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Leuchtturm der britischen Linken

Mit Tony Benn ist der dienstälteste Labour-Parlamentarier aller Zeiten gestorben

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Der britische Labour-Politiker und Friedensaktivist Tony Benn ist tot. Wie seine Familie mitteilte, sei er am Freitagmorgen im Alter von 88 Jahren nach schwerer Krankheit in London gestorben.

Sein letzter Auftritt erfolgte im Dezember 2013, als er zum Gedenken für Nelson Mandela sprach. Da war Tony Benn bereits 88, selbst angeschlagen, aber immer noch die Galionsfigur, der Leuchtturm der britischen Linken. Jener Mann, der rund 50 Jahre im Parlament von Westminster saß und damit dienstlängster Parlamentarier Labours aller Zeiten ist. Der unter den Premiers Wilson und Callaghan Kabinettsmitglied und in seiner Abgeordnetenlaufbahn parteiübergreifend wegen seiner Prinzipientreue geachtet wurde - auch von jenen, die ihn politisch ablehnten.

Benn war Gegner der britischen EU-Mitgliedschaft, Technologieminister und kandidierte mehrfach für die Parteispitze. Das Ende seiner beispiellosen Parlamentskarriere quittierte er mit den Worten, nun könne er sich »wieder mehr mit Politik befassen«. Er verstand sich als Teil der APO, verbreitete noch in kritischsten Phasen Optimismus, die Welt ändern zu können, war bei Friedenskundgebungen und Streikposten anzutreffen, lehrte an der London School of Economics, trat als Redner auf Kulturfestivals und in Fernsehstudios auf - a real political animal. Nur einen fürchtete er: den black dog of depression, der ihn »an ruhigen Tagen und nachts« heimsuche.

Benn blieb Persönlichkeit der Labour-Bewegung und einer ihrer offensten Kritiker. Den Modernisierungsweg der Partei, den Tony Blair und Gordon Brown einschlugen, nannte er eine Verirrung. Im Februar 2003, wenige Wochen vor der von Washington und London eingefädelten Irak-Invasion, sprach Benn auf der Friedensdemonstration, die nach Polizeiangaben die größte in der Geschichte des Königreichs war. Bis zuletzt war Benn Präsident der Vereinigung »Stop the War«, die ihn als »den wohl populärsten britischen Politiker aller Zeiten« bezeichnet.

Benn wurde am 3. April 1925 (im selben Jahr: Margaret Thatcher) in London geboren und wuchs in einem politisierten Haushalt auf. Er besuchte die Westminster School, ging zur Royal Air Force, »um gegen die Faschisten zu kämpfen«, und studierte in Oxford.

1950 zog er ins Unterhaus ein. Als 1960 der Vater starb, selbst Abgeordneter gewesen und später zum Lord erhoben, erbte Tony dessen Adelstitel - und damit auch den Sitz im House of Lords. Er verlor so sein Unterhausmandat, da sich gleichzeitige Mitgliedschaft in Unter- und Oberhaus ausschließen. Benn verzichtete daher auf den Adelstitel, mehr noch: Er wurde im Verlauf seiner Laufbahn Anwalt der kleinen Leute, Demokrat in Geist und Handeln und - fürs Königreich nicht selbstverständlich - Republikaner. In vielem verkörperte Benn die feine englische Art: Belesen, ausgesucht höflich, immer in Begleitung seiner Tabakpfeife und von unstillbarer Neugier, führte er noch mit dem nigerianisch-stämmigen Mechaniker seiner Autowerkstatt Bibelgespräche oder unterhielt sich am Rande eines TV-Interviews für Al Jazeera mit Prostituierten auf dem Trafalgar Square.

Auch seine berühmten Tagebücher über sechs Dekaden spiegeln die Trauer, die ihn wegen der Entwicklung seiner Partei umtrieb. Mit der heutigen Labour Party, weit - wie er sagte - nach rechts gerückt, hatte Benn nichts am Hut. Und die nicht mit ihm. In vielen Fragen, vom Irak- und Afghanistan-Krieg bis zu Bürgerrechten und »dem Verrat der Arbeiterpartei an der Arbeiterklasse«, fühlte er sich New Labour entfremdet. »Für mich ist es ein Verlust, dass Labour diese Fehlentwicklung nahm. Die Partei ist im Grunde tot, ermordet von Blair und Brown.«

Am Freitag ist Tony Benn, in seiner aktiven Zeit von US-amerikanischen Regierungen als gefährlich eingestuft und abgehört, in London im Alter von 88 Jahren gestorben.

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