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Stadt, Land, Bach

Barockmusik-Festival Aequinox in Neuruppin

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 5 Min.

Wer sich in diesem Jahr mit Barockmusik beschäftigt, kommt an Carl Philipp Emanuel Bach schwerlich vorbei. Der 300. Geburtstag ist Anlass, den bekanntesten Sohn des in der Musikgeschichte übermächtigen Johann Sebastian ein wenig aus dessen Schatten herauszuholen. Dass er zu seinen Lebzeiten berühmter war als sein Vater, hat nicht nur mit der Vergesslichkeit einer Gesellschaft zu tun, die ihrem Kulturgedächtnis noch nicht mit Tonträgern nachhelfen konnte. Es sind auch Carl Philipp Emanuel Bachs musikerneuernde Kraft und die künstlerische Substanz seines Werks, die ihn bis heute interessant machen.

Wer das zumindest stichpunktartig erleben wollte, war beim Bach-Marathon in Neuruppin bestens aufgehoben. Zum fünften Mal schon hatte am vergangenen Wochenende die Berliner Lautten Compagney, die längst zur Spitze der Interpreten Alter Musik gehört, zum Aequinox-Festival ins nordbrandenburgische Neuruppin eingeladen. Aequinox, die Tag- und Nachtgleiche zum Frühlingsanfang, ist ohnehin ein Datum, dem eine gewisse Magie innewohnt. Die seit jeher experimentierfreudige Lautten Compagney und ihre künstlerischen Gäste nehmen das jedes Jahr zum Anlass für ein faszinierendes Fest der Barockmusik.

Carl Philipp Emanuel Bach zu huldigen, ist in Neuruppin nicht weit hergeholt: Hier stand er als Musiker in Diensten des kunstsinnigen Friedrich des Großen, hier musizierte und komponierte er für den Preußenkönig. Für den Bach-Marathon hatte Compagney-Chef Wolfgang Katschner, der künstlerische Kopf der Lautten Compagney und des Aequinox-Festivals, vier Werke des Komponisten ausgewählt, die an einem Abend an vier verschiedenen Orten aufgeführt wurden. Hammerklavier, Cembalo, Clavichord, Hammondorgel - vier Tasteninstrumente, vier Mal ein ganz anderer Bach. Die Besucher wandelten bis in die Nacht vom verlassenen, bröckelnden Kaufhaus zur kleinen, schlichten Kirche, vom Musikschulsaal zum halb fertig sanierten Museum. 250 Menschen spielten vier Stunden lang Stadt, Land, Bach; vier Stunden musikalische Schnitzeljagd mit C.P.E. - keine Minute Langeweile, dafür ein paar magische Momente.

Das Projekt ist typisch für Aequinox: Katschner und die Organisatorin Gabriele Lettow, die in Neuruppin ein kleines Hotel führt, suchen jedes Jahr aufs Neue nach dem Unerwarteten. Ungewöhnliche Aufführungsorte, speziell für dieses Festival konzipierte Konzertereignisse, die man in dieser Form bisher noch nicht erleben konnte, manchmal auch nie wieder erleben kann. Brückenschläge über Genregrenzen und über Jahrhunderte hinweg, immer neue Bezüge zwischen Stadt, Raum und Musik - Überraschungen selbst für Alteingesessene inklusive.

Was freilich Geld kostet. Vor das künstlerische Vergnügen ist wie so oft die Mühsal der Sponsorensuche gesetzt. Da muss bei Privat und Staat geworben, da muss geplant und umgeplant werden. Am Ende hält der Bürgermeister zur Eröffnung ein kurzes, seelenloses Grußwort, in dem er auch gleich vom Geld spricht, aber freilich eines weglässt: dass nämlich die öffentliche Hand ihren Zuschuss diesmal drastisch gekürzt hat. Gabriele Lettow umschreibt den Sachverhalt angesichts ausverkaufter Säle diplomatisch: »Das Publikum hat das Festival gerettet.«

Dabei hat die Stadt einiges von diesem Festival der Fantasie: Besucher; ein aufpoliertes Image; eine Mundpropaganda, die nur positiv ausfallen kann; ein exquisites Kulturereignis als Standortfaktor. Und ein beispielhaftes Schulprojekt »Junger Barock«, bei dem Künstler der Spitzenklasse Musikschüler unterrichten und mit ihnen im Vorprogramm des Eröffnungskonzerts vor großem Publikum Stücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert aufführen. Eine Kommune, die diese Möglichkeit bekommt, darf sich glücklich schätzen.

Das trifft auch auf das gesamte Festival zu. Zum Auftakt der Stuttgarter Kammerchor, ein Spitzenensemble, das den Bogen von geistlichen Werken des 18. und 19 Jahrhunderts - hochkomplexe polyphone Stücke, die den Sängern alles abverlangen - bis zu den flirrenden Klangflächen des zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt spannte. Das Gegenstück, zum Abschluss, A-capella-Rockmusik mit dem niederländischen Vokalensemble Rock4. Und natürlich die gastgebende Lautten Compagney, die ihre Vielseitigkeit und Produktivität zuletzt mit der CD »Bacharkaden« und der ganz und gar nicht sentimentalen Weihnachtsplatte »Wie schön leuchtet der Morgenstern« demonstrierte.

In Neuruppin stellte sie gemeinsam mit den vorzüglichen Sängern von Amarcord das Lautenbuch des Melchior Neusidler vor, eine Sammlung teils religiöser, teils ganz weltlicher Hits aus dem 16. Jahrhundert - ein Nachmittag voller Gefühl, Groove und Swing. Und schließlich eine musikalische Reise auf den Spuren von Marco Polo. Barockmusik aus seiner Heimatstadt Venedig trifft auf fernöstliche Tradition, die Lautten Compagney auf den Mundorgel-Virtuosen Wu Wei; eine irisierende Verbindung, die schon nach kurzem Hören klingt, als hätte es immer so sein sollen, und vom fernen China als Sehnsuchtsort erzählt - wie auch die Schauspielerin Eva Matthes in heiter schwebenden Texten über Reisen in das ferne Land, bei denen man nie genau weiß, was man glauben darf.

Das Aequinox-Festival hat sich etabliert, so viel kann man nach der fünften Auflage feststellen. Einrichtungen und Firmen in Neuruppin finden inzwischen den Gedanken attraktiv, selbst einmal Konzertgastgeber zu sein. Um die Organisatoren ist ein Netzwerk von Helfern entstanden. Geboten wird den Gästen eine Mischung aus Hochkultur, Unterhaltung, Nachwuchsförderung und kulturpolitischer Debatte. Sie hätten noch Ideen für etliche weitere Jahre Aequinox, sagen Gabriele Lettow und Wolfgang Katschner gerne. Spätestens nach diesem fünften Jahrgang hält man das keinesfalls für eine Übertreibung.

Bach-Marathon in Berlin: Am 18. April spielt die Lautten Compagney vier Passionen von Carl Philipp Emanuel Bach in vier Kirchen; www.lauttencompagney.de

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