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Verwegener Blick in die Zukunft

Ein theoretischer Physiker wagt sich an ein schwieriges Grundlagenproblem der Philosophie

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Das menschliche Gehirn ist das komplexeste Gebilde, das die Natur hervorgebracht hat. Obwohl es kaum anderthalb Kilogramm wiegt, beherbergt es rund 100 Milliarden Nervenzellen, die durch 100 Billionen Synapsen miteinander verbunden sind. In diesem verschlungenen organischen Geflecht liegt nach Meinung der meisten Wissenschaftler das Geheimnis dessen verborgen, was manche Bewusstsein, andere Geist und wieder andere Seele nennen.

So sieht es auch der in New York lehrende Physiker Michio Kaku, der in den USA etwas geschafft hat, was ansonsten nur wenigen Naturwissenschaftlern gelingt: Er ist als Bestsellerautor zu einem Medienstar geworden, der TV-Sendungen moderiert und von Talkshow zu Talkshow reist. Aber auch bei seinen Kollegen genießt Kaku hohen Respekt. Denn er gilt als einer der Mitbegründer der Stringtheorie, die einen mathematisch höchst anspruchsvollen Versuch darstellt, sämtliche Naturkräfte in einer Art Weltformel zu vereinen.

Doch dabei will es Kaku nicht bewenden lassen. Ausgehend von neuen Erkenntnissen der Hirnforschung stellt er Fragen, die traditionell in den Zuständigkeitsbereich der Philosophie fallen: Wer bin »Ich«? Was ist Bewusstsein? Und wie steht das Geistige mit dem Materiellen in Wechselwirkung? Um auf solche Fragen wissenschaftlich fundiert antworten zu können, sei die Kenntnis der physikalischen Gesetze unerlässlich, meint Kaku, räumt aber zugleich ein, dass diese Kenntnis allein nicht ausreiche, um das Wesen des Geistigen zu erfassen. Deshalb hat er für sein Buch »Die Physik des Bewusstseins« rund 300 Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen befragt - darunter die Nobelpreisträger Murray Gell-Mann, Steven Weinberg (beide Physik), Gerald Edelman (Medizin) und Joseph Rotblat (Frieden). Aber auch Experten für Künstliche Intelligenz (KI), Philosophen und Zukunftsforscher kommen zu Wort, um eine wissenschaftlich-technische Revolution zu beschreiben, von der Kaku annimmt, dass sie die Fähigkeiten des Menschen erheblich erweitern und dessen Selbstbild nachhaltig verändern wird.

Denn längst sind Wissenschaftler in Regionen vorgedrungen, in denen sich bisher vor allem Esoteriker tummelten. Zwar gebe es streng genommen weder Telepathie noch Telekinese, betont Kaku. Gleichwohl sei es durch moderne Gehirnuntersuchungen möglich, in gewissen Grenzen festzustellen, woran jemand gerade denke. Wissenschaftler können aber noch viel mehr. Sie können schon heute einem querschnittsgelähmten Menschen einen Chip ins Gehirn einpflanzen und diesen mit einem Computer so verbinden, dass der Betreffende in die Lage ist, allein durch die Kraft seiner Gedanken einen Rollstuhl zu steuern oder Haushaltsgeräte zu bedienen.

Ausgehend von solchen und anderen Hightech-Innovationen entwirft Kaku ein Bild der Zukunft, das durchaus nicht frei ist von Ambivalenzen. So hegt er einerseits kaum Zweifel, dass es künftigen Generationen gelingen wird, Träume und Erinnerungen digital zu speichern und sogar eine Backup-Kopie des Gehirns herzustellen. Andererseits sieht er in intelligenten Maschinen auch eine Gefahr. Denn diese könnten irgendwann fähig sein, ihre menschlichen Schöpfer zu verdrängen, um selbst die Regie auf der Erde zu übernehmen. Man mag das alles für Science-Fiction oder gar Spinnerei halten. Es sei jedoch daran erinnert, dass heute viele Dinge unseren Alltag prägen, die »Experten« in der Vergangenheit für nicht machbar erklärt hatten.

Kaku zeigt aber nicht nur auf, wozu Wissenschaftler imstande sind. Er erörtert auch die ethischen Konsequenzen des technischen Fortschritts und fragt, was notfalls zu tun wäre, um sozial destruktive Entwicklungen zu vermeiden. Ein ausführliches Sach- und Namensregister beschließt das Buch, das jedem zu empfehlen ist, der an der Wissenschaft vor allem deren visionäres Potenzial schätzt.

Michio Kaku: Die Physik der Bewusstseins. Über die Zukunft des Geistes. Rowohlt , 544 S., 24,95 €

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