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Melancholie im Reservat

Heute wäre die Jahrhundertschriftstellerin Christa Wolf 85 Jahre alt geworden

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Freudefunken. Ein Wort von Ingeborg Bachmann. Freudefunken - ein Wort, das auch für Christa Wolf stehen darf. Wenn man an deren kluge Leidenschaft bei der Beteiligung am ersten sozialistischen Versuch auf deutschem Boden denkt, an diese mädchenfrohe Tätigkeitslust, an dieses schöne Gemeinschaftsgefühl. Das zitierte Wort der Bachmann steht freilich in einem traurigen Satz: »Jemand hat meine Freudefunken ausgetreten.« Der Satz kann ebenfalls für Christa Wolf stehen.

In ihrem letzten Buch, das erst nach ihrem Tod erscheint, »Ein Tag im neuen Jahrhundert. 2001 bis 2011«, zieht sie ein Fazit ganz aus Erschöpfung. Sprache? Wozu noch? Von aller Existenz im Öffentlichen blieb der Wunsch, nunmehr und nurmehr »über einen Autor zu schreiben, der sich allem entzieht und für die Welt verschwindet«. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, weint sie, eingeschneit vom Nachrichtengestöber des Fernsehens. Aus ihren letzten Aufzeichnungen erfahren wir ein Flehen: »Wie gerne hätte ich meine Enkelkinder in ein friedlicheres Jahrhundert entlassen.« Nachklingt hier jenes lebenstiefe Empfinden von Zuständigkeit - nicht im Sinne einer politisch-moralischen Missionsstelle, aber sehr wohl im Sinne eines ständigen Fragens nach den Maßgaben einer Freiheit der eigenen Stimme, die sich nie lossagen wollte vom großen Ganzen. Aber just dies Lossagen scheint eines späten Tages ein letztverbliebener Rest Rettung geworden zu sein - weil sich das Ganze nie friedlich fügt und zu Großem schon gar nicht.

Literatur in der DDR kannte die heiteren Bewirtschafter des Künftigen, und sie kannte die trotzig Kämpferischen. Aber auch die Verzagten, Verprellten, Verzweifelten, fernab jener gesellschaftlichen Euphorie, die irgendwann ihr lügnerisches Wesen nicht mehr verbergen konnte. Getrennte Sichten, getrennte Welten. In Einmaligkeit dazwischen und darüber steht das Werk der Christa Wolf. Niemand außer ihr vermochte den Weg vom plebejischen Auf- zum sozialistischen Niederbruch, von der Weihe des geschichtlichen Ansinnens zur Wüstenei der inneren Ausleerung so wahrhaftig, so verquickt, so seismographisch präzise zu beschreiben. Als Einheit, als verwirrendes Zerren aller Gegensätze zugleich, als Aufbäumen der Anständigkeit gegen die Doktrin, als komplexe Welt aus Entwurf und Zerwürfnis, Würde und Entwürdigung. Christa Wolf ist im Epochalen ihres Stoffs stets nervennah am Menschen geblieben. Darin bestand jene erzählerische Gabe, die ihr Schreiben ins Weltliterarische verlängerte. Fritz J. Raddatz zählt in einem Essay die Werke auf, »Der geteilte Himmel«, »Nachdenken über Christa T.«, »Kindheitsmuster«, die Kassandra-Bücher, und was aus dem Geist der Hoffnung wurde, fasst er in zwei Worten zusammen: »Lebenszittern, Gedankenkrebs.«

Aus Nähe zum neuen Staat war bei dieser Autorin eine naive Innigkeit gekeimt und dann eine aktive Teilnahme am forschen Aufbau gewachsen. Eine andere Forschheit aber nahm überhand. Für Christa Wolf zeigte sie sich erstmals und einschneidend auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965, als sie einen nicht vorgesehenen Redebeitrag hielt. Sie sprang damals dem niederkritisierten Erzähler Werner Bräunig bei, traf auf eine »aggressive, denunziatorische Atmosphäre«. In ihrer Wortmeldung ein Satz, »der in diesem Saal wohl noch nie geäußert worden war: ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren«.

O Gott, was konnten wir SED-Leute später alles mit unserem Gewissen vereinbaren! Nein, stimmt nicht, das Gewissen war da längst ausgeschlossen aus der Partei.

Christa Wolfs Eintreten für die neue Ordnung endete in tiefer Enttäuschung - für diese Bitternis fand sie mit »Kein Ort. Nirgends« nicht nur einen Novellentitel, sondern eine prägende Lebensmetapher. Gegen die Erkaltung half nur, was immer hilft: das Besinnen auf den kleinen verlässlichen schützenden Kreis. »Ich habe in der DDR nicht mehr mitgespielt - bin zu keiner Versammlung, keiner Wahl mehr gegangen.« Das Dasein wurde zur wehen, aber unsentimentalen Selbstbeobachtung, »wie man lernt, konsequent ohne Alternative zu leben«. Einmal hat sie beschrieben, wie sie mit ihrem Mann Gerhard auf Landkarten und Globus starrte, aber jeder suchende Blick doch mit gleicher Bilanz: kein Ort, nirgends. Das Westdeutschland nebenan schon gar nicht. Wie hat es ihr das Herz zerrissen, als Thomas Brasch bebend vor ihr saß, er würde das Land verlassen, vielleicht hoffte er auf einen letzten entscheidenden Einspruch, aber sie war unfähig geworden zu sagen: »Bleib!«

Die Literatur, die sie schrieb, blieb jedoch eine der menschlichen Hingabe und Haltgebung, blieb eine Prosa der Unfähigkeit des Verrats an den Sehnsüchten nach Güte - und zwar als einer gesellschaftlichen Kategorie. Nur ging sie schreibend mehr und mehr »der Spur der Schmerzen« nach. Eine Staatenlose im Staat, eine tapfer Freie im Festgezurrten, unbeirrt liebend und feinfühlig. Wenn sie nach dem Ende der DDR in einem Interview sagte: »Wir haben dieses Land geliebt«, so war dies eben keinesfalls die Verteidigung des so rüden wie hilflosen Ein-Parteien-Systems, sondern Hoffnung, »dass so ein Satz dazu beitragen könnte, etwas differenzierter mit den Menschen umzugehen«, die in der DDR gelebt hatten.

»Wie oft in seinem Leben wird man ein anderer?« hat Christa Wolf in einem Text über Günter Grass’ Autobiographie »Beim Häuten der Zwiebel« gefragt. Es ist jene Frage nach dem »deutschen Selbstempfinden«, die sie auch an sich selber richtete. Es geht beim Schreiben darum, »Erinnerung durch Erzählen heraufzuholen und sie für das Ich wieder ›verfügbar‹ zu machen - mit allen Vorbehalten gegenüber der Zuverlässigkeit unseres Gedächtnisses«.

Das Gedächtnis dieser Autorin hat früh gewusst: »Auf einer breiten Schicht von Knochen, den vermodernden Knochen der Opfer, wurde Nachkriegsdeutschland aufgebaut.« Dieses Bild ist ihr nie aus dem Kopf gegangen - und das Gesicht der heimkehrenden, scheuen, wohl immer fluchtbereit bleibenden Anna Seghers wird für Christa Wolf unauslöschbar jenes Gesicht sein, das den seelischen Zustand einer ganzen Generation verkörpert. Einer Generation, die an der Macht namens DDR beteiligt wurde, aber die Angst doch nie verlor. Im Aufsatzband »Der Worte Adernetz« findet sich in Erinnerung an Seghers der Gedanke, woran späte Fotos dieser Autorin gemahnen: an den »Ausdruck derer, die vieles, vielleicht zu vieles gesehen, durchschaut, erlebt und überlebt haben, die wissen: Kein zufälliges Unglück ist ihnen zugestoßen. Es war alles so gemeint.«

Künstlerische Gestaltung verdankt sich dem unbewusst Empfangenen, aber das hat bei Christa Wolf nie zu einer Literatur geführt, die vor lauter freigesetztem Ich nicht mehr wirklich mit der Welt leidet. Nicht nur an der Welt: nein, in ihr. Dieser Standort produziert Zuständigkeit. Fron. Schwerstarbeit - des Begreifens, wie Kindheitsmuster Lebensmuster werden. Und dass eine neue Zeit nicht unbedingt neue Zeiten hervorbringt. Wer sich wie diese Autorin durch Kassandra und Medea hindurchgelebt hat, lebt fürderhin im Herzen einer Weisheit, der eine Selbstberuhigung mittels Illusionen nicht mehr gelingt.

Wolfs Literatur setzte den Menschen weiter hoch an, was in erster Linie heißt: Sie ließ sich nie dazu verführen, ihn herabzusetzen. Immer scheint in ihren Büchern auf, wie viele Innenräume es in einer Seele gibt, geräumige und enge, kellerhaft dunkle und lichtdurchsetzt helle - sie wusste (so heißt es in der Erzählung »Leibhaftig«), dass die Menschen »am liebsten unter Lasten zusammenbrechen, die sie sich selbst auferlegen«.

Eine Wahrheit, von der sich Christa Wolf nicht in den Zynismus locken ließ. Eher in ein Verständnis, das weh tat. Die Dichterin Nelly Sachs hatte es schon vor Jahrzehnten gesagt: Viel Unglück und Unverbesserlichkeit komme davon, »dass Menschen lieber glücklich sein wollen als gut«.

Unser Wesen, sagt Hölderlin, kennt die Begeisterung, die Verzückung, die uns, im Denken und im Fühlen, aller Sterblichkeit enthebt - für Momente. Um so härter dann fallen wir zurück auf den Boden unserer Unerheblichkeit. »Sommerstück«, »Störfall«: Das Luftige begegnet dem Unheimlichen; das heiter Feingesponnene besitzt das warnende Sirren straff gespannter Saiten; der schöne hohe Ton kann jeden Moment ins Peitschen übergehen, denn: Nun ist etwas zerrissen, das nicht heilen wird. Den Bittergeschmack von Tod, ach, den lächelst, diskutierst, kochst, feierst du ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weg, so viele Freunde du auch herbeirufst. Ruf die Freunde dennoch herbei. Gottlob, wer welche hat. Darüber schreibt diese Schriftstellerin so, dass man sie Dichterin nennen darf: ein Ernst voller lyrischem Maß; eine Zartheit noch im Anflug des mütterlich Pädagogischen; eine Durchsichtigkeit, darin das Schwere schwebt, das Würgende singt. Melancholie im Reservat, ein Schweigen wie bei Tschechow, und jedes Wort eine Zuarbeit fürs Requiem.

Da sind ihre Bücher, da ist die Waage, und jeder wäge selber ab: Was nimmt dem Leben die Schwere - weniger Träume oder weniger Schmerzen? Heute wäre die Jahrhundertschriftstellerin Christa Wolf, die 2011 starb, 85 Jahre alt geworden.

Soeben erschienen: Sonja Hilzinger: Christa und Gerhard Wolf. Gemeinsam gelebte Zeit. Verlag für Berlin-Brandenburg. 296 S., geb., 19,99 €.

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