagebuch wird zur Stütze bei Liesels Zwiespalt zwischen Anpassung und dem Wunsch nach Akzeptanz durch die vergifteten Mitschüler einerseits und der inneren Emigration, in die sie sich immer weiter zurückzieht, andererseits.

Der »Rolling Stone« schreibt: »Wenn es so etwas wie eine süße, besinnliche Fabel über den Tod und den Holocaust gibt, dann ist das ›Die Bücherdiebin‹« - und meint das positiv. Die »New York Times« dagegen verdammt den Film als »Oscar-heischenden Holocaust-Kitsch«, der wie ein »gigantischer Zuckerkuchen« den Horror des Krieges überdecke. Man kann dem Film natürlich vorwerfen, zu konsumfreundlich zu sein, die physische Brutalität der Nazis nicht in der angemessenen Härte zu zeigen - das ist ein bekanntes Problem bei allen Filmen über die Epoche, das bei einer Geschichte für Jugendliche zudem besonders schwer zu lösen ist.

»Die Bücherdiebin« versucht aber immerhin, die geistige Vergiftung nachvollziehbar zu machen und ihr eine Medizin - Bücher! - entgegenzusetzen.

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