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Die Seele, finsterer als der Wald

Gefängnistheater »aufBruch« zeigt im Jugendknast: »Herr der Fliegen« von William Golding

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Nie hat der Mensch Reife genug für die Insel. Auf der Insel, die ihm Bewegungsgrenzen setzt, sprengt er gar zu schnell die Grenzen seiner Maßhaltung. Denn da ist die Angst, da ist die Langeweile, da ist die Kraft, die einen Gegenstand sucht, sich auszuleben. Der Gegenstand ist schnell gefunden: die anderen. Mitmenschen in einer Inselsituation - sie sind jene Lunte, die jede Isolation in Explosion verwandeln kann.

Die Rede ist nicht vom Gefängnis, oder doch auch. Die Rede ist zuvörderst von William Goldings Roman »Herr der Fliegen« von 1954: Während eines Krieges stürzt ein Flugzeug mit britischen Jugendlichen ab. Die Erwachsenen sterben, die Jungen versuchen das Überleben auf der tropischen Insel. Hierarchiekämpfe. Jagdfieber. Furcht vor Tieren. Und der Wachalbtraum vom Monster im dichten Wald. Wildheitsgier gegen Ordnungsstreben. Unbeholfenheit gegen Unbeherrschtheit. Es wird Tote geben. Das Monster entpuppt sich als Leiche eines Fallschirmspringers. Und auf einem Pfahl, als Abschreckung und Selbstermunterung, prangt bald der Kopf eines erlegten Wildschweins. Er zieht Insekten an, er ist der Herr der Fliegen.

Goldings Roman als Theater, aufgeführt vom Gefangenen-Ensemble des Gefängnistheaters »aufBruch«, Spielstätte: die Jugendstrafanstalt Berlin, Regie: Peter Atanassow, Bühne: Holger Syrbe, Musik: Jörn Hedtke a.k.a. Kronstädta. Die Inszenierung ist Teil des derzeit laufenden kulturellen Bildungsprojekts »winterREISE - HipHopOperFilmTheater im Jugendknast«. Projektleitung: Sybille Arndt.

Der große Kulturraum des Gefängnisses. Leergeräumt. In der ersten Etage, hinter der Fensterfront, der Aufmarsch des Chores. Er singt Schuberts »Leiermann«. Die Musik kommt von unten, einer der Spieler an der Drehleier. »Wunderlicher Alter,/ Soll ich mit dir geh’n?« Fragt da der Mensch den lockenden Tod? Will er ihm folgen? Nach all dem Sehnsuchtsmüll der Jahre? Auf einer Leinwand Kriegsszenen. Bomben. Brände. Berstende Welt. Vor dem Krieg flohen Goldings Romanhelden, wurden Herren des fremden Strandes, entkamen dem Krieg aber nicht - dem, der im Menschen selber tobt. Das Untier, das darauf wartet, geweckt zu werden …

Elf Jungs. Die leere Halle gleichsam als Inselstrand. Ausnutzung der Ecken, Flügeltüren, Treppen: Feuerstelle, Schlafplätze, der Weg ins Innere des Eilands. Gespielt wird: die Notsituation. Die Selbstfindungsmühe. Der Überforderungsdruck. Pubertäre Männlichkeiten fallen übereinander her. Erwachende Verantwortungshaltung trifft auf Gewalt, die längst schon in Fleisch und Blut überging. Egoismus attackiert den Gemeinsinn. Der notgedrungene Mut sinkt der neugierig erwachenden Brutalität bereitwillig in die Arme. Krasse Direktheit begegnet der mahnenden Vorsicht. Freund gegen Freund, Machtanspruch gegen Machtmissbrauch, Recht gegen Unrecht.

Verschränkungen der Textvorlagen: Peter Handkes »Selbstbezichtigung« etwa (ein Entfremdungs-Exerzitium), Mephisto-Texte aus dem »Faust« und Heiner Müllers »Herakles 2 oder Die Hydra«: die Suche nach dem Gegner im Wald, nach dem »Tier« - bis hin zur grausigen Entdeckung: Der Wald selbst ist der Feind. Am besten also: Man sucht das wilde Tier gleich in sich selber.

Hinter den Spielern besagte Videoleinwand. Meeresrauschen. Dunkler Wald, zwischen dessen Bäumen das Licht flirrt. Überhaupt: Flirren aus Licht und Schatten. Das sind sie, die Wege ins Zentrum der Angst, die Suche nach dem Ort des Dämons. Kontraste. Tod. Trauer. Taumeln in fiebernden Lebensentwürfen, die auf Unterwerfung gebaut sind. Dazwischen Schuberts Liedmusik.

Atanassow hat den Chor, zu dem sich alle Spieler immer wieder fügen, zu beeindruckender sprachlicher Strahlung gefügt. Versammlung, Spaltung der Gruppe, Drohung, Appell, Niedergebrüll. Das knallt, peitscht, treibt. In den wechselnden Konstellationen zwischen den Behauptungsritualen findet die Regie zu dynamischen Arrangements zwischen Gruppierung und Vereinzelung. Lauern, Jagen, Kampf, Dialog, Rap, Turndynamik. Szenenapplaus.

Biografien und literarischer Text, persönlicher Gestus und Gestaltung: eine kantige, ruppige, suchende, lustvolle, scheue Begegnung. Hier spielen Laien, und allein schon Disziplin könnte da ein Abenteuer sein. Es wird bravourös bestanden. Hier hat viel Arbeit zum starken Erlebnis geführt. Der eine sichtbar mit Aura und Gabe versehen, der andere im Spiel eher etwas selbstverloren, der nächste trumpfend mechanisch oder noch unbeholfen mechanisch, der eine lapidar, der andere lustvoll lärmend, keiner übermäßig süchtig nur nach Pose.

Da ist der bestimmende Ralph (gespielt von Philipp): Elitebewusstsein in kräftiger Positur, und die selbstverständliche Art, aus einem sozialen Status die Führerfunktion abzuleiten. Der kleine Piggy (gespielt von John): Ralphs freundlich-hoffender, schutzbedürftiger Kompagnon; er offenbart, dass Vernunft- und Ausgleichsdenken nur ein letzter Rest Kindlichkeit sind. Und der sehnige Jack (gespielt von Kamal): macht die Gruppe zur Bande, ist von einer krud direkten, dann tigerschleichenden Gewandtheit, als trüge er Messer im Gemüt.

Wieder Krieg auf der Leinwand. Brandstellenbilder. Heldensehnsucht schafft Menschenfeuerfraß. Die Insel als Rettungsort - ein Draußen, wo freilich kein Entrinnen gelingen kann. Wir schleppen unsere Welt auf allen Fluchten mit. Auch aus jeder geradezu vegetativ empfundenen Benommenheit, in Not geraten zu sein, geht der Mensch baldigst seinen gefährlichen Weg in einen Erhaltungskampf - der ihn tötet. So führt das äußerst beeindruckende, dichte Spiel im Gefängnis geradewegs zum Existenzelend in der vermeintlichen Freiheit.

Nächste Vorstellungen: 14., 17., 19. und 21. März jeweils 17.30 Uhr in der JSA Berlin, Friedrich-Olbricht-Damm 40 (S-Bahn Beusselstraße). Nur mit Vorlage des Personalausweises.

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